Gestern abend flanierte ich noch spät durch die städtische Topologie, da hörte ich in der Ferne zwei Vertreter des männlichen Geschlechts sich streiten, die man bereits als rudimentäre Überbleibsel vorsintflutlicher Umgangsepochen bezeichnen könnte. Dabei verwendete der eine ein Schimpfwort, das ich schon recht lange nicht gehört hatte und musste mich freuen. Diese Beleidigung hatte ich meines Wissens nach selbst nie in den Mund genommen und fragte mich in einem Moment stillster Kontemplation, wie dieses überhaupt entstanden sein könnte. Der Rüpel rief in etwa Folgendes für jedermann hörbar in die Bielefelder Dunkelheit: „Du alte Pissnelke, du!“
Nun läge ein Gang in die germanistische Bibliothek zur Ergründung des Ursprungs dieses Wortes zwar nahe, aber heute ist Sonntag, ich bin zu müde und der Aufwand hierfür scheint mir besonders groß zu sein. Daher werde ich mir die Etymologie des Wortes Pissnelke, insbesondere dessen beleidigende Konnotation, einfach ausdenken.
Ich stelle mir einen Wochenmarkt vor, auf dem zufälligerweise zwei Floristen unklugerweise ihre Stände nebeneinander aufgestellt haben. Damit die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens dieses Zufalls möglichst gering - und damit auch wirklich sehr dämlich - ist, müsste dieser Markt auch sehr groß sein, also z.B. der von Hamburg-St. Pauli. Kurioserweise führt der eine Florist in seinem Angebot fast ausschließlich Nelken. Der andere bietet eine breitere Palette Blumen an, worunter auch höherwertigere Rosenarten sind. Diese Rosen wurden von ihren Züchtern jahrzehntelang unter Aufbietung sämtlicher Raffinessen, vom temperierten Treibhäuschen bis zum Pferdedung, zur preisgekrönten Lady St. Clair-Gattung und Sir Ewan McGregor-Art hervorgepäppelt und kosten demnach 5 Euro pro Stück. Die Nelken sind aus Holland.
Da der adlige Florist aber seinen Kunden jedes Mal erklären muss, mit welchem Aufwand seine Pflanzen erzeugt wurden und weshalb dieser Preis doch gerechtfertigt ist, gehen die Leute lieber zu dem Mann, der nicht so viel redet. Dort sehen sie nur den weitaus günstigeren Verkaufspreis neben den doch auch recht schönen Knospen beziffert und erinnern sich weihnachtlichen Edelmuts, wenn sie an die Überreichung an die Geliebte denken: „Es ist ja nur der Wille, der zählt.“
Nach und nach wird nun der Rosenkavalier neidisch auf seinen Nachbarn, er fühlt sich völlig überflüssig, verlassen ihn die Kunden doch kaum, nachdem er seinen Redeschwall begonnen hat, um das billigere Gezücht aus dem verwässerten Nachbarland zu erwerben. Wenn sie nicht sofort „zu dem billigen Jakob da“ hinrennen, so doch wenigstens nach ein paar Minuten, nachdem sie das Gefälle bemerkt haben. Sämtliche seiner Bemühungen bleiben also im Treibsand des Geschäftslebens stecken und verschwinden ungesehen, als ob er sie nie aufgebracht hätte.
Der aufmerksame Betrachter dieser Szenerie hat direkt ein wenig Mitleid mit ihm. Doch nach einigen Stunden erfolglosen Anpreisens wagt er erneut einen Seitenblick und bemerkt das lächelnde und immer wieder nickende Profil seines Konkurrenten, wie er vor einem drängenden Pulk von Interessenten in der einen Hand ein Bündel Geldscheine und in der anderen seine heißbegehrten Nelken schwingt.
Da reißt unserem Wucherer im Gedenken an die Zeit, die in seine Pflänzchen investiert wurde, und an die Ignoranz, mit der sie bedacht werden, der geduldige Faden. Mit vorher ungeahnter Kraft schwingt er sich über den wackeligen Verkaufstisch und bahnt sich energisch und mit spitzen Ellbogen einen Weg durch die Menge an Menschen vor dem Stand des Nachbarn. Dort angekommen, verlässt ihn sein ansonsten edles Ansinnen, und er öffnet seinen Hosenlatz.
