Kurz vor dem Jahresausklang schrotte ich dann mal eben die Stylesheets. Backups vorhanden? Wovon träumt Ihr nachts?
Nun ja. Bloß nicht aufregen. Nicht wegen so etwas.
Die Planungen und die Panik vielerorten, was man denn nun an Silvester (nein, nicht mit “Y”!) unternehmen könnte, können mir auch dieses Jahr ziemlich egal sein. Die F. schaut für ein paar Tage vorbei und am Abend des 31. werden Freunde besucht. Im kleinen Kreis soll dort gegessen und getrunken werden, das Geknalle und Gejohle darf gerne draußen bleiben. So lob ich’s mir.
Wenn mir irgendein Weihnachtsgeschenk unlieb ist, dann ist es die Erkältung, die mich seit Sonntag plagt und die ich mir zugezogen haben muss, als ich mich Heilig Abend mit Freunden in einer Art Blockhütte traf. Aber was für eine Erkältung, du lieber Himmel! Die würde ich gerne verwichteln.
Gestern Abend befand ich mich noch kurz im Chat mit redmemory und ich dachte mir, wenn wir gerade schon dabei sind, könnte ich sie mal fragen, ob sie nicht irgendein traditionelles, chinesisches Rezept gegen eine solche Erkältung auf der Pfanne habe.
Sie riet mir jedenfalls dazu, Ingwer in – obacht – am besten Coca-Cola zu kochen und das Gebräu anschließend zu schlürfen. Mir ist zwar schon klar, dass nicht das Markengetränk selbst hier wichtig ist, sondern vielmehr irgendeiner seiner Inhaltsstoffe, aber welch schöne Vorstellung es doch hinterlässt, wenn das tatsächlich traditionell sein sollte: Da sitzt der schniefende Konfuzius vor zweieinhalb Jahrtausenden in China und kocht Coca-Cola…
Wieder aus dem tiefsten Lippe heimgekehrt, kann ich sagen, dass der Ruf des dort ansässigen Völkchens hinsichtlich seines Geizes und seiner Raffgier den Schotten in nichts nachsteht, zumindest, was die ältere Generation betrifft.
Seit Längerem ist der Kontakt zu unserer Familie mütterlicherseits aufgrund fieser Erbschleicherei stark strapaziert, doch nun tritt das gleiche Phänomen auch auf der väterlichen Seite auf. Nun ja, so blieben wir dieses Jahr eben im engsten Kreis unter einem Dach.
Als wir uns aber an einem Abend mit den Freunden trafen, berichtete einer von ihnen von einer außerordentlich bespielhaften Anekdote hinsichtlich der dort vorherrschenden Einstellung, bloß nichts noch zu gebrauchendes wegzuwerfen.
Er wurde nämlich Zeuge, wie sein Vater Tabletten gegen Herzrhythmusstörungen verschrieben bekommen hatte, und als dieser sich den Beipackzettel durchgelesen hatte und all der möglichen Nebenwirkungen gewahr wurde, doch lieber auf die Einnahme der Präparate verzichtete. Zur selben Zeit tauchte der Großvater des Hauses auf, bemerkte die Bedenken seines Sohnes, griff zu den Medikamenten und sprach:
„Gib her, dann nehm’ ich die eben.“
Normalerweise zeige ich mich ja resistent gegenüber Witzen auf anderer Leute bzw. Gruppen Kosten. Aber dieser Blondinenwitz hier hat’s echt in sich.
(auf Drängen von Herrn Verollet hier noch einmal der Loser-Text der gestrigen Todesrunde veröffentlicht *g*)
Gerade eben noch stand er vor dem Petersdom und hatte der Stadt und dem Erdkreis seinen „Urbi et Orbi“ verlesen und im Zuge dessen die Glaubenswelt vor dem Kommerz des Weihnachtsfestes gewarnt, zu mehr Mäßigung aufgerufen und nun kehrte er erschöpft der jubelnden Menge den Rücken, betrat das Gebäude und einige Ministranten schlossen die großen Flügeltüren hinter ihm.
Er streifte sich die Tiara von seinem schütteren Haar, reichte diese und seinen übergroßen Hirtenstab an einen der Kardinäle, die gerade in der Nähe standen.
„Scheiße schwer, die Teile,“ dachte er nur und durfte es doch nicht sagen. Immerhin, bis zu seinem achtzigsten Wiegenfest dauerte es auch nicht mehr lange, aber er trug es mit Fassung und lächelte dazu.
