Toll ist das, wenn Fremdsprachler einfach keine Schüchternheit oder Ehrfurcht vor der Sprache kennen, die an ihrem jeweiligen Aufenthaltsort heimisch ist und nach dem Motto „aus Fehlern wird man klug“ einfach drauflos brabbeln. So erlebt gestern abend mit RedMemory, die aus Guangzhou bei Hongkong stammt und mir nach einem interessanten gemeinsamen Kinobesuch („Weltverbesserungsmaßnahmen“!) über dem geteilten Essen allerlei Anekdoten und Geschichten zum Besten gab, so dass ich erneut zu dem Schluss kam: „Hmm, so unterschiedlich sind die Denkweisen zwischen den Kulturen eigentlich gar nicht.“
Uns Menschen plagen anscheinend überall haargenau dieselben persönlichen Probleme und wir versuchen sie – auch in Fernost - mit ähnlichen Strategien zu lösen…

谢 谢丹丹

In Anlehnung zu “Lust auf’n Kaffee” wollte ich heute mal von einer Variante berichten, die mir gerade eben zu Ohren gekommen ist. Sie lautet: “Wir können ja mal zusammen ein Video gucken”!
Da muss ich doch direkt mal drüber nachdenken, welchen Film ich mitbringen würde. “Texas Chainsaw Massacre”? Oder einen von den unsäglich vielen Filmen mit Richard Gere oder Hugh Grant in Hochzeitsdress?

Ich hab’ mir gerade eine Erklärung zurechtgebastelt, warum es eigentlich so einfach ist, in der vorlesungsfreien Zeit an japanische Musik zu gelangen: Die Jungs (und selbstverständlich auch Mädels) da hinten haben einfach dann Feierabend, wenn ich wach werde und online gehe.
Neulich wurde mir der Hinweis zur Music-Map gegeben und ich habe natürlich sofort ein wenig damit herumgespielt, halt ein paar Dinge eingegeben, die ich mag. Darunter befanden sich auch Namen wie Pizzicato Five oder Cornelius, also Künstlernamen, mit denen unser indoeuropäisch geprägtes Sprachvermögen noch ganz gut klar kommt.
Die Ergebnisse, die man aber dann geliefert bekommt, sind die wahre Vokalholperpracht. Seitdem teile ich mir Suchen nach Musik von Menschen wie Yoshinura Sunahara oder meiner neuen Liebe Takako Minekawa, deren - eindeutig hörbar - Cornelius-inspiriertes Album „Fun 9“ hier nur noch in einer permanenten Schleife läuft. Insbesondere der Song Plash hat’s mir angetan. Gott („gibt’s dich doch?“), ist das gut!
[Hmm, wenn das für unsere/ meine Hörgewohnheiten so außergewöhnlich ist, frag’ ich mich: Wo hört man wohl deutsche Musik gerne wegen ihres exotisch anmutenden Klangs? Tja, analog zur Zeitverschiebung Deutschland-Japan vermutlich in Tonga oder Tuvalu. Interessanter Gedanke eigentlich…]

Es ist immer das Gleiche: Frauen kann man manchmal einfach nur durch seine bloße Anwesenheit für sich gewinnen, aber meistens auch nur dann, wenn man nicht an ihnen interessiert ist. Dass eine Frau einen Mann nur durch ihre Gegenwart beeindrucken kann, ist wahrscheinlich auch keine neue Erkenntnis. Aber, aber, böse wird’s, wenn Interesse, oder womöglich (ich mag’s gar nicht aussprechen) ein wenig Verliebtheit mit in’s Spiel gerät. Dann geht der Kontakt vermutlich ad hoc in die Dutten.
„Anbetung“ ist eine fiese Sache, eine Tätigkeit (oder Angewohnheit), die den Respekt der angebetenen Person in nullkommanix gen Flatline und im schlimmsten Fall sogar darunter kickt. Denn wer will schon - nehmen wir ein metaphorisches Extrem - ein “abhängiges Hündchen” als Partner sein Eigen nennen, wenn man doch auf der Suche nach jemand Ebenbürtigem ist? Richtig: Niemand.

