…aber, ehrlich gesagt, kenne ich niemanden, der etwas anderes tut…

Vor ca. 25 Jahren trug man noch Hemdkrägen, die am Hals so doll schmerzten, dass man schreien musste. Aber was tut man schließlich nicht alles, um im Trend zu liegen und gut auszusehen…
Es wäre reichlich naiv und vermessen zu glauben, an dieser Stelle etwas gegen die Automobilindustrie ausrichten zu können. Das will ich auch gar nicht. Wer will denn schon gerne gegen einen der Exportschlager und größten Arbeitgeber der Republik Einwände erheben? Das ginge vielleicht hier und da hinsichtlich gewisser personalpolitischer Einstellungen der Unternehmen. Das ist aber ein weites Feld und ich glaube, nicht genügend Einsicht in sämtliche Strukturen zu besitzen, um mir wirklich ein Urteil oder eine schlagkräftige Aussage dagegen machen zu dürfen.
Aber ich habe Meinungen und Vorurteile. Und kenne kein Pardon diese auch vorzubringen. Was die Einstellungen von Besitzern zu ihren Autos anbelangt, fühle ich mich sogar in Bezug auf ganz bestimmte unter ihnen beinahe prädestiniert, adäquate Analysen anzufertigen. Doch das werde ich ebenfalls nicht tun. Vielmehr dürstet mich nach Polarisierung, denn in der Kleinstadt, in der ich aufwuchs, ist es für viele Leute unumgänglich, ein „gutes“ Auto (also mindestens Marke VW) zu besitzen. Als Vorwand werden dann immer so fadenscheinige Behauptungen hervorgeholt wie diejenige, dass es dort im Ländlichen unmöglich sei, zeitgerecht von A nach B zu kommen („Zum Einkaufen brauchen wir das aber schon!“). Ein wirklich nach Alternativen interessierter Blick würde schnell eines Besseren belehrt werden, so gut ist auch dort der öffentliche Verkehr. Mit Vernunft rechtfertigen lässt sich dort die Anschaffung eines eigenen Kfzs nur dann, wenn man spätabends oder an den Wochenenden flexibel hinsichtlich seiner Motorisierung sein muss. Also zum Vergnügen, und da hat man’s ja bekanntlich schwer, mit Vernunft zu argumentieren. So mutieren dann auch gerne die Fahrzeuge der Dorfjugend zu beinahe straßengefährdenden Potthässlichkeiten und trauen sich dann auch noch tatsächlich damit in die größeren Städte vor die Discotheken.
Dennoch wird gerade in den „bodennahen“ Gegenden die freie Verfügbarkeit über ein Automobil als Ausdruck persönlicher Reife angesehen (eine Ansicht, über die Stadtbewohner aus gutem Grund schmunzeln). Aber der Wahl des Fortbewegungsmittels sind ab einem bestimmten Alter dabei Grenzen gesetzt. Grundsätzlich gilt: Stufenheck. Ein Stufenheck vermittelt Seriösität, darüberhinaus darf man sein Auto „Limousine“ nennen, womit ein Hauch von Bequemlichkeit den Fahrersitz umwabert und die Wirkung von sorglosem Ruhestand erzeugt. In den Augen anderer Leute erwecken Gefährte mit diesem Äußeren aber oft den Anschein von Biedermeierei und vor wenigen Jahren gestand ein Manager von Volvo bei der Verleihung des „Goldenen Lenkrads“ tatsächlich offen ein, seine Firma hätte jahrzehntelang dazu beigetragen, dass es Kindern nicht schwerfiele, mit wenigen Strichen Autos zu malen. Das haben die im Ländlichen traditionell dem ZDF verbundenen Zuschauer natürlich nicht begriffen.
Ich selbst hatte seinerzeit bei meiner künstlerischen Umsetzung von Gefährten keinen Volvo als ideale geistige Vorlage, wohl aber ein Modell, dass sich meiner Meinung nach viel besser dafür eignete, nämlich einen Audi 80. Und viel später, endlich im Besitz einer Fahrerlaubnis, versetzten ein Freund und ich den Sehgewohnheiten der Kleinstadtbewohner einen Schrecken, indem wir uns mit unserem damaligen Seattle-Grunge-Look eben solche Gefährte anschafften. Nichts mehr von sorglosem Ruhestand, jeder, der mitfuhr, durfte mal auf dem schwarzen Interieur unterschreiben.
Doch mittlerweile wurden auch Kombis und Vans für die Auslebung des Spießertums salonfähig. Der Familienvater zeigte sich erst zufrieden, wenn eben eine solche Variante des Passats in grau-metallic die Garageneinfahrt zierte und er anerkennende Worte über seinen Wagen vernahm. In der Provinz festigt leider nichts so sehr das Ego wie diese dumme Karre, nicht die Gründung einer Familie, nicht der Bau des Hauses, erst mit dem Erwerb des richtigen, „schönen“ Autos ist man Wer. Blöderweise tragen alle zur Aufrechterhaltung dieser ungeschriebenen Norm bei und wer einmal an deren Sinn zweifeln sollte, wird schnell vom Kollektiv für nicht ganz dicht gehalten.
