Manderlay

Posted on November 13, 2005
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Der zweite Teil von Lars von Triers Amerika-Trilogie ist in den Kinos angekommen und wie bereits in „Dogville“ hält er sich an die ihm selbst gestellten formalen Vorgaben, die Szenerie möglichst puristisch und ohne große Detailausschmückungen zu gestalten. Das erinnert stark an brechtsches Theater und die Vermischung der beiden Kunstgattungen und der Verfremdungseffekt beim Betrachten gemahnen daran, dass es sich hier um ein Lehrstück für die Zuschauer handelt.

Vorsicht: SPOILER jetzt und hier!!!

Kaum aus Dogville heraus, steht Grace (hier nicht mehr von Nicole Kidman, sondern von (einer - ehrlich gesagt - ziemlich süßen *g*) Bryce Dallas Howard gespielt) mit ihrer neu gewonnen Macht vor der nächsten Aufgabe.
Bei einem Zwischenstopp an der Baumwollplantage „Manderlay“ bemerkt sie, dass dort – siebzig Jahre nach der gesetzmäßigen Abschaffung – die Sklaverei künstlich aufrecht erhalten wird.
Nach dem Tod der alten Plantagenbesitzerin sorgt sie durch Zuhilfenahme des Anwalts ihres Vaters und unter Androhung von Waffengewalt dafür, dass den Sklaven keine allzu großen Nachteile gegenüber den verbliebenen Weißen entstehen und setzt Verträge auf, dank derer die Schwarzen zu Eigentümern des Guts erklärt werden.
Im Zimmer der alten Besitzerin entdeckt Grace alte Aufzeichnungen, „Mams Gesetz“, in dem akribisch festgehalten wurde, wie und mit welchen Mitteln man die Sklaverei weiter betreiben kann, um die Schwarzen vor der Außenwelt zu “schützen”: Von der Methode einer eigenen Währung, die außerhalb der Plantage nicht gültig ist, bis hin zur Eingruppierung der Individuen in psychologische Kategorien lässt sich dort genau nachlesen, wie die Menschen vor ihrer Ankunft auf Manderlay behandelt und angesehen wurden.

Doch die Umkehr der Verhältnisse lässt anfangs gut gemeinte Aktionen auf eine Katastrophe zusteuern: Das Abholzen des kleinen Waldes für Baumaterial für neue Hütten entpuppt sich im Nachhinein als fataler Enschluss, da dieser vorher den Windschutz gegen Sandstürme bot.
Nach einem solchen Unwetter läuft die Baumwollernte Gefahr, vernichtet zu werden und eine Hungersnot bricht aus. Das von Grace eingeführte demokratische Moment führt in Abstimmungen zwar zu vernünftigen Entscheidungen, als aber Claire, ein krankes Kind, umkommt, weil die alte Wilma nachts deren höhere Essensration stiehlt, auch zu Todesurteilen.
Auch am eigenen Leib muss Grace entdecken, dass dem fehlerhaften Mensch nicht mit Vernunft beizukommen ist. Irrational sind die Gefühle, die sie für Timothy aufbaut und die Laufe der Zeit immer stärker werden. Doch als dieser mit den Ernteeinnahmen durchbrennt, muss sie erkennen, dass sie sich in seiner Person getäuscht hat.
Wilhelm, der Altvordere der Schwarzen, erklärt ihr daraufhin, dass er selbst es war, der „Mams Gesetz“ verfasst hat, in dem Bewusstsein, dass die an die Sklaverei gewöhnten Menschen mit einer anderen gesellschaftlichen Situation nicht zurecht kämen.
Und so kehren sie wieder zu diesem Gesetz zurück, bitten Grace, ein neues Matriarchat anzutreten und Timothy für seine Tat auszupeitschen. Dies tut sie auch, flüchtet aber gleich darauf.

Während von Trier in „Dogville“ noch davon erzählte, wozu ängstliche Menschen gegenüber Fremden in der Lage sind, präsentiert er uns hier die möglichen Konsequenzen für den Export von Idealvorstellungen wie Freiheit und Gleichheit und dass diese nicht nur manchmal nicht angenommen werden, sondern es sogar dadurch zur Eskalation kommen kann.
Das schreit natürlich nach einem Vergleich zur internationalen Praxis der Vereinigten Staaten (und vielleicht nicht nur der USA).