Er steuerte seine privaten Räume an und der Weg dorthin führte ihn durch die sixtinische Kapelle, das Echo seiner Schritte hallte die Wände entlang nach oben, hin zu dem Fresko Michelangelos, auf dem Gott die Hand Adams berührt, um diesen zum Leben zu erwecken.
Früher, als er noch studierte und Josef hieß, besaßen einige seiner Kommilitonen in ihren Zimmern Poster dieses Gemäldes. Doch auf eben jenen reichte der Herrgott dem Menschen stets einen riesigen Joint als Geschenk. „Blasphemie,“ hatte er dann immer seinen Mitstudierenden entgegengerufen und sie auf’s Schärfste verurteilt.
Aber jetzt, so lange Zeit später, ertappte er sich beim Anblick des Originals dabei, wie er die Lippen einem Saugvorgang ähnlich spitzte. Er stutzte über sich selbst und dass er einer solchen Regung nachgab. Wie fehlbar er doch war, nach außen hin der Vertreter Gottes auf Erden, doch unter dieser Hülle war er auch nur…deutsch.
Da stand er nun in seinem hohen Alter und hatte auf dem Weg, den er beschritten hatte, inzwischen alles erreicht. Doch wenn man an solch einem Punkt, der keine Steigerung mehr zuließ, angelangt war fragte man sich schon: War es all die Entbehrungen im Laufe der Jahre wert?
Der Pontifex ging weiter in Richtung seiner Gemächer und dort angelangt, begab er sich in sein Stofftierparadies, welches ihm die Kirche großzügig mit Produkten der Firma Steiff ausstattete.
Diese kleinen künstlichen Pelzknäuel säumten auch jede Ecke des Zimmers, und in jeder freien Minute, die er hier verbrachte, drückte er eines davon an sich, denn sie waren die Einzigen, zu denen dieser Mann Nähe zuließ, der einsamste Mensch der Welt, der Papst. Lieber mit diesen leblosen Tierchen kuscheln statt mit Konzilkardinälen.
Zugegeben, das - und viele andere Dinge zusammen genommen - bildete auch eine Form von Konsum, widersprach also in gewisser Hinsicht seiner Predigt, die er gerade noch auf dem Platz gehalten hatte. War er deshalb ein bigotter Mensch?
Welch interessantes Wort: Bi-Gott. Nun ja, wenn man davon ausging, dass Gott der Sage nach, die er selbst unter’s Volk brachte, alle Menschen liebte, dann konnte man schon von einem Bi-Gott…ach, er würde ein ander Mal darüber nachdenken und sich nun lieber ausruhen.
Doch es klopfte an der Tür. Der Pontifex gab einige Laute von sich, worauf sich die Tür öffnete und der Kopf eines jungen Ministranten sichtbar wurde. Der schaute zunächst vorsichtig durch einen kleinen Spalt, um zu sehen, ob er nicht vielleicht doch ungelegen erschien. Aber der Anblick des erzkonservativen Kirchenvaters, wie er mit seinen Kuscheltierchen spielte, war dem Personal bereits so geläufig, dass man keine Scheu hatte, ihm – wenn auch hinter dem Rücken – Spitznamen zu geben, worunter „Papst Benni“ der wahrscheinlich derzeit am meisten gebräuchlichste war.
Der Ministrant verkniff sich ein Lächeln wegen seiner zu überbringenden Botschaft und wurde ernst.
„Eure Heiligkeit,“ begann er und trat in das Zimmer, fuhr fort: „Ich muss ihnen etwas mitteilen. Sie wollten doch benachrichtigt werden, wenn…“ und flüsterte Benni etwas ins Ohr.
Dessen Augen weiteten sich, fort schien die Müdigkeit.
Erschrocken rief er: „Wie? Tot?“ und erbleichte. Also, bleich war er eigentlich schon vorher, aber die Farbe, die sein Gesicht jetzt annahm, war relativ zur vorigen noch bleicher, vielleicht wäre „aschfahl“ eine bessere Bezeichnung dafür. Der Zustand dauerte einige Minuten an, der Ministrant begann bereits, unruhig von einem Fuß auf den anderen zu tippeln.
Benni besann sich.
„Geben sie dem Piloten Bescheid, er soll die Maschine auftanken lassen. Wir fliegen in einer Stunde nach Oberbayern, und zwar inkognito. Und…,“ gab er noch hinzu, „Sagen sie für heute bitte alle weiteren Termine ab.“
Der Ministrant wirbelte herum und tat, wie ihm geheißen ward und Benni blieb noch ein Weilchen für sich, ehe er sich aufraffen und umziehen wollte.
