Besuch bei Tante MARTa
Geschrieben am 6 August 2005
Die Kulturattacheuse tut ihr Bestes, um mir die sturmfreie Zeit zu vertreiben. So dachten wir gestern, nach gemeinsamem Frühstück einen Tag damit zu auszufüllen, indem wir das MARTa in Herford besuchen könnten. Dafür mussten wir uns in Bielefeld in den Zug setzen, um nach sieben Minuten Fahrt wieder auszusteigen. Merkwürdige Distanz für einen Ausflug und ich dachte bei mir (und sprach es auch aus), wie manche - und nicht wenige - Leute eigentlich auf die Idee kommen können, gleich hier schon wieder eine Stadt zu gründen.
Ich kann mir eigentlich kaum vorstellen, welche Überredungskunst es gekostet haben muss, einen Architekten wie Frank Gehry dazu zu überreden, den Entwurf des Gebäudes für solch einen Ort zu übernehmen.
„Mr. Gehry, would you like to create a museum for modern art in the east of Northrhine-Westfalia?“




Als er den Platz unter die Lupe nahm, wird er sich mit Sicherheit gewundert haben, wie lange er nach der Landung auf dem Flughafen noch einmal mit dem Auto unterwegs sein musste. Das Honorar wird dementsprechend hoch gewesen sein. Aber es hat sich anscheinend gelohnt, denn der Bau ist sehenswert und ich stellte mir fluchende Maurer vor, wie sie anhand der Pläne versuchten die Steine in den korrekten Rundungen übereinander zu schichten. „Verf* Kunstgesockse. Schon wieder schief und überhängend.“
(Fotos von da)
Nachdem wir uns die Ausstellung angesehen hatten, wunderten wir uns ein wenig über die vielen Aussagen von Leuten, die behaupteten, man müsse dort mindestens zwei oder drei Mal hinein, um alles genau in Augenschein nehmen zu können. Denn das Thema der laufenden Ausstellung „(My private) Heroes“ aus der Sammlung Jan Hoet lässt eine derart weite Fassung zu, dass noch realistische Objekte aus dem 19. Jahrhundert neben abstraktester Kunst und Videoanimationen bestehen müssen. So kann man kaum Bezug zu einem einzelnen Kunstwerk herstellen.
„Cremaster 2“ von Matthew Barney hätte ich mir gerne in Ruhe, auf einer Bank sitzend, angesehen. Stattdessen schwebte er mitten im Raum auf einem Flachbild-TV und ich musste mir den Hals verrenken. Dafür, dass man diese Filme nur alle Jubeljahre mal vor die Augen bekommt, hätte ich mir gemütlicheres erwünscht. Ein Musikvideo seiner Ehefrau (inszeniert von Chris Cunnigham), das eh’ schon jeder kennt, lief stattdessen natürlich im verdunkelten Saal.
Die Begleitung schwärmt für Gerhard Richter, aber dessen zwei vorhandene Exponate (kein Wunder, läuft ja gerade über ihn eine Retrospektive in Düsseldorf) waren nicht sehr interessant und über die Räume verteilt neben Objekten aus ganz anderen Genres. Schön ist das nicht und vor allen Dingen nicht in Ruhe zu genießen.
Anderthalb Stunden später saßen wir bereits im Café und beschlossen bald die Heimreise, um das Frühstück fortzuführen und für den Rest des Tages Filme zu leihen…
Dennoch, alleine das Gebäude ist eine kleine Reise oder einen Zwischenstopp wert. Vielleicht interessiert den einen oder anderen ja eine der künftigen Themenausstellungen.

(Beim genaueren Inspizieren des Grundrisses hatte ich mich versehentlich in diesen eingeklemmt. Zum Glück hatte 3und20 es gesehen und konnte Hilfe holen.)