Den Rest können wir uns nur zu gut selbst mit ein paar pikanten Details ausmalen. Zum Beispiel mit einer Feinripp-Unterhose mit Eingriff. Das bleibt aber der Kreativität des Einzelnen überlassen. Jedenfalls habe ich mir hiermit eine Erklärungsmöglichkeit für das Schimpfwort von der Seele geschrieben.
Vielleicht musste ja auch der so angesprochene Rüpel beim Hören dieser selten angebrachten Bezeichnung ergreifend weinen, um anschließend sein Gegenüber aus Dankbarkeit zu umarmen. Ich hätt’s getan. Eventuell bringen sie aber dieses Wort desöfteren an und empfinden es gar nicht als so archaisch. Womöglich kennen sie sogar dessen Herkunft. Ich hätte noch einmal umkehren sollen.
Was wohl die Töchter von George W. dachten, als sie bei dessen öffentlicher Dankesrede für die Wiederwahl lächelnd im Hintergrund standen, um die Geschlossenheit der Familie zu präsentieren? Trugen sie während dieser Veranstaltung unter ihren Abendkleidern die Wäsche mit dem Aufdruck „No Trespassing“, wie sie die Kampagne für sexuelle Abstinenz vor der Ehe verteilt? Und wenn ja, taten sie es wohl aus Überzeugung?
Ganz unattraktiv sind die beiden ja nicht, mit Sicherheit bekommen sie so manches anzügliche Angebot von den Jungs auf dem College, und, hey, die Tochter des Präsidenten, na? Die ist schon `ne Trophäe. Und bestimmt sind sie schon das eine oder andere Mal in Versuchung gekommen, denn auf dem Kampus ist man ja tendenziell etwas kritischer gegenüber Kampagnen eingestellt. „Kampagnen-Kampus-Kritik“ sozusagen.
Aber man stelle sich vor, was es bei ihrer Entgleisung für einen Aufruhr im Boulevard und in den Gazetten gäbe: „Bush-Töchter scheren sich nicht um Daddies Rat“ oder mit Konsequenzen: „Papa Bushs Hand rutscht aus!“ Welch unschöner Fleck auf Daddies Weste der Glaubwürdigkeit. Und damit er nicht völlig besudelt durchs Weiße Haus rennt, hat der Präsident auch vorgesorgt. Direkt neben dem Schlüssel zu dem Köfferchen, das uns in die Steinzeit schicken kann, hat er jetzt nämlich zwei weitere an seinem Schlüsselbund.
Und jedes Mal, wenn die beiden von ihrem Wochenendbesuch zurück an die Uni müssen, kommt George nochmal und gibt ein Abschiedsküsschen. „So, Kinners, dann passt mal auf euch auf und macht mir keine Schande. Ach ja,“ sagt er und tut so, als wenn ihm plötzlich wieder etwas eingefallen ist. Die beiden wissen aber schon, wie der Hase läuft, denn sie kennen die Prozedur bereits. Genervt rollen sie also mit den Augen, stemmen die Hände in die Hüften und schauen zur Decke, während der Papa weiterspricht: „Ich wollt’ da doch noch was nachgucken“, und lupft blitzschnell deren College-Röckchen in die Höhe um nachzusehen, ob denn auch alles korrekt eingerastet ist. Und wenn der Fleischeslust im Hause Bush ein Riegel vorgeschoben ist, lächelt auch der mächtigste Mann auf Gottes Erden selig. Lediglich diese infantilen College-Röckchen stören ihn ein wenig.