„Mei,“ gab er still von sich und schluchzte: „das Resi is dahin.“
Ein und eine halbe Stunde später war er bereits in der Luft, auf dem Weg nach Traunstein, seiner Heimat, und Benni hatte sich schwarze Zivilkluft angezogen. Die Beerdigung von Theresa – Resi – sollte in zwei Stunden stattfinden. Er dachte an seine Jugend dort, die mittlerweile über sechzig Jahre zurücklag, und an die Begegnung mit Resi, die er als eine strenggläubige Verehrerin des damaligen Vaters auf einem Kirchentag kennengelernt hatte und es war klar, dass er sich umgehend und unsterblich in sie verliebte.
Endlich am Friedhof angelangt, durschritt er das Tor und folgte dem Weg in der Hoffnung, dass sich irgendwo eine Gesellschaft erblicken ließ.
Aber bald bemerkte er von weitem eine riesige Trauergemeinde, es mochten an die 200 Personen sein, die dort standen und zu Boden blickten, viele von ihnen die Hände vor dem Schritt gekreuzt als wollten sie etwas schützen.
Er gesellte sich unter die vielen Personen und niemand schien ihn zu registrieren oder gar zu erkennen. Diese Zeremonie hier war jedenfalls sehr spärlich, kaum Grabschmuck und so weiter, anders, als er es noch von der Verabschiedung seines Vorgängers kannte. Er musste in ärmlichen Verhältnissen gelandet sein.
Nachdem er persönlich einen letzten Blick auf Resis Sarg geworfen hatte und bereits wieder im Gehen begriffen war, hörte er, wie jemand ihn rief.
„Josef, du bist es doch, oder?“
Er drehte sich um und sah in das Gesicht seines damaligen Nebenbuhlers Xaver. Xaver, derjenige, der Resi dann bekommen hatte, aber nur, weil Josef damals auf Resis Frage „Jetzt entscheid’ dich mal: Gott oder ich?“ die Antwort gegeben hatte, die er seitdem so oft im Stillen bereut hatte.
Zu Xaver hingegen antwortete er:„Ja, ich bin es. Ich wollte ein letztes Mal…“
„Halt’s Maul!“ bekam er unwirsch zurück. Benni wusste nicht, wie ihm geschah.
„Gib’s doch zu: Deine ganzen moralischen Regeln mit allem, was dazu gehört, die waren doch nur eine stille Rache dafür, dass du damals nicht zum Zuge gekommen bist.“
„Xaver, wovon sprichst du?“ Der Papst bemerkte, wie er heuchelte, denn er ahnte, worauf Xaver hinaus wollte.
„Sieh’ dich einmal um. Siehst du diese riesige Familie? Das kommt nicht von ungefähr.
Kein Spaß ohne Befleckung, Eure Heiligkeit, und wie du siehst, hat es bei uns im Laufe der Zeit ziemlich viele Flecken gegeben.“
„Ja, aber ist das denn nicht schön? Ich meine, es ist doch ein Geschenk…“
„Nichts da. Abgerackert haben wir uns für diese Horde und von ihrem Leben hatte auch unsere strenggläubige Resi nicht allzu viel.“ Xaver wurde hochrot im Gesicht vor Wut und dem Pontifex wurde bewusst, dass sich bei ihm über Jahrzehnte hinweg Groll angesammelt haben musste. Dass wir es bei Xaver mit einem waschechten Choleriker zu tun hatten, konnte man an seiner nächsten Handlung ablesen, denn als Benni mit einem „Aber…“ zu Glaubensfragen ansetzen wollte, ging er schnurstracks auf ihn zu, holte aus und im nächsten Moment wurde Unserer Heiligkeit schwarz vor Augen. Unser Papst hatte was auf die Mappe bekommen.
Viele Minuten später öffnete Benedict XVI. wieder seine Augen und bemerkte, dass er wohl zwischenzeitig geschlafen haben musste, er saß nach wie vor in seinem Privatzimmer im Vatikan und hielt eine Stoffkatze im Arm, eng an sich gedrückt. Er berührte sein Gesicht, um nach irgendwelchen Verletzungen zu tasten, aber dort schien keine Veränderung eingetreten zu sein und auch kein Schmerz fühlbar. Puuhh, noch einmal Glück gehabt, mit zunehmendem Alter wurden seine Träume immer lebendiger.
