Verkaufsoffene Sonntage sind ziemlich anstrengend, wenn das Wetter dazu auch noch gut ist. Lauter merkwürdige Menschen bevölkern die Fußgängerzone und es ist interessant zu beobachten, wie die Leute mit ihrem vermeintlichen Hang zur Individualität sich alle mehr oder weniger bewusst gegenseitig kopieren. Die Mitbloggerin und ich beobachten schon seit Tagen den aufgepoppten Trend, dass Frauen ihre Jeanshosen in fast kniehohe Stiefel stecken. Hätten wir eine Strichliste geführt, wie oft sich das Phänomen vor unseren Augen in immer anderer Form realisiert, besäßen wir nun Papiere voll mit Lattenzäunen.
Interessant ist übrigens nebenbei bemerkt, dass z.B. Burda der Hose weniger Bedeutung beimisst als der Fußbekleidung, indem sie dort die „Stiefel-Jeans“ anbieten.
Ein weiterer Nachteil der verkaufsoffenen Sonntage: Zu den vielen Leuten gesellen sich auch zuviele „cruisende“ Idioten mit ihren Autos, die dem Volk in der Sonne nur zu gerne ihre Boliden vorführen möchten. Dass sich das nicht verträgt, durften wir über dem an der Frischluft genossenen Essen bemerken, als ein Kind angefahren wurde, was ein heilloses Durcheinander an einer schlecht zu überblickenden Straße nach sich zog.
Etwas später, zuhause angekommen, hörte ich dann, wie die Nachbarin von einem Auto vom Fahrrad geholt wurde. Momentan höre ich wirklich etwas oft von Verkehrsunfällen in meinem Umfeld.
Wann kann man schon mal behaupten, 25 Stunden am Tag auf der faulen Haut zu liegen?
Ach Herrjeh. Da hab’ ich mich doch kürzlich noch über diejenigen mokiert, die der Ansicht sind, allein mit Glaube, Liebe und Hoffnung könne man glücklich werden.
Doch nun kommt der Bloch daher und erzählt bereits vor einigen Jahrzehnten, dass man ja selbst das Glück in Frage stellen könnte. Stimmt, letztlich steht nach wie vor ein Beweis aus, dass tatsächlich jemand dieses besitzt. Und wenn derjenige überzeugt ist, glücklich zu sein, wie soll er es dann seiner Umwelt mitteilen, wie das denn ist? Mit Metaphern etwa?
Harte Fakten und empirische Daten konnte bislang niemand, der von sich behauptet, er hätte das Glück gepachtet und Fortuna im Bett (woraus sie auch nicht mehr hinaus möchte), liefern.
Der ganze Glaube, Liebe, Hoffnung-Kram und die Frage danach stellt sich erst gar nicht, wenn wir mit Ernst Bloch zusammen das Glück selbst bezweifeln. Und dass die Erlangung desselben überhaupt möglich ist.
Im Normalfall sieht es nämlich so aus, dass jeder Mensch gewisse Wunschvorstellungen davon besitzt, wie ein ideales und damit auch glückliches Leben aussehen sollte. In den seltensten Fällen werden diese damit verbundenen Attribute auch tatsächlich besessen, wenn überhaupt.
Es handelt sich dabei – lt. Bloch – um Utopien.
Im Volksmund ist mit einer Utopie oder wenn etwas als utopisch bezeichnet wird, meist eine abwertende Konnotation mit im Spiel: Das Utopische, was ich da also gerade behauptet habe, ist absolut schwärmerisch und nicht in die Realität umsetzbar.
Jetzt habe ich aber während meines Studiums gelernt, dass der Begriff Utopie nicht immer auf diese Art und Weise besetzt war und das wurde mir gestern wieder bestätigt. Bei einer Utopie handelt es sich – etymologisch gesehen – um etwas durchaus in die Praxis Umsetzbares, allerdings unter sehr großen Anstrengungen, nicht nur finanziell, gesellschaftlich und technisch.
Das Ganze ließe sich noch weiter unterteilen in positive Utopien (sogenannte Eutopien) wie z.B. Thomas Morus Utopia und negative (Dystopien) wie George Orwells 1984.
Demnach wäre die Erlangung eines glücklichen Zustands eine Eutopie, es liegt zwar im Bereich des Möglichen, dorthin zu gelangen, aber es sind dafür große Anstrengungen erforderlich.
Aber so einfach ist das dennoch nicht (wenn man hier von einfach sprechen könnte). Denn der Glückszustand hätte den sofortigen Stillstand jedweden Fortschrittsantriebs der Gesellschaft zur Folge. Wir würden uns einfach nicht mehr bewegen, wären wir glücklich. Sprich: Glück muss Utopie bleiben, denn sonst käme es zur totalen Demenz.
