Utopia
Geschrieben am 28 Oktober 2005
Ach Herrjeh. Da hab’ ich mich doch kürzlich noch über diejenigen mokiert, die der Ansicht sind, allein mit Glaube, Liebe und Hoffnung könne man glücklich werden.
Doch nun kommt der Bloch daher und erzählt bereits vor einigen Jahrzehnten, dass man ja selbst das Glück in Frage stellen könnte. Stimmt, letztlich steht nach wie vor ein Beweis aus, dass tatsächlich jemand dieses besitzt. Und wenn derjenige überzeugt ist, glücklich zu sein, wie soll er es dann seiner Umwelt mitteilen, wie das denn ist? Mit Metaphern etwa?
Harte Fakten und empirische Daten konnte bislang niemand, der von sich behauptet, er hätte das Glück gepachtet und Fortuna im Bett (woraus sie auch nicht mehr hinaus möchte), liefern.
Der ganze Glaube, Liebe, Hoffnung-Kram und die Frage danach stellt sich erst gar nicht, wenn wir mit Ernst Bloch zusammen das Glück selbst bezweifeln. Und dass die Erlangung desselben überhaupt möglich ist.
Im Normalfall sieht es nämlich so aus, dass jeder Mensch gewisse Wunschvorstellungen davon besitzt, wie ein ideales und damit auch glückliches Leben aussehen sollte. In den seltensten Fällen werden diese damit verbundenen Attribute auch tatsächlich besessen, wenn überhaupt.
Es handelt sich dabei – lt. Bloch – um Utopien.
Im Volksmund ist mit einer Utopie oder wenn etwas als utopisch bezeichnet wird, meist eine abwertende Konnotation mit im Spiel: Das Utopische, was ich da also gerade behauptet habe, ist absolut schwärmerisch und nicht in die Realität umsetzbar.
Jetzt habe ich aber während meines Studiums gelernt, dass der Begriff Utopie nicht immer auf diese Art und Weise besetzt war und das wurde mir gestern wieder bestätigt. Bei einer Utopie handelt es sich – etymologisch gesehen – um etwas durchaus in die Praxis Umsetzbares, allerdings unter sehr großen Anstrengungen, nicht nur finanziell, gesellschaftlich und technisch.
Das Ganze ließe sich noch weiter unterteilen in positive Utopien (sogenannte Eutopien) wie z.B. Thomas Morus Utopia und negative (Dystopien) wie George Orwells 1984.
Demnach wäre die Erlangung eines glücklichen Zustands eine Eutopie, es liegt zwar im Bereich des Möglichen, dorthin zu gelangen, aber es sind dafür große Anstrengungen erforderlich.
Aber so einfach ist das dennoch nicht (wenn man hier von einfach sprechen könnte). Denn der Glückszustand hätte den sofortigen Stillstand jedweden Fortschrittsantriebs der Gesellschaft zur Folge. Wir würden uns einfach nicht mehr bewegen, wären wir glücklich. Sprich: Glück muss Utopie bleiben, denn sonst käme es zur totalen Demenz.
Stellen Sie sich einmal vor, Sie bewegten sich an der Uni, auf dem Arbeitsplatz zwischen lauter Frischverliebten. Fänden Sie das wirklich schön? Seien Sie bitte ehrlich.
Im Endeffekt sähe das dann wahrscheinlich so aus, dass, hätte man seine utopischen Ziele zur Erlangung von Glück erreicht (wie z.B. Glaube, Liebe, Hoffnung), diese, von dort betrachtet, doch nicht so zufriedenstellend wirken, wie man sie sich ursprünglich vorstellte. Womöglich hat man diese Dinge vormals überidealisiert und sieht dieses nun, in der Realität eingetroffen und erlangt, ein.
Oder aber die Ansprüche haben sich in der Zeit, in der man darauf hinarbeitete, ein wenig verschoben, sind größer geworden, haben einen Ruck nach links oder rechts getan. Man hinkt sozusagen ewig hinterher. Klar, denn sonst käme es, wie gesagt, zum Stillstand.
Und da der Fortschritt – und sei er nur räumlicher Natur - nunmal allernorts beobachtbar ist, können wir eigentlich davon ausgehen, dass das Vorhandensein von Glück anscheinend noch nicht eingetreten ist.
Das klingt mal wieder ziemlich logisch. Aber auch sehr deprimierend für den Einzelnen.
Ich könnte natürlich sagen: “Dann gebe ich mich eben mit dem zufrieden, was ich besitze und lehne mich ab jetzt zurück”. Doch auf diese Weise würde ich mit Sicherheit auch nicht glücklicher.