Doch was sollen wir daraus für Schlüsse ziehen? Zumindest das, dass Intentionen und Weltverbesserungsmaßnahmen lieber mehrfach durchdacht werden sollten, bevor sie in die Tat umgesetzt werden.
Denn, so schlecht, wie die Welt nunmal ist, wäre es sicher die fatalere Entscheidung, die Hände in den Schoß zu legen und abzuwarten, bis sich alles von allein erledigt.

(Fotos von Astrid Wirth)

Multikulti heute mal verfluchi

Posted on November 12, 2005
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Das kann ja eine lange Nacht werden: Die Nachbarin aus Tunesien feiert anscheinend irgendetwas und hat - den Stimmen nach zu urteilen - jede Menge weiblicher Bekannter zu Gast.
Es wird mordslaut orientalisch anmutende Musik gehört, gelacht und dazu getanzt, dass die Bude bebt. Leider tun sie dies nicht auf Wüstensand…
Wo war doch gleich mein Oropax?

EDIT: Gegenüber im Haus scheint eine Party stattzufinden, die deutlich mehr nach meinem Geschmack ist. Live-Bands im Zimmer, Motörhead-Sound usw.
Manko: Ich bin zu müde für so etwas jetzt und Leute von dort brüllen mich namentlich an, ich solle doch einmal rüberkommen, ohne dass ich sie in der Dunkelheit erkennen könnte. Aus dieser WG war ich das bislang nicht gewohnt.
Paranoia complete!

Lang, aber nicht ganz umsonst

Posted on November 10, 2005
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Mit einem Magen, der noch mit dem Tripoli-Mahl von gestern abend kämpfte, saß ich heute wieder zu früh im Hörsaal und bemerkte spätestens bei der zweiten Veranstaltung des Tages, dass die Entscheidung, das Bett zu so früher Stunde zu verlassen, unter keinem guten Stern stand.

Wahrscheinlich verspürten die Mitbewohnerinnen ähnliches, als sie auf die Idee kamen, zumindest für einen fingierten Sternenhimmel in der Küche zu sorgen, unter Zuhilfenahme eines Lichternetzes von Aldi und jeder Menge Tesafilm.
Ich seh’ schon jetzt den Moment kommen, in dem es mich unter sich begräbt, das Pfuschgeklebe aufgeheizt von den Glühbirnen und gerade dann, wenn ich nichtsahnend am Tisch sitze und mich im Begriff befinde, jemanden unter diesem Schummerlicht mit schlauen Schlawinerworten zu beeindrucken. Ein toller Fang wird das sein.

Immerhin kann ich für den heutigen Tag rückblickend eine gute Tat verbuchen. Eine, die auch Sinn ergibt und erneut interkulturelle Brücken schlägt. Während in Berlin sich die Staatsoberhäupter Honig um die Wirtschaftsmäuler schmieren, wird hier im Kleinen an Kommunikationsproblemen aus dem Reich der Mitte gefeilt.

Ob sich Nettigkeiten oder einfach Lieb-Sein irgendwann einmal auszahlt? Eigentlich ist das eine seit jeher unmoralische Frage, die man sich aus gewissen philosophisch-tradierten Gründen hierzulande nicht stellen dürfte.
Naja, vielleicht ein ander Mal in einem eigenen Beitrag. Nun habe ich Kopfschmerzen. Ob die sich durch das neuerdings merkwürdig diffuse Licht in unserer Küche eingestellt haben? Fragen über Fragen…

Fernsehen

Posted on November 7, 2005
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Pflichtprogramm des heutigen Abends für Freunde ungewöhnlicher Filme. Hab’ gerade erst entdeckt, dass dieser Film auf ARTE um 20.40 Uhr läuft:

Dogville

mehr dazu

Ohrwurm

Posted on November 7, 2005
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Und ich werd’ ihn einfach nicht los. Kaum hab’ ich ihn vergessen, holt ihn mir ein DJ wieder zurück in’s Bewusstsein (wie letzten Samstag).

