The Club-Knigge has to be erst noch geschrieben werden

Geschrieben am 17 September 2005

Seien wir ehrlich, nervt Sie das nicht auch vehementestens, wenn in Ihrer Nähe Frauen zur Begrüßung laut quieken, sich in den Arm fallen, und sich Küsschen auf beide Wangen geben als wären sie die besten Freundinnen, hätten schon nächtelang unter der Bettdecke über die Intimstellen der - vermutlich - bereits getauschten Sexualpartner gekichert?
Diese Begrüßungszärtlichkeiten sind natürlich nur angedeutet, leicht angehaucht beinahe, denn erstens will man das Make-Up der „Freundin“ nicht ruinieren (sie wissen schließlich beide, wie lange es gedauert hat, ihr jeweils eigenes zu perfektionieren), zweitens wollen sie sich ja keine Hennengrippe oder ähnliches zuziehen.
Ähnlich verfährt Mann von Welt, wenn er heutzutage noch Handküsse vergeben sollte.
Schaut man sich einmal gewisse Filme an, nennen wir sie der Einfachheit halber Schnulzen, dann scheint es so, als wenn Frau sich einen charmanten, zuvorkommenden Mann wünscht, der den Knigge der Galanterie in- und auswendig beherrscht, nein, am besten sollte er ihn selbst geschrieben haben.
Doch oft wird vergessen, dass die Hollywood-Schnulzen und Romane, denen diese Umgangsformen meist ihren Anspruch verdanken, nunmal ein Konglomerat von Wunschbildern und Idealen abbilden, sozusagen die Quintessenz der Utopien darstellen, die wir bereits vorbewusst einverleibt haben. Seit Jahrhunderten existieren die gleichen Handlungsstränge in Märchen, Legenden usw., und werden in immer anderen Variationen geliefert, schüren damit das Feuer der Erwartungshaltungen.
Eigentlich verhält es sich damit nicht anders als mit der griechischen (eigentlich jeder polytheistischen) Götterwelt: Menschliche, mehr oder weniger vorbewusste Archetypen werden in literarisch-fiktionale Sphären erhoben. Da ist überall ein schwarzer Ridder, ähh, weißer Ritter, vorhanden.

Doch ich habe es jetzt mehrfach erlebt, dass einige Geschlechtsgenossen eben gerade diese Methoden als für immer statthaft und erlaubt ansehen. Manchmal handelte es sich dabei allerdings dann doch um die falsche Zeit, um sie anzuwenden, gelegentlich um den falschen Ort, und oft denke ich, dass gewisse non-verbale Komplimente einfach gar nicht mehr zeitgemäß sind (wenn sie es jemals waren) und dann gehörig über die Strenge schlagen. Die Situationen, in denen viele meinen, jetzt müssten sie zum finalen Schlag ausholen, bleiben nunmal nur Cary Grant vorbehalten. Nur er besitzt einen Anspruch auf das Schicksal mit dem aus einer Laune heraus aufspielenden Streichorchester.

Stellen Sie, geneigte Leserin, sich einmal vor, Sie befänden sich in einer für Parties und Rockkonzerte umfunktionierten Maschinenfabrik, in der Sie vor lauter Menschen Schwierigkeiten hätten, Ihre Orientierung zu behalten. Sie sind erfreut, ein altbekanntes Gesicht zu sehen, das - ebenfalls erfreut, Sie lange nicht gesehen zu haben - sogleich Ihre Hand ergreift und beginnt, diese schmatzend mit dem Mund zu penetrieren, während im Hintergrund die Menge zu äußerst rauhem Punksound beginnt herumzupöbeln. Sind Sie immer noch erfreut?
Andere Situation, der gleiche Ort. Sie sehen Jemanden, von dem Sie bereits wissen, dass er Sie verehrt. Aufgrund dieses Wissens hielten Sie bislang den Kontakt zu ihm eher diplomatisch „auf Sparflamme“, bei der Begrüßung nimmt er Sie in den Arm und sagt: „Du verströmst aber heute wieder einen Duft.“ Schaffen Sie es, ernst zu bleiben?

Der Handkuss, der korrekte, mit der Nasenspitze angedeutete, sollte wirklich nur Leuten mit Rang und Namen vorbehalten sein. So erzkonservativ bin ich jetzt mal, das mag man mir verzeihen. Jemand mit Adelstitel, der nun, nach einem Leben voll des Engagements innerhalb seiner Partei nach langen Jahren zufällig im Hotel Adlon auf die verflossene Liebe trifft, DER darf so etwas zur Begrüßung tun. Ansonsten wirkt es einfach lächerlich, Szenen aus Rosamunde Pilcher-Filmen in die Subrock-Clubs zu tragen. Und bedauernswert für denjenigen, der auf diese Art und Weise dennoch versucht, charmant zu erscheinen.

Nimmt es daher, aufgrund dieser schlimmen, medial-beeinflussten Verunglimpfungen noch Wunder, dass Frauen diese Respektbekundungen ausschließlich sich selbst (und dann sehr kühl) zuweisen? Während die Männerwelt danebensteht und ein „Hi5“ austauscht?
Nein, eigentlich nicht.

Und wenn Sie auf ein originelleres Kompliment als die genannten warten, eines, das auf Sie persönlich zugeschnitten ist, keinen biblischen Bezug aufweisen soll, Kreativität erwünschen und Einfühlsamkeit, dann…

(dieser Zusatz darf überlesen werden)

…überlegen Sie sich bitte unter anderem gut, was Sie am Sonntag wählen und unter welchem Kreuz unter anderem Kreativität gefördert wird.

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