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Nr. 6 lebt bald nicht mehr

Konishiwa, Frau Dr. B.-K.

Komm gut rüber. Ich hatte Dich sehr gern.

#pflegealltag

Nr.5 lebt

Es gibt so Dinge, bei denen man nicht weiß, ob man sie lieber für sich behalten oder doch weiter erzählen sollte, damit man sie nicht dauernd mit sich herum trägt und in sich hinein frisst.

Die Sache mit dem gestrigen Suizidversuch gehört zu dieser Sorte von Begebenheiten. Kurz gesagt, wollte ein älterer Mann sich das Leben nehmen, indem er über eine Balkonbrüstung im dritten Stockwerk stieg und sich hinab warf. Und ich war genau zu dem Zeitpunkt zugegen.

An der Stelle stelle ich mir – seitdem das passiert ist – die Frage, ob es “leider” oder vielleicht “gottseidank” heißen müsste, dass ich dort war. Denn auch ich hab panisch reagiert – Puls und Atmung des Mannes überprüft. Niemand anderes traute sich das offenbar. Es ist ja auch nicht angenehm, eine am Boden liegende, röchelnde Person zu berühren.

Die Bilder und Geräusche werde ich aber wohl in nächster Zukunft leider nicht vergessen. Einige Leute meinten, ich solle selbst zum Arzt gehen und mich krank schreiben lassen. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht hingehen und weiter arbeiten werde.

Seinem nicht selbst gewählten Leben auch einen selbst gewählten Abschluss zu bescheren, halte ich für sehr legitim, insbesondere wenn es die Umstände (die lassen wir an dieser Stelle lieber weg) wie im oben geschilderten Fall nahe legen. Allerdings wäre dann die Art und Weise des Ablebens für das dankbare Umfeld durchaus zu überdenken.

Nach meiner Zivi-Zeit in der Altenpflege hatte ich dergleichen fast 20 Jahre lang nicht gesehen. Und auch damals sind die – ich glaube: in meiner Gegenwart insgesamt vier – alten Leutchen einfach nur dahin geschieden. Der gestrige war der erste mit eigener, gewaltsamer Einwirkung. Und wenn mich nicht alles täuscht, wurde er mit vollem Alarm und Sirenen vom Platz geführt, d.h. er lebte noch.

Das Geschehen wirft für mich philosophische Grundfragen auf. Und ich sollte vielleicht auch anführen, dass ich eine Depressions-Vorgeschichte besitze, demnach etwas “gefühlskälter” bin als die meisten Menschen. Will sagen: Ich kann nicht so gut empfinden.

Und deshalb werde ich nicht zum Arzt gehen, denn dann würde ja die alleinige Ansicht der vorab beschriebenen Situation als “krank” gelten. Jetzt kommt es (wait for it): Ich halte so etwas für normal. Tod ist alltäglich. Die Ausblendung wäre krank.

Ich bin froh, für das Leben Berufungen gewählt zu haben, die sinnstiftend sind. Ich verkaufe keine Aktienpakete (für das Hemd, das keine Taschen hat), ich informiere die Nachbarschaft (über das kurze Leben vor Ort). Und ich helfe alten Menschen im phantastischen Hauspflegeverein, ihr Leben zu meistern.

Das ergibt Sinn.

Viertel-Tscheche

Zu einem Viertel bin ich Tscheche, aber so ganz klar ist das nicht. Mein Großvater mütterlicherseits hat immer ein großes Geheimnis aus seiner Herkunft gemacht, aber er war ein Künstler im Verschweigen. Das bewies er allein dadurch, die Ç-Tilde in seinem Familiennamen auf allen Briefen konsequent auf ein deutsches “e” zu ersetzen. Bis selbst die Versicherungen glaubten, er hieße Krema statt Krcma. Warum? Tschechien ist doch ein tolles Land.