Die bestgeeignetsten Orte, um seine und die der anderen völlig oberflächlichen Intuitionen am eigenen Leibe live und in Farbe zu spüren, sind leider keine Stätten der Einkehr oder Tempel des inneren Ausgleichs, sondern die Diskotheken, in denen man noch (ich muss ja inzwischen „noch“ betonen) Menschen gleichen Alters begegnen kann. Das gegenseitige Beglotze und Abgechecke ist nirgends intensiver zu erleben. Aber die Enttäuschungen können hier ebenfalls zahlreich anzutreffen sein, wenn die Fassaden einbrechen und man Einblick in das Innere der Seelenhäuser gewährt bekommt.
An dieser Stelle fühle ich mich einmal mehr zum Zitieren gezwungen, nämlich frühere Kolleginnen der Mitbloggerin, die behaupteten, „in ner Disko lernt man nie den Mann des Lebens kennen“. Es ist nur folgerichtig, dass, wenn Frauen mit solchen „Weisheiten“ ausgestattet, in den Tanztempeln Bekanntschaften schließen wollen, die hehre Männerschaft dort vice versa nicht auf die große Liebe hoffen darf. Auch, wenn allem Anschein nach ziemlich viele Menschen hier eine Ausnahme von dieser Regel erhoffen, stellt sich die Frage: Wo ist dann der richtige Ort dafür?
Im Kollegium darf man einer, aus dem Englischen überlieferten Redewendung, ebenfalls keine Stelldicheins eingehen, also sollte man so etwas analog dazu z.B. nicht im gleichen Studiengang beginnen (sieht ja auch doof aus, wenn man im Seminar herumflirtet). Die Wohnung oder die nähere Nachbarschaft sollte man aus stresstechnischen und moralischen Gründen tunlichst auch aus dem Blickfeld nehmen.
Bleibt also nur noch als chancenreichster Ort zum Auffinden der Liebe mal wieder die Straße. Oder die Öffentlichkeit, die vielzitierte Hand, die zufällig nach dem gleichen, letzten begehrten Objekt im Einkaufsregal greift. Und dann bloß nicht hingucken und kennenlernen, seitwärts ansprechen.

„Sie greifen gleichzeitig mit mir hier nach der letzten Packung WC-Frisch Aktiv-Tabs. Ist ihnen eigentlich bewusst, in wie vielen Liebesfilmen dieses Motiv den nötigen Funken liefert, den Plot Point für eine große Romanze? Ihnen ist hoffentlich klar, dass ich sie jetzt in logischer Konsequenz mit nachhause nehmen muss. Kommen sie bitte sofort mit.“

Tja, und dann dürfte wohl alles klar sein.
Ich bitte daher sämtliche Konzerne der Supermarktketten ihre Mitarbeiter anzuweisen, ab sofort von jedem Produkt immer nur eins in das Regal zu stellen. Der dafür notwendige Aufwand und die Gehälter für mehr Personal könnten sich langfristig lohnen: Denn womöglich stehen durch die auf diesem Wege frisch entstandenen Frühlingsgefühle jede Menge künftiger kleiner Konsumenten in’s Haus [übrigens auch ein Wink mit dem Zaunpfahl an das Familienministerium ;-) ].

Live im Getümmel gestaltete sich das hier (und hier, und hier, und hier, und hier) nicht minder interessant. Ich betrachtete es mir aus mehreren Blickwinkeln und musste feststellen, dass die Gegendemonstranten dieses Mal doch einige Leutchen mehr aufbrachten als bei der Schröder-Rede.
Dementsprechend groß war dann auch der Widerspruch bei missfallenden Argumenten, die sich teils durch das Hochhalten roter Karten bemerkbar machten, teils durch kräftige Buh-Rufe. Sie richteten sich auch gegen einen Kernpunkt von Merkels Rede, den der Ehrlichkeit im Hinblick darauf, schmerzhafte Vorhaben auch anzukündigen und daher auch künftig keine unerfüllbaren Versprechen brechen zu wollen. Stellt sich die Frage, ob man das einer Partei abkaufen kann, die bereits jahrelang in die eigenen Kassen gewirtschaftet hat und jahrzehntelang wichtige Vorhaben verschleppte? Dem könnte man dann mit dem berühmten Topos des „Tu quoque“ entgegenwirken: Das haben die anderen doch auch. Nun ja.
Alles in Allem lieferte uns der Schreiber ihrer Worte jede Menge Daten und Zahlen, deren Freund „Angie“ zwar auch nicht sei, aber die nun einmal für sich sprechen sollten. Zugegeben, das PISA-Argument zieht. Wenn Bayern und Sachsen als schwarzgeführte Länder und aufgrund ihres leistungsorientierten Systems im Ranking weit vorne stehen – im Gegensatz zu Ländern wie Brandenburg, wo auf eine einheitlichere Herangehensweise geachtet würde - , dann spricht das schon dafür. Wenn das denn wirklich in einem Zusammenhang steht. Womöglich gibt es aber auch an dieser Statistik einen immens großen Knackpunkt (welcher mir nicht bekannt ist). Immerhin hatte die “künftige Kanzlerin” sich wegen des vielen vorgetragenen Datenmaterials mehr Zeit für uns genommen als ihr noch amtierender Vorgänger.

