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Ein Spiel mit dem Feuer

Unlängst bezog eine marokkanische Austauschstudentin neben meiner Wohnung ihr Quartier. Obwohl unser beider Domizile tragende Wände trennen, werde ich meist spät am Abend Zeuge ihrer Zerstreuungsmusik. Auf der einzigen CD, die sie besitzt, jammert ein einsamer Mann in hohen Tönen um Hilfe. Da ihn niemand allein wegen seiner Stimmgewalt Beachtung schenkt, bedient er sich dabei noch einiger Schlaginstrumente, um mit möglichst ungewohnten Rhythmen auf sein Leid aufmerksam zu machen. Wahrscheinlich wurde er während seiner Klage noch lauter, als er bemerkte, dass ein unfeiner Mensch ihm nicht helfen, sondern seine Darbietung lediglich als beispielhaftes Dokument für orientalische Klagelieder aufnehmen wollte. Der arme Mann. Da sitzt er nun im Sand, ein Mikrofon vor der Nase und weint (laut).
An diesem Schicksal kann ich vermutlich rückwirkend nichts mehr ändern, handelt es sich doch um eine Aufnahme aus dem fernen Morgenland, die mir allabendlich geboten wird.
Man stelle sich vor: Da hat die Familie in Marokko kein Geld für die kulturelle Beschäftigung der Tochter übrig im Säckel und muss ihr eine vom Aufnahmeleiter im Sand vergessene CD-ROM schicken, sozusagen als Erinnerung an die Heimat. Woher sollten sie auch ahnen, dass dort so ein Gejammer drauf ist? Können sie sich doch schließlich aufgrund des Europaaufenthalts des Nachwuchses kein Abspielgerät leisten, um vorher mal reinzuhören. Kann ja keiner wissen, dass Onkel Mahmud nach seiner Scheidung plötzlich so abgeht (obwohl er ja schon immer etwas zum Eremitendasein neigte).
Bedauern erfüllt auch die übrige Nachbarschaft über die sehr einseitigen hörästhetischen Genüsse der Austauschstudentin. Ich beschloss daher, mich mit dem Nachbarn zusammenzutun, dessen Wand an die andere Seite ihrer Wohnung angrenzt [Klagemauer wäre hier vermutlich wegen des nichtbeteiligten Glaubens eher das falsche Wort]. Er bemitleidete sie ebenfalls, daher stellten wir zumindest fiktiv einige musikalische Preziosen zusammen, die wir ihr überreichen wollten. Dann könnte sie sich immerhin selbst aussuchen, womit sie sich in den Schlaf wiegte. Unser Programm ließ beinahe kein Genre und keinen Stil aus, für alles war ein Beispiel vorhanden: vom amerikanischen 60er Jahre Northern Soul zum französischen Chanson, vom englischen Punkrock der 70er bis zu modernem, japanischen Instrumentalrock. So einen Mix hatte ich bis dato noch nie kreiert, aber egal, er genoss Rechtfertigung durch unseren Bildungsauftrag.
Wie wir da so saßen und über die Reihenfolge der Stücke sinnierten, überkam mich plötzlich der Gedanke, dass die Nachbarin unser Geschenk vielleicht als beleidigend ansehen könnte und unseren eigenwilligen, ritterlichen Schwung aufs hohe Ross der Musikgeschmacksprägung womöglich sogar als vermessen. Wer weiß, andere Länder, andere Sitten.