Übrigens weiß ich gar nicht, ob die Töchter von George W. Bush tatsächlich auf’s College gehen. Es scheint mir bloß eine schlüssige Notwendigkeit zu sein, dass in den USA attraktive, im heiratsfähigen Alter befindliche Menschen aus gutem Hause dorthin geschickt werden. Sie treffen dort – in Yale, Harvard, Stanford oder wo immer sie auch studieren mögen – bestimmt auch auf Neve Campbell oder Freddie Prinz Jr.. Letzterer war, glaub’ ich, mittlerweile auf jeder zweiten amerikanischen Schule anzutreffen. Dieser gelackte Typ wäre auch `ne große Gefahr für unsere zwei Mädels, wollen wir wetten? Was will der eigentlich später mal werden? Er hat es meines Wissens nach nicht ein einziges Mal in den vielen Leinwanddokumentationen erwähnt.
Es scheint also gute Gründe für Papas Bedenken zu geben, denn er hat Einsicht in diese Dokus und er ist neuerdings immer voll nüchtern bei der Sache.
Blöd nur, dass man in den Staaten-Unis in jedem Semester einen Serienkiller hat. Da setzt man sich als Psychologiestudentin im Hörsaal nicht sofort neben den süßesten Typen. Da wird auch Freddie Prinz Jr. vorher genau unter die Lupe genommen. Andererseits könnte man sich die Bush-Geschwister natürlich als Vorbild nehmen und sich als weiblicher Student deren Vorbeugungspraktiken aneignen und darüberhinaus sogar publik machen: „Ich bin 1. nicht geneigt und 2. ist es dir technisch gar nicht möglich, mich zu besteigen!“ Das wäre natürlich ein viel zu langer Text für einen Aufruf, der sich auf den äußerst werbewirksamen Platz von Unterwäsche verlässt. Aber alleine die Bekundung zur Verweigerung würde höchstwahrscheinlich für genügend Gerüchte auf den Kampi (Plur.-Vermutung) sorgen, um eine Kettenreaktion zu erzeugen. Überall nur debil lächelnde, aalglatte Schönheiten, die nichts an sich heranlassen und auf den immer wieder zitierten, gähnend langweiligen Abschlussball warten.
Wenn es solch eine Einrichtung an unserer Fakultät gäbe, käme ich z.B. in eine gewaltige Zwickmühle. Welche Frau frage ich nur, ob sie mit mir dort hingeht? Allein das kann schon eine folgenschwere Entscheidung sein. Womöglich ist A traurig, wenn ich B mitnehme. Oder sogar beleidigt und dreht mir im Verlauf ihrer Karriere einen Strick. Außerdem kann mir mein Paps bestimmt keine Limo bezahlen, geschweige denn ich selbst. Wir müssten mit der Bielefelder S-Bahn vorfahren, ich darüberhinaus im Second-Hand-Anzug gekleidet. Und besitze ich soviel Ehrgeiz, um Ballkönig werden zu wollen? Wohl kaum, ich kann ja nicht einmal tanzen.
Wie schön, dass bei uns so Vieles so viel anders ist…aber auf die Ehemänner der Bush-Töchter bin ich trotzdem gespannt.
Mit ein paar Freunden hab’ ich seit Neuestem einen moralisch anrüchigen Zeitvertreib entwickelt. Wenn es darum geht, sich Wartezeit zu verkürzen, erweitern wir das bekannte Spiel „Stadt, Land, Fluss“ um einige neue, ungewohnte Kategorien. Spannend daran ist meistens die Diskussion, die während des Spiels um die Eingrenzung von Definitionen der Kategorien entsteht. Ganz besonders heftig umstritten schickte sich kürzlich das Gerede und Gewese um die hinzugefügte Sparte „Katastrophen“ an.
Schnell fanden wir heraus, dass wir zerstörerische Wetterphänomen nicht zulassen konnten. Das geschah nicht etwa deshalb, weil wir deren als für unwürdig für den Katastrophen-Begriff erachteten, vielmehr durften sie aus rein pragmatischen Gründen nicht zählen. Leider verhält es sich mit Hurricanes, Tornados usw. nämlich so, dass ihnen in alphabetisch-chronologischer Reihenfolge Vornamen zugeordnet werden, so dass die Wahrscheinlichkeit recht groß ist, dass, wenn man irgendeinen beliebigen Frauennamen in die Runde wirft, dieser auch bereits einmal stolzer Namensgeber einer tod- und chaosbringenden Anomalie gewesen ist.