Auch ich zähle mich ja zu den Unentschlossenen, stehe aber einer Gewichtung zugunsten wirtschaftlicher Faktoren grundsätzlich skeptisch gegenüber. Und wenn ich nur nach den mir gebotenen Nasen ginge, dann würde diese Partei bei mir schon längst ganz tief nach unten durchgefallen sein (und auch wegen des „Christlich-“. Aber das ist ein anderes Thema).

PS/ EDIT: Unschöne Szenen am Rande
Einer der Menschen, die die roten Karten in der Menge verteilten, beschwerte sich gelegentlich etwas lautstarker über die geäußerten Pläne der Frau Merkel. Aufgrund seines südländischen Aussehens wurde er von einem älteren, gepflegt, aber trotzdem spießigen Mitmenschen gescholten: “Geh doch wieder dahin, wo du herkommst, du Penner!
Worauf es ein großes Juchhei gab und weitere Beschwerden des so Angesprochenen hagelte: “Ich lebe seit vierzig Jahren hier, dritte Generation…” usw. Die Polizei wurde plötzlich sehr aufmerksam, aber ein Einschreiten zum Glück nicht nötig.
Tja, ich lass das mal so stehen.

via Titanic (obwohl etwas zu früh in der Woche)

Den Satz „Ich muss mich noch in das Album reinhören“ muss ich wohl das letzte Mal gesagt haben, als man noch CDs und Schallplatten käuflich erwarb. Seitdem das Medium der Musik von einem greifbaren zu einem virtuellen übergegangen ist, höre ich (man soll ja nicht „man“ sagen, wenn man „ich“ meint) z.B. immer nur die favorisierten Stücke kurz an und wenn’s mir nicht behagt, wird eben wieder ein wenig Speicherplatz frei. Hätte ich einen gekauften Silberling in der Hand, besäße ich weit mehr Skrupel, diesen in die Tonne zu werfen.
Die letzten Tage habe ich aber mal wieder „reingehört“, obwohl die zugehörigen Klänge virtuell bei mir Raum einnahmen.
Durch einen Artikel anderswo fühlte ich mich an Zeiten erinnert, von denen ich gar nicht mehr exakt weiß, wann sie sich abspielten, und besorgte mir das aktuelle Album der Nine Inch Nails namens „With Teeth“. Mit einer Erwartungshaltung, die aufgrund von Eindrücken aus der Ursuppe herrührte, ließ ich mich also auf diesen 60-minütigen Brocken ein und war zunächst ein wenig erstaunt über seinen eingängigen Gesamtklang. Was war das? Hatte Trent Reznor in den vergangenen sechs Jahren, also seit Erscheinen des letzten, regulären Studioalbums, eine der Öffentlichkeit bisher nicht bekannte Liason mit Quincy Jones gehabt? Da haben die Paparazzi wohl gepennt.
Eine Kreuzung zwischen Soul/Funk und Industrial konnte ich mir bislang nicht einmal in den wüstesten Träumen ausmalen, hier bekamen meine Ohren sie präsentiert.
Reznor soll laut Laut.de (*g*) dazu gesagt haben, es sei sein „bisher ehrlichstes Album“, aber mal ernsthaft: Ist diese Antwort nicht schon zum Topos gediehen und sagen sie das nicht alle bei ihrer neuesten Veröffentlichung?
Wenn dem so ist, dann verhalten sich Musik und Texte jedenfalls mehr als widersprüchlich und vielleicht ist es das, was Herr Reznor mit seiner Selbstoffenbarung meint.
„Every day is exactly the same, there is no love here and there is no pain“ spricht Bände der Aussichtslosigkeit und kulminiert in funkigsten Stück „Only“ mit dem Refrain „There is no You, there is only me“. Das ist kein reines Egozentrikertum mehr, denn das würde die Existenz einer Außenwelt ja noch eingestehen. Hier geht das cartesianische „cogito ergo sum“ noch einen Schritt weiter zum „cogito ergo solus ego sum“. Ich denke, also bin nur ich! Aber anscheinend empfinden die Nine Inch Nails diese Lebensansicht als gut tanzbar.
Und, mal abgesehen von den Texten, kann ich das gut nachempfinden. Erstaunlich, das zu behaupten, aber es gibt offenbar ein Nine Inch Nails-Album, das in’s Blut geht. Würde bitte jemand ab und zu mal bei Herrn Reznor nach dem Rechten sehen?