Es ist im Prinzip kein Wunder, wenn die Jugend wegen dieser und anderer Schrullen schnell ausbüchst und das Weite sucht. Aus Mangel an Einsicht versuchen die Gemeinderäte dem Einwohnerschwund auf anderen Wegen Herr zu werden und so nimmt es nicht Wunder, wenn sie die Grundstückspreise für zuziehendes Volk extrem in den Keller drücken. Aber was sieht jeder neue Bebauungsplan neben dem Eigenheim unhinterfragt vor? Ganz genau, Garagen mit großzügigen Einfahrten.
Müssen wir also in Zukunft noch mehr Nachbarn grüßen, wie sie gerade mit frischgewaschenen und –gewachsten Lieblingskind langsam, ganz bedächtig auf die tagelang vom Unkraut befreiten Pflaster vorm Garagentor einbiegen. Als ich das einmal vor Jahren selbst tat und die elterliche Einparkbucht mit dem eben erworbenen neuen Modell des – obacht – Audi 80 befuhr, regte sich der Nachbar von gegenüber und rief mir beim Aussteigen zu:
„Schööön, die deutsche Wirtschaft ankurbeln!“
In diesem Moment erwischte es mich kalt und in mir keimte – zunächst unbewusst – bereits die erste Saat einer neuen Missgunst…
Hat von Euch eigentlich schonmal jemand erlebt, dass während einer waschechten, im vollen Leben ablaufenden Hochzeitszeremonie einer der Gäste aufsteht, nachdem der Pfarrer nach Einwänden gegen die Ehe fragt („…der möge jetzt sprechen oder für immer schweigen.“) und dann tatsächlich sagt:
„Ja, ich hier.“
In Literatur und Film wird so eine Situation ja sogar erwartet, klar, Handlungen benötigen Wendepunkte, sonst wird’s langweilig. Und in bestimmt der Hälfte aller Liebesschnulzen (ich hab’ aber nicht nachgezählt) kann man sich an dieser Stelle auf etwas gefasst machen. Aber im realen Leben? Wie würde denn da ein solches Geschehen ausgehen? Ich unterstelle einfach mal, dass so etwas tatsächlich irgendwo passiert, denn hey, Eifersucht und Neid gehören zum Menschen wie Schweiß und Haar und außerdem hätte man sicherlich sonst diesen Satz aus dem liturgischen Zeremoniell längst gestrichen.
Da steht dann also Einer (oder Eine), die übrige Versammlung sitzt da wie zur Salzsäule erstarrt und glotzt mit scheunentorgroßen Mündern. Die Einwände werden vorgebracht: Der Bräutigam ist hochverschuldet, die Braut hat ein „Verhältnis“ und überhaupt, wie ich jetzt erst herausgefunden hab’, seid ihr Geschwister. Das Übliche eben.
Und dann? Sieht das Ritual es vor, die Zeremonie zu unterbrechen? Oder würde der Priester, und mit ihm der ganze Rest, brav-bürgerlich so tun, als ob er nichts gehört hätte? Schnell Ringe anlegen, Küssen und nix wie weg. Onkel Karl hatte die Feier wohl wieder mal vorgezogen.
Das würd’ mich mal interessieren…
Es ist ja mittlerweile nicht zu fassen, was nicht alles für Ingredenzien als Anheizer für gewisse Stunden gelten sollen. Wenn ich das nächste Mal unverfänglich koche, dürfte ich wahrscheinlich einer anwesenden Frau gar nicht aufzählen, was das Gericht alles beinhaltet, ohne dass mir irgendwelche Absichten unterstellt werden.
Sie: Rouven, wie bereitest du das denn so zu?
Ich: Ja, also erst tu’ ich da x dran, dann leg’ ich es in y ein, dann brat ich es kurz scharf an und würze es noch ein wenig mit z.
Sie: Ooooh *klimper-zweideutig-mit-den-Augen*, was haben wir denn heute noch vor?
Diese Situation hab’ ich mir natürlich nur ausgedacht, aber ich kenne ein paar Menschen, die der Komposition von Lebensmitteln in der Küche tatsächlich eine große Bedeutung beimessen. Ich tue das nicht und darum hau’ ich jetzt ordentlich Muskat in den Spinat. Weil’s schmeckt.
