Todesvisionen

Geschrieben am 10 September 2005

oder aber: Auf die Haube gebracht

Auch das Leben in einer westfälischen „Groß“-Stadt birgt so seine Gefahren. Straßen gibt es auch hier zur Genüge und Autos, die von individuell unterschiedlich aufmerksamen Subjekten gesteuert werden, leider auch wie Sand am Meer.
Ich hatte gerade den Film „Ocean’s Eleven“ (das Remake) zur Videothek meines Vertrauens zurückgebracht und begab mich in Richtung der nächstliegenden U-Bahn-Station. Bis dorthin musste ich lediglich eine kaum nennenswerte Straße überqueren, ein Sträßchen sozusagen. Ich hatte es zwar ein wenig eilig, da es mich aufgrund der fürchterlichen Sonneneinwirkung nachhause drängte, dennoch nahm ich mir die Zeit, an der T-Kreuzung auf die mir den Hinübergang erlaubende Phase zu warten. Als diese dann erschien und die andere, gelbe Leuchte flackernd dem einbiegenden Verkehr signalisierte, doch bitte vorher auf überquerendes Fußvolk Rücksicht zu nehmen, tat ich einige Schritte.
Unsanft berührte mich aber zwei Momente später etwas an der Kniekehle und eh’ ich’s mich versah, fand ich mich mit der Elle abgestützt auf der Motorhaube eines SLKs wieder.