Nicht lang ist’s her, da benötigte ich dringend eine neue Frisur. Wie gehabt, wenn sich diese Bedürfnis unstillbar in mir regte, ging ich zu dem netten türkischen Friseur ein paar Meter weiter in unserer Straße. Der bietet mehrere Annehmlichkeiten. Zum Einen ist er billig, zum Anderen wird man während der Wartezeit dort vorzüglichst bewirtet (Kaffee oder Cai, Zigaretten). Darüberhinaus erhascht man dort eine Menge archaischer und dadurch unterhaltsamer Ansichten über Frauen oder warum die Döner in ganz Bielefeld plötzlich nicht mehr schmecken. Bei meinem letzten Besuch herrschte dort ein großer Aufruhr. Eine junge Familie ließ ihren Kindern die Haare schneiden und als ich den Laden betrat, saß ein kleines Mädchen mit langen, braunen, lockigen Haaren auf dem Friseurstuhl. Es schrie wie wild und heulte, musste von den Eltern festgehalten werden, damit der Fachmann ihr die lange Mähne auf ca. einen Zentimeter stutzen konnte. So lautete sein Auftrag. Doch die Erfüllung fiel ihm schwer, bewegte das Mädchen doch immer wieder den Kopf und trat mit den Füßen nach ihm, um den Plan der Eltern zu vereiteln. Meine Wartezeit verlängerte sich demnach etwas und in mir drängte sich der Verdacht nach einem türkischen Bestrafungsritual auf. Da war doch damals dieses Mädchen in der Grundschule, dessen Namen ich vergessen habe. Sie war ebenfalls Türkin und ihr ist Ähnliches wiederfahren. Verständlicherweise berichtete sie damals nicht, was sie angestellt hatte.
Als schließlich ich auf den, ja, jetzt kam er vor mir wie ein Exekutionsstuhl, berufen wurde, fragte der Vollstrecker mich, ob ich die Situation eben gerade durchschaut hätte. Mit meinem Halbwissen von vor Jahrzehnten gewappnet, bejahte ich und fragte, was das arme Mädchen denn verbrochen hätte. Daraufhin lachte der Friseur laut auf und nachdem er sich beruhigt hatte, berichtigte er mich:
„Nee nee, das war ein Junge. Der hat das erste Mal in seinem Leben überhaupt die Haare geschnitten bekommen.“
Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
Toleranz wird heutzutage groß geschrieben, aber was soll man bloß gegen seine immer wieder hervortretenden Vorurteile tun? Tja, da hilft wohl nur durch Fehler zu lernen.
Unter Leuten, die sich mit Sprachen beschäftigen, gilt es ja als stiller Sport, die Herkunft von Wörtern zu ergründen. Ein Kommilitone meinte neulich zu mir, dass das Wort Toleranz ja vom lateinischen „tolero“ stammte, welches ursprünglich „ertragen, aushalten“ bedeutete. Der Gedanke wäre nur zu interessant, wenn man behauptete, man „ertrüge Schwule“.
Diese Aussage ist mir gesellschaftlich ein bisschen zu heikel. Zum Glück konnte ich einen Kommilitonen damit ins Feld schicken. Außerdem rettet der Hinweis auf die im Laufe der Jahrhunderte veränderte Bedeutung des Wortes hoffentlich meine Reputation.
Inzwischen haben wir das Unterfangen, meiner Nachbarin in punkto Hörgewohnheiten etwas unter die Arme zu greifen, aufgegeben. Wir sind zu der Ansicht gelangt, dass es wohl besser wäre, ihren Musikgeschmack zu tolerieren. Dennoch muss ich erwähnen, dass mich beim allabendlichen Hören jener Klänge der Gedanke an ihr Leid fast jedes Mal um den Schlaf bringt. Aber ich ertrage es in Würde.

Übrigens: Der Grund dafür, dass die Döner der Stadt nicht mehr schmecken, ist schnell gefunden. Wie mir mein Friseur berichtete, hat ein überregionaler Lieferant mit seinen weitaus billigeren Preisen die Stadt unterjocht. Das würde sich aber schnell ändern, wenn die Türkei der EU beiträte.
Da sag’ ich nur: Wohlan, wohlan, beschleunigt den Beitritts-Prozess, auf dass Bielefeld schon bald wieder mit leckerem Dönerfleisch gesegnet sei.

Ein Trackback/Pingback

  1. Der unfreiwillige Stereo-Typ | Killefit on Samstag, 3. März 2007 um 17:02

    […] eben auf dem Slam vorgetragen aufgrund einer älteren Vorlage von hier. Kam ganz gut an, hatte ich den […]

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