À l’haubèrge iihh nee
Geschrieben am 12 Juni 2005
Gestern abend war ich dann bei Jemand zu einem Leseabend eingeladen. Der [Abend] sollte zunächst so aussehen, dass jeder Geladene etwas mit eigenem Herzblut Kreiertes vorliest oder etwas bereits Gedrucktes und Erkauftes, Dinge, worüber der Vortragende sich auch bei Besuchen zuhause nicht schämen würde, sie auf dem Nachttisch liegen zu lassen.
Auf dem Weg zum Ort des Geschehens begegneten meine Begleitung und ich dem Gastgeber bereits am Bahnhof, der sich, mit zahlreichen schweren Einkäufen bewaffnet, etwas verspätet hatte. So kam es, dass ich - hilfreich, wie ich bin - schon auf dem Hinweg zu tun hatte und mich noch einen Tag später an Striemen am Handgelenk dank fleischfressender Plastiktüten erfreuen darf.
Wie sich herausstellte, gedachte Jemand zu kochen, und zwar Auberginenauflauf. Die Begleitung hatte mir schon vorab vermittelt, dass er dies wohl gerne zubereitete, und im späteren Verlauf des Abends ließ er dann auch durchsickern, weshalb. Ich für meinen Teil muss hier eine weitere Ess-Aversion öffentlich kundgeben, nämlich die gegen Auberginen. Woher diese nun rührt, kann ich mir allerdings nicht so gut erklären wie diejenige gegen Champignons oder Milch. Die ersten Male begegnete mir dieses Gemüse lediglich in gezeichneter Form in den Clever & Smart-Comics, wo sie gerne und unvermittelt in den Panels auftauchten, gelegentlich sogar als überdimensionierte Schlagwaffe.
Durch die Warnung der Begleitung aber hatte ich mich zuhause vorher gut genährt und erklärte mich sogar bereit, genau dieses Gemüse zu schneiden. Die glatte Haut der Auberginen und die rauhe Klinge des Tomatenmessers ließen mir während dieses Vorgangs den Gedanken aufkeimen, dass es sich wohl genauso anfühlen müsste, wenn man Delphine filetiert. Zunächst ein leichter Widerstand, ein leichtes Nachgeben auf der Haut und wenn diese dann durchdrungen ist, schneidet man wie durch Butter.
Die Gäste trudelten unterdessen ein und es dauerte Stunden, bis gekocht und zuende gegessen wurde. Am Nachtisch, bestehend aus Apfelkuchen mit Schlagsahne und Tiramisu, beteiligte ich mich dann wieder.
Letzten Endes gab der Herr des Hauses dann kund, weshalb er denn diese Form des Auflaufs so bevorzugte: Mit Auberginenauflauf könne man jede Frau erobern (hatte er von einem früheren Mitbewohner vernommen). Hochinteressant, fand ich.
Denn wenn ich nun das altbekannte Schlüssel- und Schloss-Motiv einmal bemühte, dann wird es mir wohl niemals möglich sein, eine Speise, die ich verabscheue, nämlich Auberginenauflauf, in das Schloss eines Frauenherzens zu schmieren. Und ehrlich gesagt, wenn ich mir das vor meinem geistigen Auge ausmale, möchte ich das auch gar nicht. Obwohl ich nicht mitessen müsste, mündete das alleinige Kochen, um im Anschluss daran der Angebeteten beim Essen zuzusehen, unweigerlich in eine merkwürdige Situation.
„Schatz, ich weiß du hast Hunger, darum werde ich heute nur für dich kochen.“
Spätestens dann, wenn man nach stundenlangem Geschneide, Gebrate und Geauflaufe den Esstisch herrichtet, aufträgt, sich dann aber lediglich zum Zuschauen gegenübersetzt, werden der Dame einige Fragen dräuen. Warum schaut er mich so verliebt an, den Kopf in der Hand abgestützt, der Arm ruht auf dem leeren Platz auf dem Tisch, während ich hier angeregt in mich hineinschaufele? Weitere Fragen nach Aphrodisiaka tun sich womöglich bei ihr auf.
Sie wird es für einen Test halten, Schmatzgeräusche vermeiden wollen und öfter mal auf die Wanduhr starren. Nein, das ist nun wirklich keine gute Idee.
Auberginenauflauf ist also die Lösung, der Eisbrecher, die berühmten drei Worte, die niemand mehr ausspricht, codiert in Kalorien.
Was nützt da noch aller Charme?
Was nützen da noch Worte?
Der einzige Mensch der Runde, der sich traute, eigene, geschriebene Worte vorzubringen, war dann wohl ich. Erstmals habe ich Texte vorgelesen, bei denen ich keine Bedenken hatte, sie vorzutragen, da sie ja eh’ bereits öffentlich sind (und zwar hier und hier). Aber ich muss gestehen, gegen Anna Achmatova, Alexander Blok, Heinrich Böll, Lewis Carroll, Charles Bukowski und diesem einen Polen da kann ich selbst natürlich schlecht mithalten.
Konsequenz: Dann muss ich mich halt erobern lassen. Bloß womit geht das? Ich habe nicht die geringste Ahnung.
Dennoch war es – das klingt mal wieder nach Gemeckere und Ramentere hier – alles in Allem ein äußerst netter Abend ![]()

