Das Präfix ver-…

Geschrieben am 6 Mai 2005

…mal wieder!
Wie oft durften wir bereits feststellen, dass diese kleine Vorsilbe den positiv besetzten – eigentlich fast allen - Adjektiven einen flauen Beigeschmack verpasst? Oder eine negative Konnotation sogar noch verstärkt? Ich habe längst aufgehört zu zählen.
So sind nicht nur Eigenschaften wie ver-wirrt und ver-rückt keine Gemütszustände, mit denen man gerne durch die Feuchtbiotope wandert. Auch ver-heiratet werden Mann und Frau plötzlich uninteressanter, wenn sie sich öffentlich als ‚vom Markt’ outen. Aber selbst durchaus wünschenswerte Verben wachsen zum blanken Horror an, wenn sie zur Eigenschaft gedeihen und die Sinne vernebeln. Ver-liebt sein dürfte auch ich momentan nicht laut Zeitplan [die üblichen ca. drei Mal pro Tag für im Schnitt jeweils fünf Minuten zählen nicht *g*]. Es wäre für meinen Terminkalender eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmasses.
Mit ver- ist man eben immer etwas über den Rand der Normalität hinausgeschossen, eben ver-irgendetwast. Jemanden, der ver-xt ist, betraut man nicht mit der Aufsicht über seine kleinen Kinder. Und schon gar nicht mit der Ver-waltung seines Aktiendepots.
Aber soweit möchte ich heute gar nicht gehen. Bei mir wächst nämlich Zweifel über die anscheinend generell semantisch schlechter stellende Eigenschaft der Vorsilbe, taucht sie doch in einem Begriff auf, der doch so absolut rein gar nichts mit Abnormität zu schaffen haben will. Ich rede von der Vernunft. Leider gibt mein etymologisches Wörterbuch hierzu nicht allzu viel her, mich hätte aber einmal ganz besonders interessiert, ob Herr Kant, als er diesen Begriff ins deutsche, idealistische Inventar prügelte, bereits auf gegenteilige Vorformen getroffen ist.
Wenn er einen Idealfall herbeibeschwor, der in jedem menschlichen Wesen einen vernünftigen Kern herbeisehnte, sollte das etwa bedeuten, dass er bis dahin auf vielerlei Volk getroffen war, dass dieses Attribut ‚vernünftig’ nicht besaß? Was waren sie dann gewesen? Etwa ‚nünftig’? Und wie sah das aus? War es eine nicht so stark emotional geladene, rationale Kühlheit? Der Vergleich “lieben - ver-liebt” drängt sich mir geradezu auf.
Nun gut, mittlerweile hat sich der Begriff von I. Kant und seinen kalten Kumpels soweit eingebürgert und wir müssen einen Schritt weitergehen, wenn wir von jemandem reden, der nicht in diesem Sinne handelt. Derjenige ist dann un-ver-nünftig.
Aber ich finde die mir gerade selbst zurechtgelegte Herkunft einfach viel zu schön. In Zukunft rede ich ab und zu mal davon, hier meine „Nunft“ auszuleben. Ihr wisst dann Bescheid ;-)

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