Getanzter Solipsismus

Geschrieben am 20 August 2005

Den Satz „Ich muss mich noch in das Album reinhören“ muss ich wohl das letzte Mal gesagt haben, als man noch CDs und Schallplatten käuflich erwarb. Seitdem das Medium der Musik von einem greifbaren zu einem virtuellen übergegangen ist, höre ich (man soll ja nicht „man“ sagen, wenn man „ich“ meint) z.B. immer nur die favorisierten Stücke kurz an und wenn’s mir nicht behagt, wird eben wieder ein wenig Speicherplatz frei. Hätte ich einen gekauften Silberling in der Hand, besäße ich weit mehr Skrupel, diesen in die Tonne zu werfen.
Die letzten Tage habe ich aber mal wieder „reingehört“, obwohl die zugehörigen Klänge virtuell bei mir Raum einnahmen.
Durch einen Artikel anderswo fühlte ich mich an Zeiten erinnert, von denen ich gar nicht mehr exakt weiß, wann sie sich abspielten, und besorgte mir das aktuelle Album der Nine Inch Nails namens „With Teeth“. Mit einer Erwartungshaltung, die aufgrund von Eindrücken aus der Ursuppe herrührte, ließ ich mich also auf diesen 60-minütigen Brocken ein und war zunächst ein wenig erstaunt über seinen eingängigen Gesamtklang. Was war das? Hatte Trent Reznor in den vergangenen sechs Jahren, also seit Erscheinen des letzten, regulären Studioalbums, eine der Öffentlichkeit bisher nicht bekannte Liason mit Quincy Jones gehabt? Da haben die Paparazzi wohl gepennt.
Eine Kreuzung zwischen Soul/Funk und Industrial konnte ich mir bislang nicht einmal in den wüstesten Träumen ausmalen, hier bekamen meine Ohren sie präsentiert.
Reznor soll laut Laut.de (*g*) dazu gesagt haben, es sei sein „bisher ehrlichstes Album“, aber mal ernsthaft: Ist diese Antwort nicht schon zum Topos gediehen und sagen sie das nicht alle bei ihrer neuesten Veröffentlichung?
Wenn dem so ist, dann verhalten sich Musik und Texte jedenfalls mehr als widersprüchlich und vielleicht ist es das, was Herr Reznor mit seiner Selbstoffenbarung meint.
„Every day is exactly the same, there is no love here and there is no pain“ spricht Bände der Aussichtslosigkeit und kulminiert in funkigsten Stück „Only“ mit dem Refrain „There is no You, there is only me“. Das ist kein reines Egozentrikertum mehr, denn das würde die Existenz einer Außenwelt ja noch eingestehen. Hier geht das cartesianische „cogito ergo sum“ noch einen Schritt weiter zum „cogito ergo solus ego sum“. Ich denke, also bin nur ich! Aber anscheinend empfinden die Nine Inch Nails diese Lebensansicht als gut tanzbar.
Und, mal abgesehen von den Texten, kann ich das gut nachempfinden. Erstaunlich, das zu behaupten, aber es gibt offenbar ein Nine Inch Nails-Album, das in’s Blut geht. Würde bitte jemand ab und zu mal bei Herrn Reznor nach dem Rechten sehen?

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