In wenigen Stunden musste er doch noch eine Messe verlesen und erneut zur Einkehr und Mäßigung raten. Wie hätte es bloß ausgesehen, wenn er mit einem Veilchen auf der Kanzel gestanden hätte? Aber das müsste man sich mal vorstellen.
EDIT, Presse vom 23.12.: “Als letzter liest Rouven und stößt mit seiner traurigen Erzählung über den alternden Papst nur noch auf taube Ohren.” Huch!
Der große Max Goldt (der übrigens am 12.01.06 mal wieder in Bielefeld liest) ist ja unter den lebenden deutschsprachigen Schreibern mein unangefochtener Favorit. Nicht einmal Wiglaf Droste und sein Heimat-Bonus gelangen an ihn heran. Was die beiden gemeinsam haben, ist ihre Unzufriedenheit gegenüber gewissen Dingen, denen sie aber auf unterschiedliche Weise Ausdruck verleihen. Herrn Drostes Bissigkeit und verurteilende Schärfe ist einfach nicht mehr zu überbieten, insbesondere bei politischen Themen. Für Herrn Goldts Stil allerdings ist charakteristisch, dass allein schon der angewendete Duktus komisch, ja beinahe niedlich klingt. So knarren und ächzen seine Texte oft vor Archaismen und die Konjunktivhäufung nimmt der Kritik viel ihrer Direktheit.
An den Gepflogenheiten des Literaturbetriebs an Weihnachten lässt er aber anscheinend genauso wenig Federn wie Herr Droste es tun würde. Beim Lesen der folgenden Zeilen hab’ ich mich sogar beinahe erschrocken.
Wie schön wäre es, wenn ich mal einen Brief bekäme, in dem es heißt: „Bitte schreiben Sie niemals eine satirische Weihnachtsgeschichte, denn Autoren, die so was tun, sind echt das Letzte.“ Statt dessen gibt’s jedes Jahr folgende Botschaft: „Wir hätten gern eine wunderbar satirische Weihnachtsgeschichte von Ihnen!“
Den Teufel werd ich tun. Das Schlimmste an Weihnachten ist die alljährliche Flut von satirischen Weihnachtskommentaren in Schrift, Musik und Schauspiel. Scharen von Kleintalentverwesern, die sich das ganze Jahr hervorragend und mit persönlichem Profit auf den Kapitalismus verstehen, wittern alljährlich, wenn der Winter naht, einen Konsumterror, der in seinen vermeintlichen Opfern einen Konsumrausch auslöst. Terror aber ruft gemeinhin Angst und Trauer hervor; wäre er dafür bekannt, Räusche zu erzeugen, hätte der Terror so manchen auch gutbürgerlichen Verehrer. Wer wiederum das Heimtragen von Plastiktüten mit Kinderspielzeug für einen Rausch hält, dem sei anzuraten, im Zugangsbereich von Diskothekentoiletten bestimmte aus naiver Sicht unnötig lange dort herumstehende Personen zu fragen, ob sie etwas hätten, womit man ihren Irrtum bezüglich des Begriffes Rausch ausräumen könne.
Seit Jahrzehnten werden nun schon alldezemberlich Programme aufgeführt mit Titeln, die selten wesentlich anders als „Süßer die Kassen nie klingeln“ lauten, und in Kino und TV laufen heiter glucksende Komödchen, in denen Weihnachtsmänner bald entführt werden, bald aufgrund organisatorischer Missverständnisse zu Dutzenden im Bescherungszimmer aufkreuzen oder aber, in derberer Genrevariation, sich an der Feuchte der Hausfrau zu schaffen machen. Im Soundtrack, meist von Haindling oder Konstantin Wecker, tönen volkstümliche Motive, die, ganz im Stile althergebrachter Gesellschaftskritik, durch leichte Dissonanzen aufgerauht werden. Grundsätzlich werden diese Filmwerke stereotyp als „bitterböse“ angekündigt. Das sind sie aber nie, sie funkeln rot und gold und grün vor augenzwinkerndem Einverständnis, welches sagt: Ja, das ist ja schon der helle Wahnsinn, dieses Weihnachtstreiben, aber Hand aufs Herz, lieben wir’s nicht letztlich alle doch? Schon allein wegen der leuchtenden Kinderaugen! […]
aus Max Goldt “Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens” (2005)
Das ist allerdings wahr, der Betrieb strotzt nur so vor bigottem Material zur Adventszeit. Aber, andererseits, wird so etwas nicht auch vom Publikum erwartet? Nun ja, reiht man sich ein zu den Produzenten derartiger Texte, wäre es jedenfalls eine recht opportunistische Angelegenheit.
