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Die Bildung Deutschlands und Deutschlands Bild

Als wäre es erst gestern gewesen, kann ich mich noch sehr gut an die Situation erinnern, in der der Hauptamtsleiter und damit Personalchef der Kleinstadt, bei der ich vor mittlerweile zehn Jahren meine Ausbildung begann, durch unsere Bürotür preschte und mir als allererstes folgende Frage gegen den Kopf warf: „Weißt du eigentlich, wie der höchste Berg Südamerikas heißt?“
Eine Antwort wusste ich Verdutzter, gerade mit der Begleichung blödsinniger Rechnungen der örtlichen Wirtschaft beschäftigt, natürlich nicht. Ich schüttelte also mein damals mit langen Haaren bewachsenes Haupt und wollte weiter meiner Tätigkeit nachgehen, als jener Spießer vor’m Herrn die übrige Belegschaft des Raums mit seiner Frustriertheit über das deutsche Bildungswesen nervte: „ Aha, sooo sieht’s also mit unseren Schulen aus.“
Die korrekte Antwort auf seine Frage hat ihn jedenfalls aller Wahrscheinlichkeit nach nicht interessiert. Er wollte nur schnell mal vorher im Diercke nachschlagen und anschließend seine Untergebenen von der Arbeit abhalten, um ihnen einen kleinen Beweis seiner Überlegenheit zu liefern. Im Beamtenwesen ist dies natürlich von jeher nichts Neues. Selbst Generäle entdecken, dem Sinn der letzten Kugel im Lauf beraubt, plötzlich Dichter und Philosophen, um nach einem kurzen Aphorismus bedächtig „Das ist von Schiller“ zu hauchen und nachdenklich in die Ferne zu schauen.
Was tun denn eigentlich Berge, wenn man ihren Standort beschreibt? Liegen? Stehen? „Der Mt. Everest liegt im Himalaya.“ Hm. Der Aconcagua jedenfalls hält sich zur Zeit an der chilenischen Grenze zu Argentinien auf. Dort schämt er sich dafür, die schnöden 42 Meter zur 7000er-Marke nicht geschafft zu haben. Im Diercke wird er demnächst sogar ganz rot geschrieben. Weder mein ehemaliger Vorgesetzter noch ich werden ihm jemals mit eigenen Augen beim Schämen zusehen wollen und dorthin reisen.
Das Reisen als Bildungsquelle halte ich von jeher für stark überbewertet, vermutlich auch durch die Touristikbranche veranlasst. Ich kenne genug Leute, die beim leisen Anflug freier Tage sofort zum Hörer greifen und einen Trip quer über den Globus buchen, aber trotzdem strohdoof wieder heimkehren. Die Daheimgebliebenen werden dann nach dem Entwickeln gezwungen, langweilige Fotos mit Lebenspartnern vor noch langweiligeren Monumenten zu betrachten. Man muss Erzählungen über sich ergehen lassen, wie toll die Animateure im Club waren oder, anderenfalls, wie man nicht in Kontakt mit der Bevölkerung trat, weil man keine Devisen im Rucksack hatte.
Die Frage vom Nutzen derlei Wissens drängt sich nunmehr förmlich auf. Eine direkte Antwort kann ich darauf leider nicht geben, sie verhält sich ähnlich wie die nach dem Sinn des Lebens, zu der fast die Hälfte aller Befragten sagen würde und auch wird: „Das Leben zu leben“. Es dreht sich alles also um des Wissens willen.
Das mir das Wissen um den höchsten Berg Südamerikas tatsächlich einmal Vorteile brächte, kann ich mir nur unter bei den Haaren herbeigezogenen Umständen vorstellen. Da sitz’ ich nun in Chile, ausgewandert, weil mich die Bundesrepublik Deutschland verfolgt, und beantrage dort Asyl. Zur chilenischen Berechtigung, sich in diesem Land aufhalten zu dürfen, zählt aber der Nachweis der Kenntnis der örtlichen Begebenheiten. Mir wird ein Multiple-Choice-Formular vorgelegt,
Frage 1: Welches ist der höchste Berg des Kontinents?
a) Mt. Everest,
b) Aconcagua,
c) Montblanc.
Bekomm’ ich jetzt Unterkunft und Geld?
Im Provinz-Sozialamt habe ich bereits oftmals Befragungen beobachten dürfen, und wir dürfen uns – mein’ ich – für human genug einschätzen, dass solche Fragen nicht fielen. Gegenüber sämtlichen Asyl-Aspiranten wurden lediglich die notwendigen Informationen über deren Identität geprüft. Da kann man doch direkt hinwegsehen über die Neigung des Amtsleiters, eine mit Geldscheinen bedruckte Weste zu tragen, die demjenigen in die Augen fiel, der genau das gerade brauchte, was ihm dort unprätentiös vor die Nase gehalten wurde, immerhin ohne Zigarettenrauch und Schreibtischlampenlicht (das ist wirklich wahr).
In weit entlegenen Teilen der Welt wird man übrigens im Fernsehen u.a. über geographische Besonderheiten Deutschlands aufgeklärt. Eine Freundin aus Taiwan berichtete mir unlängst per E-Mail, dass dort z.Zt. eine vierteilige Sendereihe zum Thema BRD gezeigt wird. Die vier Teile haben jeweils eine Länge von einer Stunde und behandeln – obacht –
1. Sylvesterfeiern in deutschen Großstädten,
2. Technologiestandort BRD
3. Schnee im Schwarzwald (eine Stunde lang?!)
4. Bayern, Bier und Zugspitze (!)

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