Stellen Sie sich einmal vor, Sie bewegten sich an der Uni, auf dem Arbeitsplatz zwischen lauter Frischverliebten. Fänden Sie das wirklich schön? Seien Sie bitte ehrlich.
Im Endeffekt sähe das dann wahrscheinlich so aus, dass, hätte man seine utopischen Ziele zur Erlangung von Glück erreicht (wie z.B. Glaube, Liebe, Hoffnung), diese, von dort betrachtet, doch nicht so zufriedenstellend wirken, wie man sie sich ursprünglich vorstellte. Womöglich hat man diese Dinge vormals überidealisiert und sieht dieses nun, in der Realität eingetroffen und erlangt, ein.
Oder aber die Ansprüche haben sich in der Zeit, in der man darauf hinarbeitete, ein wenig verschoben, sind größer geworden, haben einen Ruck nach links oder rechts getan. Man hinkt sozusagen ewig hinterher. Klar, denn sonst käme es, wie gesagt, zum Stillstand.
Und da der Fortschritt – und sei er nur räumlicher Natur - nunmal allernorts beobachtbar ist, können wir eigentlich davon ausgehen, dass das Vorhandensein von Glück anscheinend noch nicht eingetreten ist.
Das klingt mal wieder ziemlich logisch. Aber auch sehr deprimierend für den Einzelnen.
Ich könnte natürlich sagen: “Dann gebe ich mich eben mit dem zufrieden, was ich besitze und lehne mich ab jetzt zurück”. Doch auf diese Weise würde ich mit Sicherheit auch nicht glücklicher.
Wohlan.
Wenn konservative eingestellte Menschen gefragt werden, was sie zum Glücklichsein benötigen, dann antworten viele von ihnen mit dem Abstrakta-Triumvirat Glaube, Liebe, Hoffnung.
Ich kann mir nun so gar nicht vorstellen, dass die Erfüllung dieser Kategorien im Leben ausreichen würde, um sich tatsächlich zufrieden abends zurücklehnen zu können, würde also noch einige dazu nennen. Darüber hinaus bezweifle ich stark, dass der Glaube (der an Gott o.ä.) wirklich weiter hilft, wenn man Schläge wie den hier kürzlich angesprochenen in Kauf nehmen muss. Womöglich würde er sogar verwirren und damit Unglück beim Glaubenden verursachen.
Da Nana nunmal erst 28 Jahre alt war, gläubig und in sozialen Einrichtungen – u.a. der Diakonie – arbeitete, es sich bei ihr um eine werdende Mutter usw. handelte und insgesamt nur gute Attribute besaß, erklärte der Pfarrer in seiner Predigt, das habe Gott bestimmt nicht gefallen.
Wenn man an diesen Gott glaubt, insbesondere an einen „lieben“, dann sollte er so etwas auch sagen, um seine Gemeinde und die Trauergäste nicht zu verschrecken.
Das, was er aber damit angerissen hatte und selbstverständlich nicht explizit in diesen Gottesdienst gehörte, war ein Problem, dass die Kirchentheoretiker schon seit ganz langer Zeit beschäftigt: Die Theodizee-Frage.
Im Kern dieser Frage steht ein Widerspruch: Wie kann ein allmächtiger und lieber bzw. gütiger Gott existieren, wenn es doch soviel Unglück und Leid in der Welt gibt?
Bei dem jüngsten, persönlich-katastrophalem Ereignis, den frühen Tod einer lieben Person, wird mir niemand absprechen können, dass es sich hier eindeutig um erfahrenes Leid handelt. Dann kann dieser Gott, von dem immer alle sprechen, nunmal nicht allmächtig und gütig zugleich sein, sondern eines von beiden muss ausscheiden. Sofern er überhaupt existiert natürlich.
Diese Schlussfolgerung würde aber zu einer erschreckenden Wahlmöglichkeit führen, einer Entscheidungsfrage, woran man denn eigentlich glauben soll: Entweder-Oder, einer Kontradiktion.
Angenommen, Gott ist allmächtig, d.h. er hat auf alles Einfluss, auf jedes Geschehen. Dann könnte er diesen Todesfall nicht nur einfach zugelassen, sondern womöglich sogar bewirkt haben. Im Falle der Allmächtigkeit wäre also das abstrakte Gewaber da oben namens Gott nicht gütig, schon gar nicht lieb, sondern recht grausam. So würden es zumindest eine Menge Menschen subjektiv empfinden, vermute ich mal dreist und anmaßend behaupten zu dürfen.
