Tschüß sagen IV
Geschrieben am 23 Oktober 2005
Der Kurzaufenthalt in der Heimat gestaltete sich dann auch alles andere als ruhig für den inneren Seelenfrieden (sollte es denn so etwas geben).
Zwar gab es Momente, in denen die Anspannung nachließ – zum Beispiel das Treffen am Vortag, bei dem es ursprünglich darum ging, „Weiteres“ zu beratschlagen, dann aber doch in Herumflaxen und Biertrinken umschlug - , aber die Erinnerung an das, weswegen wir eigentlich allesamt gemeinsam hier waren, kehrte doch oft brachial zurück und schlug sich eine Lichtung frei durch den Dschungel der Ablenkungsthemen.
Der Tag der Beerdigung Nanas selbst wurde zu einem einzigen Emotionschaos. Mittlerweile habe ich mehrere derartige Abschiede erlebt, wenn auch von Familienmitgliedern. Aber dieser hier war eindeutig der bislang schlimmste. Alles andere als eine Freude war es dabei zusehen zu müssen, wie Tobi, der soviel Energie aufgewendet hatte, Nana bis hierhin zu begleiten, gestützt werden musste.
Vielen der Teilnehmer des Trauergottesdienstes wurde die gesamte Tragik des Geschehens erst während der guten und detaillierten Rede des Pfarrers bewusst. Zwischen dem ständigen Schluchzen und Weinen entglitt dem Ein oder Anderen immer wieder ein „Oh Gott“, wenn vom „Verlobten“ die Rede war oder davon, dass Nana erst wenige Tage vor dem Unfall erfahren hatte, dass sie sich in „freudiger Erwartung“ befand.
Ich hingegen erschrak ein wenig über mich selbst. Während selbst die abgebrühtesten unter uns ihren weichen Kern freilegten, stand mir zwar das Wasser so manches Mal in den Augen, aber zum letzten Ausbruch kam es dann doch nicht. Vielmehr unterhielt ich mich bis zum Grab im Geiste mit Nana, gab ihr Dinge mit auf den Weg, die ich ihr realiter nicht mehr sagen konnte.
Was war das nun wieder? Als Atheist konnte ich mir diese Art von Abwehrstrategie nur mit meiner Neigung erklären, die Dinge gerne „in mich hineinzufressen“. Das ist keine gute Art und Weise der Verarbeitung und daran muss ich dringend etwas ändern.
Doch wie nun weiter mit diesem Ereignis umgehen?
In jedem Fall an Tobi denken und für ihn da sein, wenn er uns braucht. Momentan sollten wir uns ihm aber lieber nicht aufdrängen.
Der Freundeskreis, der sich gestern noch danach traf, bereitet mittlerweile Online-Foren und dergleichen vor, um Vernachlässigtes nachzuholen. Doch wie lange wird so etwas wohl aufrecht erhalten ? Schließlich gibt es eventuell ungenannte Gründe dafür, dass die Kontakte mit der Zeit an Intensität verloren haben. Ein Versuch und häufigere Besuche können dennoch nicht schaden.
In mir entstand jedenfalls gestern das Verlangen (und das hatte ich bereits vorab geahnt), wieder zurück in die Wahlheimat zu fahren und mit jemandem zu reden, der mich und meine Situation aktuell besser kennt, was ich dann auch tat.
Notiz an mich: Öfter mal aussprechen, wenn mir jemand sehr viel bedeutet.
P.S.:Vielen Dank übrigens an Desideria für die E-Mail. Das waren sehr nette Worte.

