Die Positionen zu Marie
Geschrieben am 6 August 2005
(fragmentarisch)
Vom obersten Stockwerk des Empire State Building zum Beispiel ist die Welt noch in Ordnung. Von der Plattform dort oben betrachtet wirkt das Treiben unten um Geld und anderer Menschen Leben direkt friedlich. Dass aber gewisse Dinge und Umstände allein aufgrund einer Änderung des Blickwinkels, der Perspektive und auch der Distanz zu ihnen imstande sind, die ihnen innewohnende Semantik komplett zu wechseln, ist keine neue Einsicht.
Von den uns Menschen gegebenen Sinnen ist die Möglichkeit zum Sehen und Dinge in Augenschein nehmen zu können die allerwichtigste. Wir betrachten Dinge etwas länger und eindringlicher, wenn sie uns fremd erscheinen, sich mit dem gewohnten Erfahrungshintergrund nicht in Einklang bringen lassen, oder aber - das wäre ein anderes Extrem - , wenn sie unerwartet einem nicht oft gesehenen Ideal entsprechen. Der Vorgang ist völlig normal und nicht ungewöhnlich. Meist geschieht er nicht bewusst und es entspricht dem, was Kant das „ästhetische Spiel“ nannte: Je nach Intensität des Spiels im Kopf des Betrachters kann man demnach von einem ästhetisch hochanspruchsvollen Objekt sprechen oder – in die andere Richtung hin - zu einem, das dem weniger entspricht und eher als langweilig empfunden wird.
Da die Erfahrungshintergründe aber von Person zu Person stark abweichen können, ist diese Entscheidung immer sehr subjektiv. Sie können das anhand eines x-beliebigen Fotoalbums überprüfen: Eine Ihnen nahestehende Person wird eventuell ein ganz anderes Bild darin für längere Zeit betrachten als Sie selbst es tun.
Im Grunde genommen kann man diese Betrachtung auf alle Lebensbereiche, in denen optische Eindrücke eine Rolle spielen, übertragen.
Hochgradig beanspruchend empfinde ich es, anderen Menschen beim Tanzen zuzusehen, denn hier kommt über die Visualität hinaus der zweitwichtigste der Sinne in’s Spiel, nämlich der akustische. Im Rhythmus verschwimmt die Individualität des Einzelnen, man bindet sich an ihn und wird Teil eines Kollektivs. Und doch lassen sich im blitzenden Scheinwerferlicht genügend persönliche Ausdifferenzierungen im Stil ausmachen, weshalb eine Beobachtung des vibrierenden Konglomerats an Menschen nie langweilig wird.
In meinem Kopf bin ich König mehrerer Parallelwelten und gleichzeitig Anführer erfolgreicher Revolutionen gegen eben diese Monarchien, doch eine Person schenkte meine Aufmerksamkeit ohne mein Dazutun wesentlich mehr Beachtung als den anderen. Sie brach in meine Sinneswelt ein.
[...]
Das Scheinwerferlicht begünstigte sie und verfolgte ihre Tanzbewegungen, und es war ihr anscheinend egal, was für eine Art Musik gerade gespielt wurde. Ob es nun die – mittlerweile - wirklich ziemlich nervtötenden Coldplay waren oder Stücke härter Gangart wie zum Beispiel etwas von Kyuss, sie nahm den neuen Rhythmus sofort in sich auf und schien glücklich damit zu sein. Es wirkte sogar, als hätte sie Einfluss auf die Reihenfolge der Songs, und einen Moment lang dachte ich über die Möglichkeit nach, ob sie wohl mit dem DJ liiert war. Sie fesselte mit ihren Drehungen die umstehenden Männer an sich, immer mindestens drei an der Zahl, und ließ ihre rotblonden Haare im Takt schwingen. Die Männer waren allesamt wesentlich größer als sie und achteten auf jeden Eindringling in’s Territorium und just in diesem Moment erst begriff ich, wie albern und sinnlos ich selbst mich immer verhielt, wenn ich den Drang verspürte, meine weiblichen Bekannten vor Fremden schützen zu wollen.
[...]
Ihre Augen erblickten mich, wie ich dort am Rand des Geschehens stand und sinnierte, und ich konnte nicht anders, als unvermittelt zu lächeln. Ich habe es versucht, mich gezwungen, es zu unterdrücken. Zwang ist mein Hobby, mein zweites Ich, dennoch konnte ich meine mir selbst auferlegten Regeln an dieser Stelle, gegenüber dieser Frau, nicht mehr länger einhalten.