Dagegen bilden Hiroschima, Auschwitz und Tschernobyl natürlich einwandfreie Top-Vorzeigekatastrophen. Schwierig wurde es dann wieder, als ich beim Buchstaben H Harrisburg einwarf.
„Das war keine Katastrophe, das war ein Zwischenfall,“ ranzte einer meiner Mitspieler besserwisserisch.
Darauf entgegnete ich: „Und du fällst auch auf jede Schönrednerei herein. Ein Reinfall bist du.“
Aber schnell hatten sich die Gemüter abgekühlt und ich musste eingestehen, dass dort und damals wirklich nichts passiert ist. Zum Glück..
Ebenfalls problematisch: W wie Weltkrieg (I oder II, beliebig). So ein Krieg ist selbstverständlich etwas Grausames und hat entgegen Ernst Jüngers früher Ansichten keinerlei Sinn. Dennoch beschränkte sich unsere Vorstellung von einer Katastrophe auf Ereignisse, die – zumindest für die Opfer - unerwartet, unvorhersehbar hereinbrechen. Schnell musste Meyers großes Taschenlexikon herhalten, welches eine K. etymologisch als „Umkehr, Wendung“ und im allgemeinen als „Unheil, schweres Unglück, Zusammenbruch“ definiert. Die den Weltkriegen vorangegangene Planung von langer Hand schloss sie daher für uns aus. Einzelne Umbrüche mit schweren Folgen wie Verdun und Stalingrad waren allerdings wieder gestattet. Aus eben diesen Überlegungen schied auch Guantanamo aus, das als absolut menschenunwürdig und –verachtend zu verurteilen bleibt.
Doch die Meinungsverschiedenheiten wollten nicht aufhören. Erst nachdem unter J das „(Werk von) Jelinek, Elfriede“, unter G „(Kleidung von) Gottschalk, Thomas“ selbst persönliche Geschmäcker als Unheil und schweres Unglück betrachtet wurden und wir diese natürlich nicht zuließen, fiel uns auf, dass sämtliche verbliebenen Katastrophen jeweils nach dem Ort des Geschehens benannt wurden und nur folgerichtig ebenso zur „Stadt“ zählen konnten.
Wir gaben das Unterfangen also auf. Beim nächsten Anflug von Langeweile werden wir andere Kategorien entwickeln müssen, vielleicht „Mordarten“ oder so…
Öffentliche, weltweite Ausschreibung zum Bau eines unterirdischen Raumflughafens
I. Auftraggeber: Osato GmbH, Japan.
II. Ort der Ausführung: Insel Matsu, gelegen zwischen Kobe, Japan, und Shanghai, China
III. Art und Umfang der Leistung: Schlüsselfertig wünschenswert, ansonsten Aufteilung nach folgenden Gewerken:
1. Aushöhlung eines erloschenen Vulkans und Errichtung eines Raumflughafens inklusive Terminals und großer Büroflächen, Gefängnistrakt und Großraumbüro mit Piranhabecken.
Erschwerend kommt hinzu, dass aufgrund des chinesisch-japanischen Abkommens zur Aufrechterhaltung geographischer Typologie an den äußeren, landschaftlichen Gegebenheiten keine Veränderungen vorgenommen werden dürfen.
2. Entwicklung einer neuartigen, bis dato nicht vorhandenen Technologie zum Senkrechtstarten und –landen rakengetriebener Raumfahrzeuge, die als Transporter für andere, kleinere Raumkapseln fungieren müssen.
3. Erstellung eines Netzwerks von Computern sowie die für ein Kontrollterminal benötigte Software. Die für diese Rechenoperationen benötigten Geräte müssen möglichst leistungsfähig und daher sehr groß sein.