Das Video dazu:
http://www.nyexcuse.com

Plural vs. Genitiv

Posted on November 4, 2005
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Da war wohl jemand enttäuscht, als er (oder sie?) nach etwas suchte und vergebens auf diesem Blog landete.
Trotzdem: Zu schön, als dass es undokumentiert bleiben sollte, ist die Google-Suche nach

moderne fotoalbums von frauen“.

Stellt sich nur die Frage: Was der oder die SucherIn sich wohl für ein Ergebnis erhofft hat?

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben

Posted on November 2, 2005
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Die Temperaturen haben uns zwar in den letzten Tagen Sommerliches vorgegaukelt, aber im Internet stößt man schon hier und da auf herbstliche Gedanken. Eines der am häufigsten zitierten Gedichte zum Thema dürfte wohl der „Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke sein, der - wie es seine frühe Art war - manchmal unheimlich pathetisch daherkommen konnte:

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

[Aus dem Buch der Bilder (1.Buch/ 2. Teil), 1902]

Dass das äußerst elaboriert ist, wird man ihm kaum absprechen können (z.B. Klimax-Aufbau bzgl. der Verszahl pro Strophe, tlw. Alexandriner, Alliterationen usw. usf.), aber ansonsten weist es inhaltlich einen Grad an Schwermut auf, der mich wieder abstößt.
Nicht nur meine generelle Abscheu vor Kunst, die den Glauben thematisiert („Herr“), spielt hier mit hinein.
Nein, auch sollte man sich in den kälteren Jahreszeiten nicht auf ein solch widersprüchliches, lyrisches Ich verlassen, dass den Herbst erst nicht abwarten kann und verlangt: „Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren“, aber pronto, um sich gleich danach anders zu entscheiden und für die Früchte erbittet: „gib ihnen noch zwei südlichere Tage“. Ziemlich inkonsequent, würde ich mal sagen.
Das schreit förmlich nach Bindungsproblemen oder nach der in neueren amerikanischen Abendserien vorgeführten Torschlusspanik. Und ich vermute mal, dass dieses Gefühl sich dann auch im Folgenden zuspitzt. Das Gedicht erlangte wahrscheinlich wegen der besonders einprägsamen, anaphorischen Verse („Wer jetzt…“) an Popularität. Wer jetzt den Vers „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“ sich allzu sehr zu Herzen nimmt, neigt mitunter zu unüberlegten Reaktionen.
Oder anders gesagt: Im Frühling wird sich wegen neuer Horizonte und aufgewühlter Hormonhaushalte getrennt, aber im Herbst kommt man dann wieder mit dem Ex zusammen.
Schwachheit, dein Name ist: Mann und Frau.

Schwarzgalligkeit

Posted on November 1, 2005
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In dem Online-Forum, das der Freundeskreis nach Nanas Beerdigung in’s Leben rief, bekomme ich plötzlich Fotos von Situationen zu sehen, an die ich seit langer Zeit nicht mehr gedacht habe. Nette Wohlfühl-Gegebenheiten von vor über zehn Jahren, an die mein Bewusstsein selbstständig nicht oft in der Lage ist mich zu erinnern, werden mir nun wieder vor Augen geführt.
So ist dort zum Beispiel der Moment verbrieft, in dem Wonni und ich uns für eine Szene eines kleinen Selfmade B-Movies in ein altes Ehepaar verwandeln. Oder die der gemeinsamen Weihnachtsfeiern mit Nana in der Mitte.

Zwischen dem Ich, das dort abgebildet ist, und dem, was hier sitzt und tippt, ist hinsichtlich seines Bewusstseins nicht viel geschehen. Es verläuft und denkt noch immer in den gleichen Bahnen und bevorzugt bei Problemen ebenfalls ähnliche Lösungsstrategien wie damals.
Aber erlebt hat dieses Ich mittlerweile eine ganze Menge anderes, von dem dieser Freundeskreis nicht immer oder sogar selten etwas mitbekam. Tja, ein wenig wehleidig werd’ ich da schon (mal wieder) und erlebe am Leibe, „what Melancholie is all about“: der schwermütige Zustand zwischen Abschied und (eventuellem) Neubeginn…

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