„Was zum Teufel ist das?“ fragte ich mich selbst bei dem Gedanken, dass der Unterschied zwischen Himmel und Hölle wahrscheinlich einfach nur in einer Barriere begründet liegt, einer, die hier in der Mitte in Form einer bisher nicht benannten Instanz handelt und die - wie in diesem Fall - imstande ist, das Gesicht der Mitmenschen zu einem debilen Etwas zu verzerren.
Sie bemerkte meine Reaktion und musste sie erwidern, unterbrach daraufhin ihren Tanz und stellte sich an meine Seite, um mir von dort ihr Profil zu präsentieren. Dort stand sie nun, die Augen auf das Zentrum des Geschehens gerichtet, und ich sah, wie sie nur für mich die Mundwinkel beinahe halbierte, so dass sich Grübchen in ihren Wangen abzeichneten, und die Augenlider für einige wenige Millimeter zusammenrücken ließ. Gibt es eine süßere Art der Anspannung auf diesem Planeten?
Zwei Minuten lang stand ich dort neben ihr und bildete die Nervosität in Person. Vermutlich wurde ich sofort von den Zurückgelassenen auf der Tanzfläche gehasst, aber ich musste diese jetzt enttäuschen und sie ansprechen.
„Entschuldigung. Darf ich fragen, wie Du heißt?“ Ich hielt ihr meine Hand entgegen und nach einem leichten Zögern nahm sie diese entgegen.
„Marie. Und du?“
„Christian. Hallo. Ich wollte eigentlich längst nachhause gehen, aber dann hab’ ich gesehen, wie gekonnt du die Typen dort bezirzt und da dachte ich mir, das müsste ich mir noch zuende ansehen.“
Ich wies auf die weiter tanzenden Gestalten, während Maries Blick in genau diese Richtung folgte.
„Ach so, die. Das sind aber alles nur gute Freunde,“ sagte sie und lächelte mich an.
Ein eindeutigeres Zeichen dafür, dass einem Kennenlernen nichts im Wege stünde, konnte ich mir kaum ausmalen und es ermutigte mich, mich näher mit ihr zu beschäftigen.
Vermutlich lag es an ihrem Lächeln, dass ich mich derart hinreißen ließ. Und hier kommt der subjektive Erfahrungshintergrund in’s Spiel: Es gibt Männer, die benötigen einen ersten, oft wiederkehrenden Anhaltspunkt, um ihr Interesse an einer Frau aufzubringen. Manche achten auf die Haarfarbe, manche auf die Figur. Andere auf die Stimme, wieder andere auf das Gespräch an sich. Es ist auch nicht so, dass dieser erste Anhaltspunkt zwingend notwendig ist für entstehende Sympathie, aber er begünstigt mitunter alles Weitere. Bei mir nimmt diesen Stellenwert nunmal das Lächeln ein oder vielmehr der optische Eindruck davon, dass es der Person gut geht. Der Klang des Lachens selbst spielt dabei eigentlich kaum eine Rolle.
Durch das Lächeln werde ich von ihren sämtlichen anderen Besonderheiten angezogen, merke mir jedes Detail, jedes Grübchen, jede klitzekleine Anomalie, jedes Muttermal. Und wende daraufhin in Zukunft viel Zeit dafür auf, um dieses Gefühl des Wohlbefindens bei ihr erneut zu erzeugen, nur, damit ich es noch einmal - und bitte immer wieder - sehen kann.
Schönheit zu definieren, daran haben sich bereits die klügsten Köpfe die Zähne ausgebissen. Weitaus klügere Menschen jedenfalls, als ich einer bin. Aber ich glaube behaupten zu können, dass ich plötzlich ein besonders vorzeigbares Beispiel dafür vor meinen Augen hatte. Ich müsste Marie zu einem späteren Zeitpunkt fragen, ob sie mir ein Foto von sich gäbe, eines, auf dem sie lächelt. Den Wörterbuchartikel zum Schönheitsbegriff würde ich herausreißen und durch ihr Bild ersetzen, jedem zeigen, dem nach einer Definition verlangte. „Du willst wissen, was schön ist?“ würde ich dann laut fragen, ihm das Buch aufschlagen und auf das Foto deuten. „Sieh hin!“
[...]
Aus einem Aufgeben und neuen Einnehmen von Positionen, dem Zulassen einer anderen Distanz, schien sich somit schlagartig die Bedeutung einer ganzen Person zu ändern.
to be continued (eventually)
Über das Verhältnis von Realität zu Fiktion