4. Aufstellung einer möglichst unabhängigen Energiequelle und –versorgung im Umfang der für uns benötigten Zwecke.
5. Entwicklung eines Softwareprogramms zur Mitnutzung bereits vorhandener Satelliten im rechtsfreien Raum „Orbit“ (auch: „Weltall“), da diese für die Beobachtung unserer eigenen, künftigen Raumfahrzeuge zwingend notwendig sein wird.
IV. Sämtliche Leistungen müssen möglichst DISKRET erfolgen.
V. Verdingungsunterlagen (sowohl über die schlüsselfertige Erstellung als auch über die Gewerke verteilt) können angefordert werden bei: Toilettenspülkasten auf dem Männerklo hinter dem British Airways-Schalter am Flughafen London-Heathrow.
VI. Angebotssprache: Deutsch.
VII. Eröffnungstermin: Die Öffnung der Gebote findet findet an einem noch zu benennenden Ort zu noch benennender Zeit statt. Hinweise zu finden s. Punkt V.
gez. Ernst S. Blofeld
Geschäftsführer
Wenn man als Student dieser Tage einen Nebenjob sucht, braucht man sich eigentlich nicht lange Sorgen zu machen, womöglich leer auszugehen. Denn ein Blick in die Stellenanzeigen der Zeitungen verrät, dass es an Minijobs nicht mangelt und die Unternehmen stellen auch gerne, schnell und unbürokratisch ein. Das ist das Eine. Bei genauerem Hinsehen in die entsprechenden Sparten fällt dann aber auf, dass dort oft sich ähnelnde Berufsbilder bedient werden wollen: Seltsam mutet nicht nur an, dass sich eine Tätigkeit als Versicherungskaufmann oder Vermögensberater nebenbei erledigen lassen soll, nein, auch fast wöchentlich tauchen neue Call-Center auf, die um Telefon-Agenten werben.
Das Augenmerk lediglich auf die Inserate in Zeitungen oder im Internet beschränkt, scheint der Stellenmarkt auf die üblichen Nebenjobs im produzierenden Gewerbe oder im Verkauf bezogen völlig gesättigt, denn hier wird anscheinend niemand mehr benötigt. Die Zeiten, in denen Studenten Taxi fuhren oder im Lokal bedienten, neigen sich dem Ende entgegen.
Schnell ist man auch eines Besseren belehrt, dass sich die Versicherungsbüros und Vermögensberater auch nur für Fußvolk interessieren, das Verträge an Land zieht und einen Anteil an seinen Provisionen weitergibt. So muss man die eingestrichenen Verdienste lange Zeit aufbewahren, denn sollte ein solcher Vetrag vom Kunden annulliert werden, darf derjenige finanziell geradestehen, der für die Unterzeichnung gesorgt hat, nicht der vorgesetzte „Advisor“. Davon war allerdings nichts in der Stellenanzeige zu lesen, die sich mit den Worten „Bürokraft halbtags gesucht, 12 Euro pro Stunde“ eh weit in der Illegalität bewegte. Gründer solcher Systeme bekommen aber sogar das Bundesverdienstkreuz verabreicht.
So finden sich die Studenten schnell bei den Call-Centern wieder, wo sie auch neben anderen Berufstätigen, Arbeitssuchenden, Hausfrauen und anderen sitzen, die sich allesamt etwas Geld dazu- oder überhaupt etwas Geld verdienen wollen. Daran ist nichts auszusetzen. Im Gegenteil, Marktforschung, politische Umfragen sind existenziell für Unternehmen und Regierungen. Ohne sie wüsste man nicht, dass das Volk plötzlich Geländewagen will und Ausbildungsplatzabgaben verabscheut. Im „Jahr der Innovationen“ 2004 wurde kaum ein Schritt getan, ohne sich vorher abzusichern, dass die Nachfrage zu diesem auch tatsächlich besteht. Seit Längerem werden sogar die Wirkungsgrade der Werbung mittels Umfragen hinterfragt, und allem Anschein nach gibt es Menschen, die den Spot der BHW („Ja, oben bei Mutti.“) „witzig“ finden. Diese Variante ist aber noch die akzeptablere.
