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Call-Center-Job

Wenn man als Student dieser Tage einen Nebenjob sucht, braucht man sich eigentlich nicht lange Sorgen zu machen, womöglich leer auszugehen. Denn ein Blick in die Stellenanzeigen der Zeitungen verrät, dass es an Minijobs nicht mangelt und die Unternehmen stellen auch gerne, schnell und unbürokratisch ein. Das ist das Eine. Bei genauerem Hinsehen in die entsprechenden Sparten fällt dann aber auf, dass dort oft sich ähnelnde Berufsbilder bedient werden wollen: Seltsam mutet nicht nur an, dass sich eine Tätigkeit als Versicherungskaufmann oder Vermögensberater nebenbei erledigen lassen soll, nein, auch fast wöchentlich tauchen neue Call-Center auf, die um Telefon-Agenten werben.
Das Augenmerk lediglich auf die Inserate in Zeitungen oder im Internet beschränkt, scheint der Stellenmarkt auf die üblichen Nebenjobs im produzierenden Gewerbe oder im Verkauf bezogen völlig gesättigt, denn hier wird anscheinend niemand mehr benötigt. Die Zeiten, in denen Studenten Taxi fuhren oder im Lokal bedienten, neigen sich dem Ende entgegen.
Schnell ist man auch eines Besseren belehrt, dass sich die Versicherungsbüros und Vermögensberater auch nur für Fußvolk interessieren, das Verträge an Land zieht und einen Anteil an seinen Provisionen weitergibt. So muss man die eingestrichenen Verdienste lange Zeit aufbewahren, denn sollte ein solcher Vetrag vom Kunden annulliert werden, darf derjenige finanziell geradestehen, der für die Unterzeichnung gesorgt hat, nicht der vorgesetzte „Advisor“. Davon war allerdings nichts in der Stellenanzeige zu lesen, die sich mit den Worten „Bürokraft halbtags gesucht, 12 Euro pro Stunde“ eh weit in der Illegalität bewegte. Gründer solcher Systeme bekommen aber sogar das Bundesverdienstkreuz verabreicht.
So finden sich die Studenten schnell bei den Call-Centern wieder, wo sie auch neben anderen Berufstätigen, Arbeitssuchenden, Hausfrauen und anderen sitzen, die sich allesamt etwas Geld dazu- oder überhaupt etwas Geld verdienen wollen. Daran ist nichts auszusetzen. Im Gegenteil, Marktforschung, politische Umfragen sind existenziell für Unternehmen und Regierungen. Ohne sie wüsste man nicht, dass das Volk plötzlich Geländewagen will und Ausbildungsplatzabgaben verabscheut. Im „Jahr der Innovationen“ 2004 wurde kaum ein Schritt getan, ohne sich vorher abzusichern, dass die Nachfrage zu diesem auch tatsächlich besteht. Seit Längerem werden sogar die Wirkungsgrade der Werbung mittels Umfragen hinterfragt, und allem Anschein nach gibt es Menschen, die den Spot der BHW („Ja, oben bei Mutti.“) „witzig“ finden. Diese Variante ist aber noch die akzeptablere.
Daneben frönt nämlich noch die der Verkaufsstrategen ihr Dasein und ihnen geht es immer besser und von ihnen gibt es immer mehr. Der Begriff Firmenphilosophie erfährt erst durch ihre Anwesenheit innerhalb der deutschen Unternehmenslandschaft den Status eines Unwortes.
Es erscheint nur logisch, dass, wenn Produktion wegen offenerer Grenzen in günstigere Regionen wandert, Gewinne mit dem Vorfindbaren und Vorhandenem erwirtschaftet werden müssen. Doch wem Zinssätze und Geduld zu klein geraten sind, der steckt ein wenig Kapital in die in höchsten Tönen gelobten Boomsektoren der Telefondienste und will an das Eingemachte der Bevölkerung. Dass man den Menschen Verkaufsangebote unterbreitet ist nichts Neues, doch die Aggressivität in der Vorgehensweise erreicht mit den Call-Centern neue Qualitäten. So kommt es, dass nicht selten diejenigen, die ihren Festnetzanschluss nicht missen möchten, mittlerweile bei jedem zweiten Klingeln damit rechnen müssen, nach dem Abheben einen billigeren Telefonvertrag aufgedrängt zu bekommen, weil, wie es der Anrufer hinzufügt, er es ja „hier bei sich sehe“, dass man noch beim alten Monopolisten sei. Das Wissen, über das der unfreiwillige Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung verfügt, besitzt er aus Datensätzen, die die Call-Center je nach Interessenlage von spezialisierten Firmen zu hoch gehandelten Preisen erwerben. Und an der Tatsache, dass Daten über unsere Neigungen und Einkaufsgewohnheiten auf dem Markt frei verfügbar sind, tragen wir selbst Mitschuld durch die unzähligen Kundenkarten und Rabattmöglichkeiten, auf die wir uns nur zu gerne einlassen.
Auf der anderen Seite stehen die Telefonierer oder auch agents. Sie können sich nicht aussuchen, wen sie anrufen und der Erfolgsdruck lastet in der Regel sehr hoch auf ihnen. Vielfach werden ihnen noch nicht einmal Minimalst-Stundenlöhne gezahlt. Stattdessen erhalten sie meist einen Bonus für z.B. einen verkauften Vertrag oder ein verkauftes Klassenlotterielos. Der Gesprächsleitfaden, den sie dafür an die Hand erhalten, dient auch nur zur Orientierung, denn auf welche Art und Weise der Agent verkauft, bleibt in vielen Fällen ihm überlassen. So entstehen schnell bei den Haaren herbeigezogene Taktiken, teilweise werden schonmal ältere Menschen am Telefon in rüderem Tonfall genötigt, „jetzt doch bitte endlich ihren Gewinn abzuholen“, indem sie ein Los käuflich erwerben. Wenn ein Agent sich abendländischer Traditionen erinnert und Skrupel empfindet, er selbst würde niemals so behandelt werden wollen, dann kann er gleich seinen Hut nehmen. Ebenso, wenn er nach einer Probezeit nichts an den Mann gebracht hat. Und sollte er vorher einen Stundenlohn ausgehandelt haben, rächt sich spätestens zu diesem Zeitpunkt das unbürokratische Einstellungsverfahren ohne Vertrag.
Aber was tun, wenn die Zeitarbeitsfirmen oder sogar die Agenturen für Arbeit den Jobsuchenden genau diese Stellen vermitteln? Man wird sich in Zukunft kaum noch auf den Kategorischen Imperativ berufen können, wenn damit gedroht wird, das Arbeitslosengeld II zu kürzen. Diese Fragen sind umso dringender, als dass die Vermittler die Arbeitslosen bereits jetzt in diese Berufsfelder drängen. Ob sich Politiker jemals von ihrer Lobbynähe distanzieren und diese Unternehmen besser kontrollieren können? Bis dahin müssen sich die Verbraucher auf die Robinsonlisten (im Internet unter www.robinsonlist.de) hoffen, um mit einem dortigen Eintrag zumindest den deutschen Firmen Einhalt in den Datenzugriffen zu gebieten.

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