Dieses Auto und seine Fahrer waren mir schon früher immer suspekt gewesen, denn anscheinend hat es bei den Eigentümern nie zum finanziell anspruchsvolleren SL gereicht, aber für einen „Roadster“ aus dem schwäbischen Spießerhause sollte ein kleiner Kredit doch noch ausreichen, damit man mit ein wenig stolzerer Brust vor dem Swingerclub vorfahren kann (sollte man vorab keine Frau beeindruckt haben, die von Autos keine Ahnung hat). Wahrscheinlich würde ich gleich auch noch zur Rechenschaft gezogen werden, dachte ich bei mir, ob ich denn keine Augen „im Kopp“ hätte und das ganze Zeug. Immerhin hat die Karre keinen aufrecht stehenden Stern, den ich im Fall hätte umreißen können.
Ich machte mich auf alles gefasst. Gleichzeitig sprangen die Warnblinkleuchten an und die Fahrertür wurde aufgerissen, doch entgegen meiner Befürchtung, jetzt einen grobschlächtigen Bariton brüllen zu hören, vernahm ich, wie ein besorgtes, goldiges Stimmchen die Worte „Oh mein Gott! Ist dir irgendetwas passiert?“ rief. Das sofortige Ansprechen in der 2. Person ließ mich stutzen, mit dieser im Normalfall damit ausgedrückten Nähe oder Konspiration gegenüber Dritten hätte ich in diesem Moment als Letztes gerechnet, noch dazu von einer – ich blickte auf – so attraktiven Frau.
Während ich mich mit der linken Hand abstützte, aufrichtete und mein Schmerzempfinden auf mögliches kommendes Stechen richtete, sah ich sie mir an. Wir mussten in etwa im gleichen Alter sein und die vermeintlich Gleichaltrige betrachtete mich gerade äußerst besorgt aus ihren grünen Augen, wie sie unter einem rothaarigen Pony hervorschauten.
Ihre Frage erwiderte ich zunächst mit „Einen Moment“ und krabbelte vorsichtig von der Motorhaube herunter, während ich darüber nachdachte, wie lächerlich das Unterfangen eigentlich aussehen musste. Gebeugt stand ich da nun vor ihr und dachte darüber nach, ob meine Sinne noch beieinander waren. Ein leichtes Schwindelgefühl verspürte ich und einen flachen Schmerz dort, wo mich die Stoßstange an der Kniekehle erfasst hatte. Das würde morgen einen großen blauen Fleck geben, aber ansonsten schien es mir gut zu gehen. Zumindest, soweit ich das in diesem Augenblick beurteilen konnte. Und das sagte ich ihr auch so, ihr, die mir plötzlich irgendwie bekannt vorkam.
„Nein, ich will kein Risiko eingehen. Weißt du was? Setz dich doch kurz da auf den Bürgersteig, ich stell mal den Wagen an den Rand, sonst kommt hier keiner durch.“
Prinzipiell war das keine schlechte Idee, zumal das Auto stehend nicht an diesen Ort gehörte. Andererseits wollte auch zu diesem Zeitpunkt kein zweiter Wagen diese Straße befahren. Motorengeräusche schienen aus dieser Szenerie völlig ausgeblendet zu sein, lediglich das Zwitschern zweier Vögel war wahrnehmbar, deren Namen und deren Stellung zu mir wegen des vielfältigen Spiels der Arten und Gattungen ein Ornithologe mit Sicherheit genauer zu benennen vermochte als ich.
Aber das Hinsetzen war eine gute Idee. Ich ging also wieder einige Schritte zurück und sah noch, wie sie wieder im Auto verschwand, und die Aufschrift „Designer in Action“ auf ihrem Polohemd. Ich setzte mich und sie parkte den Wagen einige Meter weiter, stieg wieder aus und kam inzwischen mit ein paar weniger Sorgenfalten auf der Stirn und sogar einem kleinen Lächeln zu mir zurück. Schönes Lächeln, dachte ich, klitzekleine Grübchen an den Seiten.
„Geht es dir wirklich gut?“ fragte sie erneut nach meinem Befinden. „Meinst du nicht, wir sollten vorsichtshalber mal zu ‘nem Arzt?“
„Nee, lass’ mal gut sein. Es fühlt sich eher so an, als wenn ich hier“ - ich fasste mir wieder an’s Bein - „höchstens nen blauen Fleck bekomme. Aber ich glaube, das war’s dann auch schon.“
„Scheinst ja hart im Nehmen zu sein, wie?“ Und wie sie dies aussprach, bekam ich ein visuelles Geschenk überreicht. Sie blinzelte, von den inneren Winkeln ihrer Augenöffnungen zogen sich kleine Fältchen, wie in dem Augenblick, kurz bevor man niest, nur dass dieses Phänomen mit einem weiteren, viel offeneren Lächeln verbunden war. Sie bemerkte es an sich selbst und lief rot an auf ihren Wangen. Ich half ihr aus der Situation heraus:
„Nein, ich wundere mich selbst ein bisschen.“
„Du musst aber unbedingt zum Arzt, hörst du? Könnte ja noch’n Schleudertrauma übrig sein.“
„Ach, weißt du, das verursacht dir doch auch wieder nur Kosten. Und damit“ - ich deutete auf das Auto - „könnte ja auch noch was auf dich zukommen.“
„Die paar Kratzer auf der Haube dieser Angeberschleuder? Der gehört meinem Vater, der wird zwar nicht erfreut sein darüber, aber leisten wird er es sich können.“
Ich musste laut auflachen. „Und ich dachte schon: „Was will DIE denn mit so ‘ner Karre?““
Sie stieg auf meine Reaktion ein und lästerte: „Damit kann ich doch kaum was transportieren.“
Ich stand wieder auf, schwindelig war mir nun nicht mehr.
Nach einer kleinen Pause blickte sie verlegen zu Boden, dann wieder zu mir auf und sagte: „Aber ich finde, für den Fall, dass noch etwas ist, sollten wir unbedingt unsere Nummern austauschen.“
Dem stimmte ich zu und wir gingen zum Auto, wo sie im Handschuhfach nach etwas Schreibbaren suchte. Sie fand lediglich ein paar leere Notizzettel und griff daher nach einer kleinen Tasche, aus der sie einen Kajalstift kramte und damit auf einem der Zettel dicke Linien hinterließ.
Ich tat es ihr danach gleich, etwas unvertraut mit dieser butterweichen Mine, die während ihres Schreibvorgangs unter der Temperatur der Finger und des Drucks noch mehr in Richtung Flüssigkeit überzugehen schien, und benötigte noch ein zweites Blatt, bis ich erkennbar und unverschmiert meine Telefonnummer ihrer Hand überließ, zu ihrer freien Verfügung.
Sie saß während dieses Vorgangs auf dem Beifahrersitz, ich stand, mit dem rechten Arm am Rahmen der geöffneten Tür abgestützt. Wir nahmen unsere Zettel einander entgegen, betrachteten sie jeweils für eine Weile, so als müssten wir in einer Personalabteilung einer Firma über einen Lebenslauf entscheiden. Es handelte sich beiderseits offenbar um Mobilnummern.
Sie blickte von ihrer Notiz zu mir auf. „Du rufst mich an, wie’s dir geht, ja? Ich möchte nicht, dass…“, und sprach nicht weiter.
„Anderswo würden wir uns jetzt gegenseitig die Versicherungen bis zum Geht-nicht-mehr verklagen“, sagte ich.
„Ja, das ist wohl wahr.“
Ich fasste mir ein Herz. „Aber weißt du was? Wenn du mich heute abend zum Essen und in’s Kino einlädst, vergesse ich bestimmt, dass du mich über den Haufen gefahren hast.“
Ein schallendes Gelächter drang aus der Fahrerkabine. Als es sich beruhigte, sah sie zu mir auf und lenkte ein. „O.K., das dürfte das Geringste sein, was ich tun kann. Rufst du mich gegen sechs später an? Dann machen wir alles Weitere ab.“
Sie stand aus dem Sitz auf und drückte mir ihre Innenhand gegen den Oberarm, um anschließend die malträtierte Frontpartie des Wagens zu umrunden und die Fahrertür zu öffnen. Ich schloss derweil die andere Tür, war nur noch imstande ein „Das mach’ ich“ von mir zu geben und ihr dabei zuzusehen, wie sie mir winkte, einstieg, den Wagen startete und davonfuhr.
So gab es einen Anlass, mich auf den heutigen Abend zu freuen und ich kam zu dem Schluss, dass es wohl besser sei, häufiger mal die eigenen vier Wände zu verlassen. In meiner Wohnung werde ich schließlich nicht so oft tödlichen Gefahren ausgesetzt.

Rubrik: Erdacht und erfunden

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