Natürlich fühl’ ich mich heute (wegen der letzten Nacht) entsetzlich müde. Nur heute – im Gegensatz zu anderen Tagen, an denen ich mich so gerädert fühlte – darf ich das auch sein. Schön, ausnahmsweise mal geistig völlig abwesend Platz zwischen anderen Studenten einzunehmen und dabei denken zu können: „Ja, heute habe ich es mir verdient, hier ohne Schuldgefühle einfach nur rumzusitzen und die Luft aufzubrauchen“.
Diese Gedanken gehen natürlich an die Adresse der vielen, bösen anderen Studis, die mal wieder die Nacht durchgefeiert haben und deshalb die Augen kaum aufhalten können. Saubande, wie können die nur…Sowas würd’ ich natürlich nie tun. Dumm nur, dass man mir nicht ansieht, woher meine Angeschlagenheit rührt. Heute wird übrigens ein ehrlicher, hart arbeitender Student an den Protesten zu den Studiengebühren fehlen müssen. Er hat’ne Menge Schlaf nachzuholen. Aber erst nach 18 Uhr, nach dem Ende des letzten Seminars…
…kündigt sich bereits in den Medien an. Nicht nur hier auf vielen Startseiten wird man damit zugebuttert, nein, das Fernsehen und die Printmedien schärfen unsere Sinne ebenfalls unerbittlich auf das Geldausgeben in knapp zwei Wochen.
Erinnert sich jemand an die Simpsons-Folge, in der die Unternehmen sich für’s Sommerloch einen neuen Feiertag, den „Liebes-Tag“, erdenken und lediglich Lisa innerhalb der Familie auf die wahren Hintergründe aufmerksam macht? O.K., in der Zeichentrickserie nimmt die Handlung wie so oft eine unerwartete Wendung ein (durch den Verpackungsmüll ermutigt, schwingt Homer sich zum Müllinspektor von Springfield auf), aber wie weit ist es mit diesem einen Tag bereits gediehen?
In anderen Ländern nimmt man den Valentinstag gerne auf und begeht ihn tatsächlich wie einen echten Feiertag (siehe Korea, Japan, Taiwan), dort hat z.B. FedEx alle Hände voll zu tun. Respektable Leistung, gut eingeschlagen, kann man da nur sagen.
Hier ist man ja noch ein wenig reserviert, soweit ich das beurteilen kann. Im Gegensatz zu den eben genannten Gegenden sind wir anscheinend noch nicht so dermaßen medienabhängig, dass uns solche Anlässe permanent ins Bewusstsein gehämmert werden, dass sie irgendwann einen festen Platz dort einnehmen. Mit der Zeit wird sich das bestimmt aber auch ändern (nicht, dass ich es gutheißen würde).
Ich bin allerdings auch nicht ganz von Schuld frei, das muss ich gleich dazusagen. Auch ich hatte mir für diesem Tag einstmals ein ungeheures Quentchen an Kreativität aus den Synapsen gequetscht, um Freude zu bereiten (aber auch nur, weil ich wusste, dass die Adressatin diesen Tag schätzt). Und das war gar nicht mal kostspielig.
Ein ander Mal habe ich ganz kostenlos - als Nettigkeit gedacht – elektronische Valentinskarten versendet. Das erwies sich in einigen Fällen als fataler Fehler, bekamen die Empfängerinnen diese anscheinend in den falschen Hals und dachten, mir sei es damit ernst. Diesen gegnüber musste ich mich fortan diplomatischer als gewohnt verhalten. Diejenigen, die mich besser kannten, wussten es aber als Beweis der Freundschaft zu schätzen. So muss das laufen, wenn überhaupt.
Man kann viel falsch machen. Dass das Beschenken, wenn es einem aufgedrängt wird, eine schier unüberwindbare Gewissensfrage werden kann, lässt sich prima in Florian Illies’ „Anleitung zum Unschuldigsein“ ablesen, Kapitel: „Heute kaufe ich dem Mann mit den Rosen keine ab“. Die Situation kennt wahrscheinlich jeder, der mit einer Angebeteten in einem Lokal sitzt und jemand hält einem unerwartet Blumen unter die Nase.
Der Valentinstag ist natürlich etwas weniger prekär, denn die Angeschmachtete (oder Partnerin) ist ja in den meisten Fällen gar nicht anwesend (oder soll überrascht werden), sonst wäre der Fleuropbringdienst ziemlich witzlos. Jeder Mann weiß, dass Frauen kleine Aufmerksamkeiten mögen, auch wenn sie noch so oft beteuern, dass ihnen nichts daran liegt: Im Fall der Fälle werden sie vor Glückseligkeit quieken und sich am besagten Tag wie eine Schönheitskönigin fühlen, das Selbstbewusstsein himmelwärts und dem Mann, der ihr dieses Gefühl verschafft hat, grenzenlos dankbar.
Tja, was werd’ ich an dem Tag machen? Ehrlich gesagt, ich hadere und weiß es noch nicht…