Anderenfalls, wäre er nämlich lieb/gütig, hätte er diese schlimme Sache gar nicht erst zugelassen. Dann hat er aber allem Anschein nach nicht viel zu melden im irdischen Geschehen.
Das sind natürlich Optionen, mit denen sich kein rechter Christ so recht anfreunden mag. Und nicht nur Christen, denn auch andere Religionen und selbstgezimmerte Daseinsinterpretationen beinhalten ein uns alle behütendes Etwas, sei es ein Jahwe, ein Buddha, ein Allah oder sonst ein überirdisches Brimborium.
Aber es muss ja auch nicht so sein, wenn man am Glauben festhalten will. Nicht zwangsläufig sind nur zwei Gotteszustände denkbar, man kann sich auch ein paar prima Kompromisse prukeln.
Den Fall gesetzt, es handelte sich bei den möglichen Einstellungen Gottes gegenüber seiner Schöpfung nicht nur um zwei zwingend gegebene, nämlich den des guten Willens mit ihr und den des sadistischen Austobens darob. Denkbar wäre auch eine Antonymie zwischen diesen Extremen, sprich: einer Skala von Einstellungen und Graden der Macht gegenüber der Welt. Die könnte in etwa so aussehen:
Aber auch in jeder Vorstellung von einem überirdischen Wesen, das irgendwo auf dieser Skala anzusiedeln ist, hat leider die der Unvollkommenheit desselben ebenfalls einen Raum. Dieses angenommen, würden wir uns vermutlich sogar sehr nahe am Bibelwort bewegen, wenn es dort heißt, dass Gott den Menschen schuf nach seinem Ebenbild. Das stets unvollkommene Ding, das dabei herausgekommen ist, lässt Rückschlüsse zu.
Damit vereinbar wäre sogar die taoistische Vorstellung von der Rotation zwischen Chaos und Ordnung, die nach einem eher launischen Wesen klingt, übertrüge man diese Idee.
Wer sich denn nun wirklich nicht mehr von einem lieben, gütigen Gott abbringen lassen will, der muss nunmal in Kauf nehmen, dass er hier anscheinend nicht viel zu bewirken vermag. Er wird die Welt kreiert haben mögen, das höchste der Gefühle danach war noch der Funken Leben, den er ihm wie bei Michelangelos „Erschaffung des Adam“ zu geben vermochte (nein, liebe Hippies, das war kein Joint auf dem Fresko). Ab diesem Zeitpunkt kann er nur noch zugucken. Und bedeckt wahrscheinlich seine Augen immer wieder mit den Händen, lugt durch die Finger hindurch. Aber nein, wieder wird ein neuer Ort von der Sonne beschienen und wieder wird jede Menge Mist sichtbar.
Da sitzt er auf seiner Wolke und kann nix machen.
So wird es sein. Wenn man glaubt. Logisch.
Der Kurzaufenthalt in der Heimat gestaltete sich dann auch alles andere als ruhig für den inneren Seelenfrieden (sollte es denn so etwas geben).
Zwar gab es Momente, in denen die Anspannung nachließ – zum Beispiel das Treffen am Vortag, bei dem es ursprünglich darum ging, „Weiteres“ zu beratschlagen, dann aber doch in Herumflaxen und Biertrinken umschlug - , aber die Erinnerung an das, weswegen wir eigentlich allesamt gemeinsam hier waren, kehrte doch oft brachial zurück und schlug sich eine Lichtung frei durch den Dschungel der Ablenkungsthemen.
Der Tag der Beerdigung Nanas selbst wurde zu einem einzigen Emotionschaos. Mittlerweile habe ich mehrere derartige Abschiede erlebt, wenn auch von Familienmitgliedern. Aber dieser hier war eindeutig der bislang schlimmste. Alles andere als eine Freude war es dabei zusehen zu müssen, wie Tobi, der soviel Energie aufgewendet hatte, Nana bis hierhin zu begleiten, gestützt werden musste.
Vielen der Teilnehmer des Trauergottesdienstes wurde die gesamte Tragik des Geschehens erst während der guten und detaillierten Rede des Pfarrers bewusst. Zwischen dem ständigen Schluchzen und Weinen entglitt dem Ein oder Anderen immer wieder ein „Oh Gott“, wenn vom „Verlobten“ die Rede war oder davon, dass Nana erst wenige Tage vor dem Unfall erfahren hatte, dass sie sich in „freudiger Erwartung“ befand.