Daneben frönt nämlich noch die der Verkaufsstrategen ihr Dasein und ihnen geht es immer besser und von ihnen gibt es immer mehr. Der Begriff Firmenphilosophie erfährt erst durch ihre Anwesenheit innerhalb der deutschen Unternehmenslandschaft den Status eines Unwortes.
Es erscheint nur logisch, dass, wenn Produktion wegen offenerer Grenzen in günstigere Regionen wandert, Gewinne mit dem Vorfindbaren und Vorhandenem erwirtschaftet werden müssen. Doch wem Zinssätze und Geduld zu klein geraten sind, der steckt ein wenig Kapital in die in höchsten Tönen gelobten Boomsektoren der Telefondienste und will an das Eingemachte der Bevölkerung. Dass man den Menschen Verkaufsangebote unterbreitet ist nichts Neues, doch die Aggressivität in der Vorgehensweise erreicht mit den Call-Centern neue Qualitäten. So kommt es, dass nicht selten diejenigen, die ihren Festnetzanschluss nicht missen möchten, mittlerweile bei jedem zweiten Klingeln damit rechnen müssen, nach dem Abheben einen billigeren Telefonvertrag aufgedrängt zu bekommen, weil, wie es der Anrufer hinzufügt, er es ja „hier bei sich sehe“, dass man noch beim alten Monopolisten sei. Das Wissen, über das der unfreiwillige Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung verfügt, besitzt er aus Datensätzen, die die Call-Center je nach Interessenlage von spezialisierten Firmen zu hoch gehandelten Preisen erwerben. Und an der Tatsache, dass Daten über unsere Neigungen und Einkaufsgewohnheiten auf dem Markt frei verfügbar sind, tragen wir selbst Mitschuld durch die unzähligen Kundenkarten und Rabattmöglichkeiten, auf die wir uns nur zu gerne einlassen.
Auf der anderen Seite stehen die Telefonierer oder auch agents. Sie können sich nicht aussuchen, wen sie anrufen und der Erfolgsdruck lastet in der Regel sehr hoch auf ihnen. Vielfach werden ihnen noch nicht einmal Minimalst-Stundenlöhne gezahlt. Stattdessen erhalten sie meist einen Bonus für z.B. einen verkauften Vertrag oder ein verkauftes Klassenlotterielos. Der Gesprächsleitfaden, den sie dafür an die Hand erhalten, dient auch nur zur Orientierung, denn auf welche Art und Weise der Agent verkauft, bleibt in vielen Fällen ihm überlassen. So entstehen schnell bei den Haaren herbeigezogene Taktiken, teilweise werden schonmal ältere Menschen am Telefon in rüderem Tonfall genötigt, „jetzt doch bitte endlich ihren Gewinn abzuholen“, indem sie ein Los käuflich erwerben. Wenn ein Agent sich abendländischer Traditionen erinnert und Skrupel empfindet, er selbst würde niemals so behandelt werden wollen, dann kann er gleich seinen Hut nehmen. Ebenso, wenn er nach einer Probezeit nichts an den Mann gebracht hat. Und sollte er vorher einen Stundenlohn ausgehandelt haben, rächt sich spätestens zu diesem Zeitpunkt das unbürokratische Einstellungsverfahren ohne Vertrag.
Aber was tun, wenn die Zeitarbeitsfirmen oder sogar die Agenturen für Arbeit den Jobsuchenden genau diese Stellen vermitteln? Man wird sich in Zukunft kaum noch auf den Kategorischen Imperativ berufen können, wenn damit gedroht wird, das Arbeitslosengeld II zu kürzen. Diese Fragen sind umso dringender, als dass die Vermittler die Arbeitslosen bereits jetzt in diese Berufsfelder drängen. Ob sich Politiker jemals von ihrer Lobbynähe distanzieren und diese Unternehmen besser kontrollieren können? Bis dahin müssen sich die Verbraucher auf die Robinsonlisten (im Internet unter www.robinsonlist.de) hoffen, um mit einem dortigen Eintrag zumindest den deutschen Firmen Einhalt in den Datenzugriffen zu gebieten.