Wohlan.


Den letzten Absatz hätte ich ja gern erläutert… aber erstmal will ich gern auf die Wikiseite zum Thema Streben verweisen, wo interessante Dinge stehen. Schlaue, um genau zu sein:
“Uns aber treibt das verworrene Streben blind und sinnlos durch’s wüste Leben.” - Friedrich Schiller
“Jedes planmäßige Streben auch nach dem Nirwana selber ist eine Fessel, wenn man nicht bereit ist, davon abzusehen.” - Émile Michel Cioran
Oh, und auch noch:
“Je heftiger man nach etwas strebt, desto weiter kommt man vom Ziele ab.” - Lü Bu We
Hm, ich frag mich gerade, was daran zu erläutern wäre. Vielleicht klingt dieser Absatz nur allein für mich als Schreibenden schlüssig. Sag mir mal, was genau Dich näher interessiert.
Und: Wikiquote kannte ich bis jetzt noch gar nicht. Schöne SAche
Ah, das war meine Hoffnung
Ja, Wikiquote ist super.
Zum Absatz:
> Dann gebe ich mich eben mit dem
> zufrieden, was ich besitze und lehne
> mich ab jetzt zurück.
Wieso denkst du, damit würdest du “mit Sicherheit auch nicht glücklicher”?
Ich glaube nämlich, dass genau diese Einstellung ziemlich glücklich macht. Und sie ist salutogen, macht also auch geistig (vllt. auch körperlich) gesund.
Zitiere dazu erneut dies
Aber, R., in dem Zitat steckt doch sogar dein letzter Absatz drin! Also, sinngemäß. Masterplan:
a) Aufhören, die anderen für glücklicher zu halten als sie sind(as in: lauter Verliebte in der Uni)
b) Aufhören, glücklicher sein zu wollen als andere.
Insbesondere b) ist genau meine These von oben. Finde ich.
Interessant, interessant… gleiche Worte, andere Welt, R. Spannend…
Oh Mann, ist das anstrengend, sich mit Dir zu unterhalten
Also,
a) “sich mit dem zufrieden geben, was man hat” bedeutet ja in diesem Kontext, von dem Ziel, glücklich zu werden, abzusehen, ergo: Nicht glücklich sein.
b) “die anderen für glücklicher halten, als sie sind” bedeutet, den subjektiven Eindruck zu revidieren und einzusehen, dass sie weniger glücklich (wenn überhaupt) sind, als es den Anschein erweckt. Wahrscheinlich daher: Ebenfalls unglücklich/ unzufrieden.
In beiden Fällen wäre Resignation ob dieses Zustands der denkbar falscheste Weg und es gölte - wenn auch utopisch -, zur Erlangung des Glückszustands hinzustreben, auch wenn man genau weiß, dass man vielleicht auf halbem Wege auf der Strecke bleiben und ihn niemals erreichen wird.
ach jungs. glück gibt es doch gar nicht! wer hat euch denn das erzählt. das, was sich glücklich anfühlt, ist ein inneres chemisches gleichgewicht, welches zu erlangen es so viele wege wie menschen aufe welt gibt.
hihi.
Ich sehe schon, wir müssen das nochmal in vivo bereden. Das Glück von a), das weniger wird, wenn man sich zufrieden gibt, ist nämlich für mich gar kein Glück, sondern Vollkommenheit.
Und zwar für alle drei anderen großen: Liebe, Glaube, Hoffnung.
Die zu erreichen ist in der Tat utopisch, und sie nicht anzustreben ist Resignation. Und, genau wie Weltfrieden, sollte man in der Tat nie aufhören, sich drum zu bemühen, auch wenn ein Erreichen halt - utopisch ist.
Aber Zufriedenheit, In-Sich-Ruhen und so, das erreicht man eben nicht durchs Streben. Sondern durchs Hinnehmen. Hinnahme und Hingabe, meine großen 2
Und Birte - nene, mit so Bioschmuh geb ich mich nicht zufrieden!
Die Wahrheit ist irgendwo da draußen… äh, drinnen. Ach Mist.
*ächz*
Zur Zufriedenheit gäbe es natürlich noch einige mehr Große: Finanzen, Arbeit, Essen etcetera perge perge
Ich für meinen Teil gehe jetzt frühstücken, Nahrung aufnehmen und gebe mich damit - zumindest für jetzt - wortwörtlich mit Bioschmuh zufrieden *g*.