Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben

Geschrieben am 2 November 2005

Die Temperaturen haben uns zwar in den letzten Tagen Sommerliches vorgegaukelt, aber im Internet stößt man schon hier und da auf herbstliche Gedanken. Eines der am häufigsten zitierten Gedichte zum Thema dürfte wohl der „Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke sein, der - wie es seine frühe Art war - manchmal unheimlich pathetisch daherkommen konnte:

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

[Aus dem Buch der Bilder (1.Buch/ 2. Teil), 1902]

Dass das äußerst elaboriert ist, wird man ihm kaum absprechen können (z.B. Klimax-Aufbau bzgl. der Verszahl pro Strophe, tlw. Alexandriner, Alliterationen usw. usf.), aber ansonsten weist es inhaltlich einen Grad an Schwermut auf, der mich wieder abstößt.
Nicht nur meine generelle Abscheu vor Kunst, die den Glauben thematisiert („Herr“), spielt hier mit hinein.
Nein, auch sollte man sich in den kälteren Jahreszeiten nicht auf ein solch widersprüchliches, lyrisches Ich verlassen, dass den Herbst erst nicht abwarten kann und verlangt: „Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren“, aber pronto, um sich gleich danach anders zu entscheiden und für die Früchte erbittet: „gib ihnen noch zwei südlichere Tage“. Ziemlich inkonsequent, würde ich mal sagen.
Das schreit förmlich nach Bindungsproblemen oder nach der in neueren amerikanischen Abendserien vorgeführten Torschlusspanik. Und ich vermute mal, dass dieses Gefühl sich dann auch im Folgenden zuspitzt. Das Gedicht erlangte wahrscheinlich wegen der besonders einprägsamen, anaphorischen Verse („Wer jetzt…“) an Popularität. Wer jetzt den Vers „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“ sich allzu sehr zu Herzen nimmt, neigt mitunter zu unüberlegten Reaktionen.
Oder anders gesagt: Im Frühling wird sich wegen neuer Horizonte und aufgewühlter Hormonhaushalte getrennt, aber im Herbst kommt man dann wieder mit dem Ex zusammen.
Schwachheit, dein Name ist: Mann und Frau.

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1 Kommentar bis jetzt
  1. birte. November 5, 2005 17:33

    das ist nicht inkonsequent sondern “what herbstwetter is all about” natürlich, lange schatten und zwischendurch warme tage. hat doch gerade der herbst heuer (sammer jatz in wian oda woas?) wunderschön bewiesen.


Konsum



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