Ankreiden

Geschrieben am 25 September 2005

Man macht ja viel mit.
Um etwas Sonntägliches mit S. zu unternehmen, ließ ich mich darauf ein, sie zu einem Spiel der Mannschaft ihrer Freundin H. zu begleiten. Dieses hatte sie ihr wohl schon seit Längerem versprochen und heute handelte es sich anscheinend um den letzten Spieltag der Saison. Aber sie würde auch gerne etwas mit mir tun.
Ungehobelt wäre es nun – und egoistisch obendrein - von ihr zu verlangen, ihr ursprüngliches Vorhaben in den Wind zu schlagen und sich an mich zu hängen. Darum beschloss ich, beide Zeitvertreibe zu kombinieren und redete mir ein, ich könne mich immerhin dann an der Ästhetik des Zusammenspiels im Mannschaftssport ergötzen sowie der sie umgebenden Kultur. Das Interesse für den Rand des Geschehens ist mir seit einigen Arminia-Spielen nicht fremd. Auch dort fühle ich mich im Fanblock angesichts der Gesänge, des Zusammenhalts der Fans, des merkwürdigen Konsumverhaltens usw. stets wie ein Fandom-Tourist. Warum also nicht auch in diesem Fall?
Es handelte sich dabei aber um eine Sportart, bei der es falsch wäre von Mannschaften zu sprechen, denn wir wollten uns ein Softball-Spiel ansehen, also eine ausschließlich von Frauen betriebene Leibesübung.
Dazu musste ich trotz der vortags besuchten Wohnungseinweihungsparty um acht Uhr morgens aufstehen und eine mehr als rabiate Rasur mit deutlich sichtbaren Verfehlungen war die Folge, nicht nur, weil eine Birne unseres Badezimmerlichtes in den Glühbirnenhimmel verglommen war, um pünktlich mit dem Zug in Brake zu sein (wo ich erstmals überhaupt ausstieg). Am Bahnsteig angekommen, wurde ich von S. abgeholt und zu ihrer Heimstatt bugsiert, wo ich, nachdem ich einen am Wegrand entdeckten Schaukelstuhl dorthin transportierte, mit Kaffee und Brötchen bewirtet wurde. Wir mussten uns noch ein wenig die Wartezeit vertreiben, bis H. uns mit dem Auto abholte, denn die Spielerei sollte in Bad Salzuflen stattfinden.
Dort angelangt, sollten die einzigen Unbeteiligten S. und meine Wenigkeit dann noch gezwungen werden, sich die Vorbereitungen (Ausrüstung, Platz usw. einrichten inkl. Training) anzusehen, was sich etwas langwierig gestaltete, zeitweise unterbrochen von Anekdoten, die bei einem Männersport unmöglich zu hören gewesen wären [„Ich bin jetzt auch schwanger!“ gefolgt von lautem Gekreische].
Das Spiel selbst habe ich dann nur leidlich verstanden, obwohl ich mir Mühe gab. Verwirrend war die Info, dass „ein Strike für die anderen ein Punkt für uns und umgekehrt“ ist, und ich werde wohl nie verstehen, wann und unter welchen Umständen die Mannschaften innerhalb eines „Innings“ mit dem Schlag tauschen mussten.
In den amerikanischen Filmen sieht es ja immer sehr spannend aus, wenn die Familienväter mit den Söhnen zu einem Spiel der Männervariante Baseball gehen. Da sitzen sie dann in einem völlig aufgeregten Publikum mit allerhand Leckereien ausgestattet, gucken den Cheerleadern sonstwohin und versuchen, die kryptischen Zeichen des Trainers zu entziffern. Wenn man bedenkt, dass es keine festgelegte Dauer für ein einzelnes Spiel gibt, sondern sich sogar sehr lange hinziehen kann (H.: „Also, wir haben auch schon einmal vier Stunden lang gespielt!“ *schluck*), entpuppt sich dieses Freizeitverhalten für passive Zuschauer sogar als ein ausgeprochen sonderbares.
Da sich während der uns gebotenen Vorführung keine Männer als Pendant zu den Cheerleadern anboten, übernahmen die Frauen diese Rolle ganz selbstverständlich, aber unwissentlich, da die spärlich vertretene Männerwelt diese (an den Zurufen erkennbar) in sie hineinprojizierte. Der Trainer – dessen Hunde S. und mir in sehr langatmigen Phasen die Zeit vertrieben – fand auch Gefallen an der sehr sonderbaren Gebärdensprache und versuchte, diese nachzuahmen. Allerdings sollten diese Zeichen natürlich nicht vom Gegner gelesen werden können, so schien es nicht verwunderlich, wenn auch mir nicht ganz klar wurde, ob er jetzt 500 Aktien bestellte, über die Straße wollte oder zu einer sexuellen Handlung aufforderte.
Aber mir entging nicht, dass das Spiel durchaus sprachproduktiv hinsichtlich der Einführung neuer Begriffe sein konnte. Nicht nur die einfache Übernahme von Fachtermini wie „Strike“, „Base“, „Pitcher“, „Inning“ und dergleichen lässt sich anderswo bedeutungsvoll anreichern, interessant klingt es auch, wenn man diese beugt.
Eine Lieblingstaktik des Trainers war der „Slide“, eine mir nicht ganz einsichtige Art und Weise, an die Base zu gelangen. Das sah so aus, dass man sich auf den letzten Metern dorthin auf den Boden warf und mit dem Fuß voran zum Ziel „schlidderte“. Abgesehen davon, dass damit ja eigentlich eine Bremswirkung erzielt wurde, verhalf diese Form der Fortbewegung dem Spielablauf etwas ungeheuer dramatisches. Kommentiert wurde das dann von den Mitspielerinnen etwa wie folgt: „Oh, Tina ist aber schön ge-slide-t.“ [dazu § 5 hier]

Nun ja. Zu meiner Einsicht in den Spielverlauf bleibt noch zu sagen, dass ich bis kurz vor Schluss nicht ahnte, dass die Gastgeberinnen haushoch im Rückstand lagen (zumal nirgendwo irgendjemand tänzelnd Ziffern an Anzeigetafeln austauschte, um den Spielstand zu verdeutlichen).

Wieder zurück in Bielefeld (19 Uhr!) beschlossen S. und ich, den Tag mit Eindrücken ästhetisch noch ein wenig abzurunden, und obwohl wir beide hundemüde waren, fanden wir dann noch eine Vorstellung mit Jim Jarmuschs neuem „Broken Flowers“. Aber das würde den Rahmen hier sprengen…

P.S.: Übrigens, wenn bei einer Frauensportart, die auf einem Rasenplatz betrieben wird, die Mannschaftsmitglieder es selbst in die Hand nehmen müssen, die Linien für die Feldbegrenzung zu ziehen, dann kann es mitunter geschehen, dass irgendwelchen unerklärbar auftauchenden Emotionen Ausdruck verliehen wird.

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