Jedes, wirklich jedes Mal, wenn ich neuerdings einen chinesischen Blockbuster sehe, spielt Zhang Ziyi dort mit. So geschehen erst gestern abend wieder bei „House of the flying daggers“. Es muss anscheinend eine der ersten, mit der KP vertraglich festgelegten Bedingungen sein, dass man sie irgendwo zwischen den Mitwirkenden unterbringt. Sonst darf man in China nicht drehen.
Und in Analogie zu den Berühmtheiten, die sich irgendwelche Körperteile für hohe Geldsummen versichern lassen, scheint es Frau Zhang gelungen zu sein, eine solche Police für ihr Alter durchzudrücken. Die Frau altert einfach überhaupt nicht (aber das erwähne ich ja nicht zum ersten Mal).
Dennoch, ein schöner Film mit atemberaubenden Bildern und einer ziemlich verworrenen Story (wer spioniert jetzt eigentlich wen aus?) und häufigen Richtungswechseln. „Aus zehn Richtungen aufgelauert“, das entspricht so in etwa einer Übersetzung des Originaltitels, die im Deutschen einfach unglücklich gewählt klänge, aber recht deutlich und knapp die Dynamik des Films komprimiert wiedergibt. Zwischenzeitig hatte ich die Vermutung, hier wird ein Kampf der Geschlechter vorgeführt, da auschließlich Frauen den Rebellen angehörten.
Ein paar Lacher – wenn auch vermutlich unbeabsichtigt – wurden auch geboten.
Drei Jahre lang habe ich auf dich gewartet…und du verliebst dich in ihn…in nur drei Tagen….Warum?“ stellt ein äußerst phantasieloser Leo an Mei die Frage nach den Gründen ihrer neuen Liebe, und, nachdem er diese tötet (denn sie darf ja nicht in die Hände eines anderen) und es zum Gefecht mit dem Rivalen kommt, richtet sich diese, längst totgegelaubt, plötzlich wieder im wehenden Schnee auf, um in den letzten Zügen Schlimmstes zu vereiteln. Was hab ich geschmunzelt.

Heutige, neue Aufgabe: Man nehme die ersten sechs Begriffe, die in der Wikipedia unter der Suche „Zufälliger Artikel“ erscheinen und versuche, sie in die Schilderung eines heutigen Geschehnisses einzubauen!

Unser Bundespräsident Köhler hat es möglich gemacht, dass nun wieder der lustige Wahlkampf früher als erwartet anbrummt. Hasstiraden, Polemiken, Duelle, rhetorische Angriffe werden wir demnächst wieder in voller Wucht in den Medien zu hören und zu sehen bekommen.
Den ersten Live-Auftritt dieser Art seitens unseres derzeitigen Kanzlers bekamen wir dann hier in Bielefeld zu spüren. Und da ich mir ja keinen Urlaub in einer kleinen italienischen Stadt leisten kann, so wie er mir vorschwebt (so etwas kleines wie Foligno wäre prima), muss ich mir die vorlesungsfreie Zeit nun eben mal hier vor Ort um die Ohren schlagen.
Warum also nicht hören, was unser oberster Chef so zu sagen hat?. Oder, wie sich herausstellen sollte, das hören, was man eh’ schon vorausahnen konnte: „Die schlecht, wir gut, Bildung und Familie fördern etc. pp.“ Und ihn zumindest mal in Aktion gesehen haben, was sich als schwierig gestaltete, denn wie anhand der vielen unterschiedlichen Charaktere abzulesen war, interessierten die westfälischen Worte des Kanzlers anscheinend alle und jeden. Die alten meckerten über die jungen Leute, wie sie denn bei einer solchen Veranstaltung rauchen und Bier trinken könnten. Über das viele Fußvolk, das dort stand und hinrannte, hätte jeder Schuhmacher seine helle Vorfreude über zu erwartende Aufträge wegen des Verschleißes der Fußbekleidungen gehabt. Darüberhinaus nahm es mich Wunder, dass die Polizei in diesen Zeiten nicht mit Metalldetektoren oder zumindest U-Booten durch die Menge patroullierte.
Ich persönlich zeigte mich nicht sonderlich beeindruckt über die Weisheiten unseres Oberhauptes, musste aber einmal mehr über eine erneute Parallele in unseren Lebensläufen staunen. Nicht nur, dass der Gerd und ich aus derselben Gegend stammten (ihm hört man es an) und er sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg erledigt hatte. Er hatte auch hier in Bielefeld gewohnt und zwar in der „Bebel-Straße“, wie er sagte. Tatsächlich heißt diese „August-Bebel-Straße“, ich muss es wissen, ich wohne dort. Und eigentlich ist es ja bundesweit auch üblich, den Vornamen des Gebers mit in das Straßenschild aufzunehmen. Da werden keine Ausnahmen gemacht, auch nicht bei Gründervätern der SPD. Nun ja.
Dennoch besitze ich keinerlei Ambitionen, weitere Ähnlichkeiten auftreten zu lassen. Parteibücher sollen mir gestohlen bleiben und die Juristerei widert mich an. Heute erst habe ich von einem Beruf gelesen, der nach einer wahren Lebensaufgabe schmeckt: Orgeltheoretiker wie der eher unbekannte Johann Philipp Bendeler einer war. Den ganzen Tag herumsitzen und über’s Orgeln herumsinnieren, das wär’s doch…

