Fleckenentferner
Geschrieben am 7 September 2005
Nicht gerade arm an Metaphern ist mal wieder das nähere Blog-Umfeld, wenn es um Beziehungsdinge geht.
Etwas weniger Maritimes als dort habe ich gestern mal wieder vernommen, und eigentlich hatte ich gehofft, es nicht so schnell wieder von derjenigen zu Ohren zu bekommen. Obwohl, wenn ich genau darüber nachdenke, war ich es wohl, der sie darauf ansprach. Na gut, was ich meinte, ist halt die Sache mit den „dunklen Flecken auf der Seele“.
Sie meinte jedenfalls, dass sie ihre eigenen düsteren Bereiche lieber keinem Menschen zumuten möchte.
Nach längerer Überlegung glaub’ ich übrigens, dass das nicht richtig wäre. Jedenfalls nicht so. Ich denke, es gibt in jedem Menschen Zonen, die nicht unbedingt erfreulich sind, egal, ob derjenige von ihnen weiß oder nicht. Wie langweilig wäre es, mit jemandem zusammen zu sein, der einfach nur perfekt ist? Ich würde im gegenteiligen Fall mit Sicherheit nach kurzer Zeit die Wände hochgehen vor Harmonie.
Alain de Botton hat was ganz Schlaues dazu geschrieben. Er sagt, dass eine Beziehung (egal, welcher Art übrigens) nunmal auch eine Art „Ich-Bestätigung“ ist. Durch das Entgegenkommen oder einfach nur das “Füreinander da-Sein” von Geliebten oder Freunden wird Bestätigung der Person ausgedrückt. De Botton zieht den Spiegel-Vergleich: Wenn man sich z.B. einen Freund als einen Spiegel vorstellte, käme aufgrund seiner Individualität immer ein verzerrtes Bild zum Vorschein. Dieser wäre vielmehr sogar eine Art Handspiegel, da er immer nur gewisse Aspekte der befreundeten Person besonders in Augenschein nähme.
Dieses übermittelte Bild entspricht natürlich in den seltensten Fällen dem Bild, das man selbst von sich hat bzw. das man sich von sich selbst wünscht. Die „Ich-Illusion“ liefe Gefahr, zerstört zu werden, und das wollen in modernen Zeiten und Gesellschaften die Wenigsten. Ganz besonders dann natürlich, wenn man befürchtet, die tief unten verborgenen „dunklen Flecken“ könnten meinem Partner, meinem Gegenüber oder der Beziehung zwischen uns enormen Schaden zufügen.
„Der Mensch kann alles in Einsamkeit erwerben außer Charakter“ zitiert De Botton Herrn Stendhal (es existiert zwar bei ihm nirgendwo eine Hinweis auf eine Quelle, aber im Zweifelsfall dürfte es wohl dem Roman “Le Rouge et le Noir” entspringen), und ich glaube, da ist viel Wahres dran. Man brächte sich um eine Menge Spaß (oder meinetwegen “Lebensfreude”) im Leben, wenn man sich anderen künstlich verschlösse wegen der Bedenken hinsichtlich möglicher Verletzungsgefahren.
Und als unverbesserlicher Romantiker schlage ich sogar mal einen unglaublich kitschig klingenden Weg ein. Den Fall gesetzt, ich wüsste um der Ängste um solche noch gar nicht eingetretenen Konfliktsituationen, dann würde ich bestimmt sagen:
„Weißt du was? Deine dunklen Flecken sind jetzt auch meine. Komm her, wir legen sie in die Mitte und ich meine eigenen gleich dazu. Vielleicht können wir sie, wenn sie nicht idealerweise verschwinden sollten, ein wenig ästhetisch abrunden und zurechtstutzen. Die Biester ham ja ganz schön scharfe Kanten.“