Es musste also irgendetwas Gravierendes in seiner Vergangenheit passiert sein, damit die eigene Herkunft derart verleugnet wurde. Was wir heute – lange nach seinem Tod – wissen: Es gibt (oder gab) Verwandtschaft in Prag und er wurde nach der “Eingemeindung” Böhmens und Mährens 1938 für die Wehrmacht in den Russland-Feldzug geschickt. Wo er dann lange in Kriegsgefangenschaft saß, danach seltsamerweise in meinem kleinen, ostwestfälischen Heimatort landete, meine Großmutter kennenlernte und, nun ja, ein Resultat davon bin ich.

Seine Kriegsgefangenschaft muss grausam gewesen sein – ich hatte ihn damals für die Begründung meiner Wehrdienstverweigerung befragt (bei einigen Details riet mir meine Psyche anscheinend, dieses und jenes sofort wieder zu vergessen). Im Ergebnis war “Russe” ein Schimpfwort, bei jeder Familienzusammenkunft. Wir sollten alle nichts wissen, wir waren ja alle deutsch und befanden uns im Frieden.

Als die Spätaussiedler in den 1990er Jahren zuhauf und auch in der kleinen Gemeinde ankamen, wurde das zu einem Problem. Der “Russe” (obwohl die Ankömmlinge offiziell deutsch waren) kam zurück. Und der Enkel – ich als damaliger Sozialamtsmitarbeiter – war sogar maßgeblich an deren Integration beteiligt. Das sorgte nicht gerade für besonders viel Seelenfrieden innerhalb der Familie.

Im Haus gegenüber zogen einige von ihnen ein und meine Mutter ist bis heute nicht besonders begeistert darüber. Die innerhäusigen, privaten und intellektuellen Verhältnisse waren nicht mehr besonders entspannt. Mein jüngerer Bruder und ich zogen fast zeitgleich aus und in andere Städte.

Und wir finden uns wieder in Bielefeld. Hier gibt es Menschen aus 151 Nationalitäten, und man trifft überall auf sie, sei es in der Uni, am Kiosk, in der Gastronomie oder sonstwo. Und man versteht sich. Dagegen ist eine tschechische Herkunft, und sei sie bloß zu einem Viertel vorhanden, lachhaft.

Eine “deutsche Rasse” oder so einen gedanklichen Schwachsinn gibt es seit jeher nicht. Ein genauerer Blick in den eigenen Stammbaum genügt. Das müsste bloß so langsam in den Köpfen von Pegida oder in Freital ankommen.

Ich bin gespannt auf die Hass-Mails. Guten Tag.

Warum das Internet manchmal nerven kann

“Betr.: Profil-Löschung

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bitte Sie dringlichst, mein Profil auf www.twoo.com zu löschen.

Seit geraumer Zeit erhalte ich Nachrichten in meinem Postfach von eventuellen Kontakten, ohne dass ich dort jemals ein Profil angelegt habe.

Das Anlegen eine derartigen Profils habe ich auch nie bestätigt und ich habe es mir nie angesehen. Da ich mir aber bewusst darüber bin, dass allein die Existenz eines solchen Profils auf einer Single-Plattform rufschädigende und beziehungszerstörende Folgen haben kann, bitte ich um schleunigste Erledigung, da ich ansonsten rechtliche Konsequenzen in Erwägung ziehe.

Bitte prüfen Sie auch, wie das Anlegen dieses Profils (eventuell mit IP-Adresse) zustande kam und teilen mir dies mit.

Hochachtungsvoll,
Rouven Ridder”

Bereuung

IMAG0449

Als ich noch bei der “Zeitung” arbeitete, wurde mir stets eingebläut, den Kunden nicht durch seine eigene Unschicklichkeit zu verärgern oder bloß zu stellen. Das bedeutete im Klartext: Er zahlt, also soll er für seine seine eigene Rechtschreibschwäche nicht vorgehalten und diese nach Möglichkeit berichtigt werden.

Diese Zeiten scheinen vorbei zu sein, ab jetzt werden Bereuungskräfte gesucht. Da bin ich dabei, das kann ich gut.

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