“[…] Ich fragte mich, wie Chloe mit gutem Gewissen auch nur zu denken vermochte, sie könne ihr Gefühlsleben um einen Schuft wie mich konzentrieren. Wenn sie ein bisschen verliebt schien - lag das nicht einfach nur daran, dass sie mich missverstanden hatte? Es war die klassische marxistische Denkweise: Liebe wird begehrt, kann aber unmöglich angenommen werden, aus Furcht vor der Enttäuschung, die folgen muss, wenn das wahre Ich offenbart wird - eine Enttäuschung, die normalerweise schon einmal eingetreten ist (vielleicht seitens des Vaters oder der Mutter), jetzt aber auf die Zukunft projiziert wird. Marxisten finden das Innerste ihres Wesens so abgrundtief unannehmbar, dass sie meinen, Intimität müsse sie notwendigerweise als Scharlatane entlarven. Warum also das Geschenk der Liebe annehmen, wenn man mit Sicherheit weiß, dass es einem gleich wieder weggenommen wird? Wenn du mich jetzt liebst, dann nur, weil du nicht mein ganzes Ich siehst, denkt der Marxist, und wenn du nicht mein ganzes Ich siehst, müsste ich ja verrückt sein, mich immer an deine Liebe zu gewöhnen bis zu dem Augenblick, da du mich so siehst, wie ich wirklich bin. […]”

Aus: Versuch über die Liebe von Alain de Botton.

Ich glaube, das Gefühl der Angst vor der Entlarvung des Innersten und dieses ständige Hin und Her in dessen Folge ist allgemein bekannt. Ich frage mich aber gerade, was das denn mit Marxismus zu tun haben soll. Erkennt jemand den Zusammenhang (oder die Analogie)?

“Ich weiß nicht, wie die Welt funktioniert, Onno, aber vielleicht liegt darin meine Stärke. Wenn du mich fragst, funktioniert sie gar nicht, genausowenig wie der Inhalt eines Mülleimers. Ich glaube, dass die Welt - zumindest auf dieser Erde - ein riesiges, improvisiertes Chaos ist, das noch immer aus unerklärlichen Gründen mehr oder weniger weiterexistiert. Der Mensch gehört eigentlich nicht ins All; aber jetzt, da er nun einmal da ist, ist in verschiedener Hinsicht alles möglich. Die Geschichte hat das im übrigen bewiesen, möchte ich doch meinen; und du als Politiker müsstest das wissen. Aber wenn du schon beginnst mit der Bemerkung, so funktioniert die Welt und das ist möglich und das ist unmöglich, dann solltest du lieber zu deinem Diskos von Phaistos zurückkehren. Alles bleibt Menschenwerk, also Pfusch, und deshalb solltest du vielleicht immer zunächst einmal das tun, was dir dein Herz eingibt, und dich selbst nicht von vornherein mit Überlegungen blockieren, die die anderen vielleicht vorbringen oder vielleicht auch nicht.”

Max (ein Astronom) zu seinem Freund Onno (ein Sprachwissenschaftler und Politiker) in Die Entdeckung des Himmels von Harry Mulisch