Zurüruck zum Inhalt

Der Deutschen liebstes Kind (im Dorf)

Es wäre reichlich naiv und vermessen zu glauben, an dieser Stelle etwas gegen die Automobilindustrie ausrichten zu können. Das will ich auch gar nicht. Wer will denn schon gerne gegen einen der Exportschlager und größten Arbeitgeber der Republik Einwände erheben? Das ginge vielleicht hier und da hinsichtlich gewisser personalpolitischer Einstellungen der Unternehmen. Das ist aber ein weites Feld und ich glaube, nicht genügend Einsicht in sämtliche Strukturen zu besitzen, um mir wirklich ein Urteil oder eine schlagkräftige Aussage dagegen machen zu dürfen.
Aber ich habe Meinungen und Vorurteile. Und kenne kein Pardon diese auch vorzubringen. Was die Einstellungen von Besitzern zu ihren Autos anbelangt, fühle ich mich sogar in Bezug auf ganz bestimmte unter ihnen beinahe prädestiniert, adäquate Analysen anzufertigen. Doch das werde ich ebenfalls nicht tun. Vielmehr dürstet mich nach Polarisierung, denn in der Kleinstadt, in der ich aufwuchs, ist es für viele Leute unumgänglich, ein „gutes“ Auto (also mindestens Marke VW) zu besitzen. Als Vorwand werden dann immer so fadenscheinige Behauptungen hervorgeholt wie diejenige, dass es dort im Ländlichen unmöglich sei, zeitgerecht von A nach B zu kommen („Zum Einkaufen brauchen wir das aber schon!“). Ein wirklich nach Alternativen interessierter Blick würde schnell eines Besseren belehrt werden, so gut ist auch dort der öffentliche Verkehr. Mit Vernunft rechtfertigen lässt sich dort die Anschaffung eines eigenen Kfzs nur dann, wenn man spätabends oder an den Wochenenden flexibel hinsichtlich seiner Motorisierung sein muss. Also zum Vergnügen, und da hat man’s ja bekanntlich schwer, mit Vernunft zu argumentieren. So mutieren dann auch gerne die Fahrzeuge der Dorfjugend zu beinahe straßengefährdenden Potthässlichkeiten und trauen sich dann auch noch tatsächlich damit in die größeren Städte vor die Discotheken.
Dennoch wird gerade in den „bodennahen“ Gegenden die freie Verfügbarkeit über ein Automobil als Ausdruck persönlicher Reife angesehen (eine Ansicht, über die Stadtbewohner aus gutem Grund schmunzeln). Aber der Wahl des Fortbewegungsmittels sind ab einem bestimmten Alter dabei Grenzen gesetzt. Grundsätzlich gilt: Stufenheck. Ein Stufenheck vermittelt Seriösität, darüberhinaus darf man sein Auto „Limousine“ nennen, womit ein Hauch von Bequemlichkeit den Fahrersitz umwabert und die Wirkung von sorglosem Ruhestand erzeugt. In den Augen anderer Leute erwecken Gefährte mit diesem Äußeren aber oft den Anschein von Biedermeierei und vor wenigen Jahren gestand ein Manager von Volvo bei der Verleihung des „Goldenen Lenkrads“ tatsächlich offen ein, seine Firma hätte jahrzehntelang dazu beigetragen, dass es Kindern nicht schwerfiele, mit wenigen Strichen Autos zu malen. Das haben die im Ländlichen traditionell dem ZDF verbundenen Zuschauer natürlich nicht begriffen.
Ich selbst hatte seinerzeit bei meiner künstlerischen Umsetzung von Gefährten keinen Volvo als ideale geistige Vorlage, wohl aber ein Modell, dass sich meiner Meinung nach viel besser dafür eignete, nämlich einen Audi 80. Und viel später, endlich im Besitz einer Fahrerlaubnis, versetzten ein Freund und ich den Sehgewohnheiten der Kleinstadtbewohner einen Schrecken, indem wir uns mit unserem damaligen Seattle-Grunge-Look eben solche Gefährte anschafften. Nichts mehr von sorglosem Ruhestand, jeder, der mitfuhr, durfte mal auf dem schwarzen Interieur unterschreiben.
Doch mittlerweile wurden auch Kombis und Vans für die Auslebung des Spießertums salonfähig. Der Familienvater zeigte sich erst zufrieden, wenn eben eine solche Variante des Passats in grau-metallic die Garageneinfahrt zierte und er anerkennende Worte über seinen Wagen vernahm. In der Provinz festigt leider nichts so sehr das Ego wie diese dumme Karre, nicht die Gründung einer Familie, nicht der Bau des Hauses, erst mit dem Erwerb des richtigen, „schönen“ Autos ist man Wer. Blöderweise tragen alle zur Aufrechterhaltung dieser ungeschriebenen Norm bei und wer einmal an deren Sinn zweifeln sollte, wird schnell vom Kollektiv für nicht ganz dicht gehalten.
Es ist im Prinzip kein Wunder, wenn die Jugend wegen dieser und anderer Schrullen schnell ausbüchst und das Weite sucht. Aus Mangel an Einsicht versuchen die Gemeinderäte dem Einwohnerschwund auf anderen Wegen Herr zu werden und so nimmt es nicht Wunder, wenn sie die Grundstückspreise für zuziehendes Volk extrem in den Keller drücken. Aber was sieht jeder neue Bebauungsplan neben dem Eigenheim unhinterfragt vor? Ganz genau, Garagen mit großzügigen Einfahrten.
Müssen wir also in Zukunft noch mehr Nachbarn grüßen, wie sie gerade mit frischgewaschenen und –gewachsten Lieblingskind langsam, ganz bedächtig auf die tagelang vom Unkraut befreiten Pflaster vorm Garagentor einbiegen. Als ich das einmal vor Jahren selbst tat und die elterliche Einparkbucht mit dem eben erworbenen neuen Modell des – obacht – Audi 80 befuhr, regte sich der Nachbar von gegenüber und rief mir beim Aussteigen zu:
„Schööön, die deutsche Wirtschaft ankurbeln!“
In diesem Moment erwischte es mich kalt und in mir keimte – zunächst unbewusst – bereits die erste Saat einer neuen Missgunst…

Einen Kommentar schreiben

Ihre Email wird NIE veröffentlicht oder weitergegeben. Benötigte Felder sind markiert *
*
*


Fatal error: Call to a member function return_links() on null in /www/htdocs/w009b2a2/blog/wp-content/themes/veryplaintxt4/veryplaintxt4/footer.php on line 29