Ich hingegen erschrak ein wenig über mich selbst. Während selbst die abgebrühtesten unter uns ihren weichen Kern freilegten, stand mir zwar das Wasser so manches Mal in den Augen, aber zum letzten Ausbruch kam es dann doch nicht. Vielmehr unterhielt ich mich bis zum Grab im Geiste mit Nana, gab ihr Dinge mit auf den Weg, die ich ihr realiter nicht mehr sagen konnte.
Was war das nun wieder? Als Atheist konnte ich mir diese Art von Abwehrstrategie nur mit meiner Neigung erklären, die Dinge gerne „in mich hineinzufressen“. Das ist keine gute Art und Weise der Verarbeitung und daran muss ich dringend etwas ändern.
Doch wie nun weiter mit diesem Ereignis umgehen?
In jedem Fall an Tobi denken und für ihn da sein, wenn er uns braucht. Momentan sollten wir uns ihm aber lieber nicht aufdrängen.
Der Freundeskreis, der sich gestern noch danach traf, bereitet mittlerweile Online-Foren und dergleichen vor, um Vernachlässigtes nachzuholen. Doch wie lange wird so etwas wohl aufrecht erhalten ? Schließlich gibt es eventuell ungenannte Gründe dafür, dass die Kontakte mit der Zeit an Intensität verloren haben. Ein Versuch und häufigere Besuche können dennoch nicht schaden.
In mir entstand jedenfalls gestern das Verlangen (und das hatte ich bereits vorab geahnt), wieder zurück in die Wahlheimat zu fahren und mit jemandem zu reden, der mich und meine Situation aktuell besser kennt, was ich dann auch tat.
Notiz an mich: Öfter mal aussprechen, wenn mir jemand sehr viel bedeutet.
P.S.:Vielen Dank übrigens an Desideria für die E-Mail. Das waren sehr nette Worte.
…(wenn man denn von einem Alltag in der Uni sprechen kann) holt die Gedankengänge dann doch schneller ein als ich vermutet hätte.
So bin ich mittlerweile - nach nur wenigen Tagen - von tiefster Trübsal wieder beim üblichen, normalen Mental-Holterdipolter angelangt.
Aber ich weiß genau, dass das am Samstag, dem Tag der Beerdigung wieder in die andere Richtung ausschlagen wird. Wenn eine gute Freundin in die Erde hinabgelassen wird. Oh Mann, ich mag’s mir kaum ausmalen…die Schwingungsdauer von einer Amplitude zur nächsten verkürzt sich bedenklich. Ich hätte ganz gerne mal wieder ein länger andauerndes Gefühls-Optimum. An das letzte kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern.
Na, da hat aber mal ein PR-Mensch die Weisheit mit Löffeln gefressen, oder nicht?
Welche Zielgruppe hiermit wohl angesprochen werden soll?
Den betagten Kaffeekränzchen, die ansonsten zum Anschmachten einen alternden, wettergegerbten Intensivlebenden heimsuchen dürften, wird die Torte beim letzten Programmpunkt wohl kaum so ruhig im Magen liegen bleiben wie beim Betrachten von Fotos einer holprigen Safari.
“Die Oscars für Überwachung.” (Le Monde)
Datenkraken am Kragen packen.
Die große Gala zur Preisverleihung mit Musik, Kabarett und unglücklichen Gewinnern.
Freitag 28.10.2005
16 Uhr in der Ravensberger Spinnerei, Historischer Saal, Bielefeld
Eintritt frei - Spenden erbeten
Stört der normale Alltag zwischendurch oder die Tatsache, dass ich - kaum im Seminar angekommen - an etwas anderes denken kann? Ich erschrecke mich beinahe vor der Fähigkeit, zwischen Konzentration und Gedankenauflösung hin- und herzuswitchen.
Ebenso erschrocken bin ich vor der Größe des Freundes- und Bekanntenkreises, und wie er im Laufe der Zeit gewachsen und ausgeufert ist, die Landkarte sozusagen zerfranst.
Im Flur auf C01 (erstes, unteres Stockwerk der LiLi-Fakultät) sprach mich der Bekannte T. an, der ebenfalls aus Bad Pyrmont stammt. Er hatte davon über S. gehört. Diese ist wiederum die Schwester von M., der zwischenzeitig in Hildesheim gelandet ist, wo auch Y. und N. wohnen. Usw. usf.
Und wenn mich nicht alles täuscht, ist sogar D. ein Kommilitone von mir. Wegen Nanas damaliger Trennung von ihm und dem Spenden von Trost zu dieser Zeit hatte ich meine persönlich nahestehendste Phase zu ihr erlebt. Das war sehr bitter und sehr hart, aber wir wussten uns dadurch gegenseitig sehr zu schätzen. Glaube ich zumindest im Nachhinein.
