Marxistisch lieben

Geschrieben am 13 August 2005

“[...] Ich fragte mich, wie Chloe mit gutem Gewissen auch nur zu denken vermochte, sie könne ihr Gefühlsleben um einen Schuft wie mich konzentrieren. Wenn sie ein bisschen verliebt schien - lag das nicht einfach nur daran, dass sie mich missverstanden hatte? Es war die klassische marxistische Denkweise: Liebe wird begehrt, kann aber unmöglich angenommen werden, aus Furcht vor der Enttäuschung, die folgen muss, wenn das wahre Ich offenbart wird - eine Enttäuschung, die normalerweise schon einmal eingetreten ist (vielleicht seitens des Vaters oder der Mutter), jetzt aber auf die Zukunft projiziert wird. Marxisten finden das Innerste ihres Wesens so abgrundtief unannehmbar, dass sie meinen, Intimität müsse sie notwendigerweise als Scharlatane entlarven. Warum also das Geschenk der Liebe annehmen, wenn man mit Sicherheit weiß, dass es einem gleich wieder weggenommen wird? Wenn du mich jetzt liebst, dann nur, weil du nicht mein ganzes Ich siehst, denkt der Marxist, und wenn du nicht mein ganzes Ich siehst, müsste ich ja verrückt sein, mich immer an deine Liebe zu gewöhnen bis zu dem Augenblick, da du mich so siehst, wie ich wirklich bin. [...]”

Aus: Versuch über die Liebe von Alain de Botton.

Ich glaube, das Gefühl der Angst vor der Entlarvung des Innersten und dieses ständige Hin und Her in dessen Folge ist allgemein bekannt. Ich frage mich aber gerade, was das denn mit Marxismus zu tun haben soll. Erkennt jemand den Zusammenhang (oder die Analogie)?

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