Neulich vor’m REWE

Geschrieben am 5 Juli 2005

-„Entschuldigung?“
-„Ja, bitte?“
-„Ihnen ist da was runtergefallen.“
-„Oh, das ist aber sehr aufmerksam von ihnen.“ (bückt sich, steht wieder auf ) „Dankeschön, sehr nett.“
-„Jetzt, wo wir uns schon einmal so schön unterhalten, könnten sie mir doch eigentlich ihren Namen verraten, finden sie nicht?“
-„Ja, da gebe ich ihnen durchaus recht. Das wäre den Umständen entsprechend angemessen. Mein Name ist Löcher. Lorenz Löcher.“
-„Ah, freut mich. Ich heiße übrigens Malwida. Malwida von Dannen.“
-„Hocherfreut. Adlig?“
-„Nein, haha. Aber zu diesem ‘von’ gibt es tatsächlich eine laaange Geschichte.“
-„Oh, daran wäre ich aber sehr interessiert.“
-„Hm, ja tatsächlich? Passen sie auf, wir könnten doch dort drüben in dieses nette Café gehen und dann erzähle ich ihnen mal, wie es dazu kam.“
-„Hervorragend. Soll ich ihnen vielleicht etwas abnehmen? Sie haben ja auch so viel zu tragen…“
-„Ach ja,“ (im Gehen begriffen) „wissen sie, ich habe mich mal wieder übernommen. Da gab es doch diesen Familienpack Charmin Deluxe im Sonderangebot und da musste ich einfach zugreifen. Obwohl ich doch alleine lebe.“
-„So ein Zufall. Wissen sie, ich lebe auch alleine. Ich könnte ihnen die Hälfte davon abnehmen. Stattdessen würden selbstverständlich die beiden Kaffee auf mich gehen.“
-„Eine ganz vorzügliche Idee. Warten Sie, ich reiche ihnen einmal sechs Rollen davon herüber.“ (ein Rascheln vom Aufreißen der Verpackung, dann ein Poltern) „Oh nein, jetzt ist mir doch die Packung Russisch Brot für 0,99 Euro hinuntergefallen und aufgerissen. Sehen sie nur diese meine Malaise.“ (fasst sich mit dem Handrücken an die Stirn)
-„Oh, welch’ Pech. Aber gucken sie mal, wie interessant…“ (zieht sie am Arm zu sich und weist auf den Boden) „…als wenn den Brot-Buchstaben ein Verlangen innewohnte, uns etwas mitzuteilen. Schauen sie mal: L-I-B-E-R-T-E.“
-„Nein, wie entzückend. Wissen sie was, wir nehmen uns ein Taxi und dann…Hallo Taxi!“ (ein beigefarbenes, deutsches Automobil kommt sofort neben ihnen zum Stehen) „Dann koch ich uns beiden einen schönen Tee.“
(Frau von Dannen wirft die Einkäufe in den Fond und bittet den erstaunten Herrn Löcher mit hinein. Noch während sie einsteigen, fährt Frau von Dannen in ihrem Vortrag fort)
„Sie müssen nämlich wissen, dass dieses ‘Von’ meinem verstorbenen Ehemann – Gott hab ihn selig – zu verdanken ist. Seinerzeit war er nämlich Besitzer einer großen Teeplantage in Paraguay und da…“

(Die Wagentür schnellt zu und das Taxi bewegt sich fort. Es beginnt zu regnen und sämtliche Buchstaben des Russischen Brots weichen langsam und allmählich -auf dem glänzenden Asphalt liegend - bis zur Unlesbarkeit auf. Die Rätsel werden wohl niemals gelöst werden…)

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