Und wen man nicht noch alles kennt in der näheren und weiteren Umgebung. Es ist schon erstaunlich, wenn man darüber etwas länger nachdenkt.
Besonders nachdem wir gestern telefonierten und die Grüppchen in Berlin, Hamburg, Leipzig, Kassel etc. pp. kontaktierten, wunderte ich mich, weshalb ich eigentlich seit einiger Zeit jedes verdammte Wochenende in Bielefeld verbringe, obwohl ich die Möglichkeit hätte, (nicht nur) quer durch die Republik Leute zu besuchen.
Wie gesagt, ich frage mich momentan noch, was das Ereignis für mich bedeutet.
S. nahm mich gestern noch in ihrem Auto nachhause mit und berichtete, wie sie am morgen über ihre Abschlussprüfungen nachdachte und dass es dafür langsam mal an der Zeit wäre. Sie sagte dazu, dass sie nun, jetzt, nach diesem Einschlag nur noch staunt, wie man derlei Dingen solche Wichtigkeit beimessen könne. So oder so ähnlich jedenfalls.
An der nächsten T-Kreuzung musste ich sie aber schnell auf ihre Fahrweise aufmerksam machen. Das hätte beinahe leichten Blechschaden gegeben…
Heute trafen sich die Exil-Lügder (Heimatort) in Bielefeld bei Freund E., um zumindest etwas zusammen zu sein und einige Dinge zu besprechen. Freundin S. hatte erst heute von dem Tode Nanas gehört und zeigte sich dementsprechend aufgewühlt.
Ich selbst verspürte abwechselnd den Drang mich abzulenken, obwohl die Emotionen im Anschluss gleich wieder an die Oberfläche hervorzudrängen drohten.
Freundin T., die Nana noch viel näher stand, meinte in einer der Rundmails, die gerade im Freundeskreis kursierten, sie empfände momentan wie bei einer Wechseldusche. Diese Metapher passt nur zu gut, wie ich finde.
Es gab Augenblicke, während derer ich dachte, jetzt wäre ich erstaunlich gefühlskalt. Aber später ging es darum, Kontakte zu koordinieren und denen Bescheid zu geben, die möglicherweise noch nichts davon wussten. Also musste auch ich den Hörer ergreifen und mich vorsichtig herantasten. Doch kein Kommunikationstalent der Welt kann abschätzen, wie man diese Botschaft am geeignetsten weiterreicht. Weiß der Gesprächspartner bereits davon? Wundert er/sie sich nicht, dass ich ihn oder sie nach so langer Zeit mal wieder anrufe? Die Frage „Was machst du gerade?“ scheint auf jeden Fall absolut angebracht zu sein. Wer will schon bei der Autofahrt mit so etwas konfrontiert werden? „Dann ruf mich bitte gleich mal zurück.“
Jedenfalls kam bei diesen Telefonaten wieder einiges mit hoch.
Besonders schwierig ist immer das Mitdenken: Bei dem und demjenigen muss auf alle Fälle eine besonders einfühlsame Person die Nachricht übermitteln, die den Adressaten gut kennt. Sonst bestünde womöglich die Gefahr eines epileptischen Anfalls. Und bitte jeden Einzelnen dazu drängen, nicht den gemeinsamen Freund der Verstorbenen anzurufen. Das koordiniert vor Ort nur einer von uns.
Es scheint technisch, durchdacht, rational kühl, aber das ist es nicht und das macht die Sache gerade so schwierig. Als ein kommunikativer Segen für die versprengten Grüppchen erweist sich dieses Mal das Internet.
Es klingt sehr makaber, aber das wurde auch nicht von mir zuerst ausgesprochen: Es muss erst so etwas Schlimmes passieren, damit alle wieder zusammenfinden. Das bestätigt sich nicht nur in der plötzlichen Aktualisierung aller Adressen und Telefonnummern.
Ich sitze jetzt übrigens wieder zuhause. Die Nachbarin C. (eine Pfarrerstochter und geübt in diesen Dingen) hatte sich bereits mit mir unterhalten und Frau 3und20 las mir zur Erheiterung am Telefon Gedichte von Ringelnatz vor. Das hatte mal wieder etwas geholfen.
Dennoch knuspere ich weiter daran, was dieses Ereignis denn jetzt eigentlich für mich persönlich bedeutet. Vielleicht komme ich noch darauf.


