Perlenohrringe
Geschrieben am 16 Juli 2005
Gestern Abend habe ich im Rahmen der Open Air-Kinoreihe vor Ort einen hochgradig sinnbeanspruchenden Film gesehen. Er ist zwar bereits seit einiger Zeit im Verleih und in den Videotheken zu haben, dennoch kam ich bis jetzt nicht dazu, mir „Das Mädchen mit den Perlenohrringen“ anzusehen.
Ob die dort dargestellte Handlung – die Annäherung des Malers Jan Vermeer zu seiner Dienstmagd Griet - der Realität entsprach, wie nah das Geschehen am Alltag des 17. Jahrhunderts war (siehe Anachronismen bei imdb), tut dabei gar nichts zur Sache. Ein Film, der ein Kunstwerk zum Mittelpunkt hat und darum eine Geschichte aufbaut (Buchvorlage hin oder her) schreit nach einem Stichwort: Selbstreflexivität.
Denn: Ich habe ein Bild in Bewegung gesehen, viele gemalte Bilder in Bewegung sogar. Selten zuvor hämmerte es sich mir bei einem Film so intensiv in’s Bewusstsein, dass es sich hier selbst um ein (bemühtes) Kunstwerk handelt. In der Szene, in der Griet und Vermeer zusammen die Farben mischen, winkt die Bildregie schon nicht mehr mit dem Zaunpfahl, sondern haut kräftig mit dem Laternenmast gegen den Hinterkopf mit dem Verweis auf Schärfe, Tiefe und Körnung der eigenen Landschafts- und Stadt- „Malereien“. Die Kamerabewegungen müssen hier sogar langsam sein, um alles aufnehmen zu können und sind schon allein aus diesem Grunde nichts für Actionfreunde.
Dass Peter Webber für sein erzählend-fiktionales Regiedebut diesen Stoff gewählt hat, zeugt von einem Verständnis von Kunst, das diese über das eigene Selbst stellt. Für das Produzieren des perfekten Werks dürfen Griet und Vermeer sich nicht von den gesellschaftlichen und familiären Konventionen leiten lassen, müssen sich von ihnen lösen. Dass hier das - mir eigentlich missfallende - Klischee des weltfremden, obsessiven Künstlers mit der Eroberung seines Objekts („Sie haben in mich hineingesehen“ (Griet beim Betrachten des fertigen Portraits)) bedient wird, scheint nur notwendige Folge zu sein.
So hatte der Regisseur uns mit diesem Film dann ebenfalls erobert und insofern das Zurückstellen seines Selbst unter das Herstellen dieses Werks im Nachhinein den Effekt, wieder etwas für sein Ego zurückzugewinnen, indem er unseren Zuspruch erwarb. Ebenso wie Vermeer.
Leider hatte ich während des Betrachtens eine etwas ungünstige, seitliche Perspektive wählen müssen. Aber ich werde ihn mir noch einmal zuhause, frontal, ansehen. In Ruhe, mit Schokolade und – wie meine Begleitung und ich zusammensponnen - „mit Kaminfeuer, das einem den Rücken krault“.