Doch wie kommt man aus der Misere heraus? Wieso frage ich mich das überhaupt? Weil der Poetry Slam ansteht und das Datum (21.12.) eine ganze Reihe derartiger Texte erwarten lässt. Und mich plagen ähnliche Überlegungen wie die von Herrn Goldt.
Wahrscheinlich wäre der Opportunismus-Vorwurf am ehesten aus der Welt geschafft, wenn man etwas wirklich „bitterböses“ vorträgt. Nun denn.
Wie war das eigentlich mit Mischael-Sarim Verolléts Text „Jingle sells“ vom letzten Wortpalast? Den werden wir ja höchstwahrscheinlich auch dort wieder zu hören bekommen. War der auch „bitterböse“? Hm, doch, mir fiel gerade wieder das ein oder andere ein (insbesondere die Bezeichnug für die dickeren Jacken der Passanten *lol*). Allerdings, das war böse. Geht durch, hält stand ![]()
(aus einem tief, tief verborgenen Ordner aus dem Jahre 2000, “revisited” sozusagen)
Wegen eines mir widerfahrenen Missgeschicks bin ich einstmals gezwungen worden, den Zahnarzt des Ortes, in dessen Mitte ich meine Erziehung genoss, aufzusuchen. Einen Tag vor Silvester zerbrach mir merkwürdigerweise beim Beißen auf irgendeine schrecklich schmeckende Gummisüßigkeit der Firma Hans Riegel, Bonn, ein Molar ( das ist die Fachbezeichnung für Backenzahn, weiß’ ich von einem befreundeten Zahntechniker), und da ich glaubte, dass er gerade diesen vor Jahren einmal irgendeiner Behandlung unterzogen hatte, ließ ich mir einen Termin für zwei Wochen später geben (früher war’s halt nicht möglich).
Bei diesem ausgesprochen netten Dentisten handelt es sich übrigens um einen bekennenden Buddhisten. Wem jetzt wegen dieser Ideologie ein in wallenden, orangefarbenen Umhängen durch seine Praxishallen wabernder Scharlatan mit einer nach Blut geifernder Zange in der Hand vorschwebt, dem sei gesagt, dass dieser Mensch gegen das Kiefer-Leiden tatsächlich etwas nach allen Mitteln abendländischer Heilkunst tat. Immerhin ermöglichte er seiner - ausgesprochen attraktiven - Tochter die Ausübung dieser Lehre durch Kahlrasuren und einem Studium als buddhistische Mönchin (!).
[Das war übrigens auch das erste Mal, dass ich von einem Mönch in weiblicher Form gehört hatte und fragte mich, ob ich mich nicht einmal spirituell mit einem Kloster in Verbindung setzen sollte, ob es denn dort auch Nonneriche gäbe]
Also kam ich fast wörtlich auf dem Zahnfleisch, mit angerauhter Wangeninnenseite und längerer Unterdrückung meiner vollen Sprachgewalt letztendlich dort an. Schuldbeladenen Hauptes - mir wurde gerade an der Anmeldung mitgeteilt, seit wann ich denn nicht mehr „zu Besuch“ dort vorstellig gewesen wäre - wandte ich mich Richtung Wartezimmer. Wenigstens war ich ehrlich und hatte erklärt, dass ich nunmal Angst vorm Zahnarzt habe, wenn auch nicht direkt vor dem Herrn mit dem akademischen Grad, sondern vielmehr vor der Behandlung selbst.
In der Sitzecke, in der soviele Gemüter unruhig auf Heilung oder zahntechnische Exekution harrten, begrüßte mich dann der Herr Doktor, von dem ich kurz vorher gehört hatte, dass er sich, wie es sich für den Dalai-Lama des Ortes eigentlich nicht ziemte, zum Schützenkönig geschossen hatte:
„Hallo R. Schön dich mal wieder zu sehen.“
„Jaahh, ich dachte mir, vielleicht hat er endlich mal interessantere Zeitschriften als sonst hier ‘rumliegen.“
„Haha! Tja, du siehst, immer noch derselbe Scheiß. Brauchst auch nicht lange warten, bis gleich.“
Er verkroch sich sofort wieder.
Die karge Auswahl an Lektüre schien erdrückend langweilig: „Bild der Frau“, „Fit for fun“ (natürlich!) und die üblichen Krankenkassen-Geschichten. Ein weiterer, wartender Patient blätterte noch in etwas, das ich unbedingt sehen wollte. Glücklicherweise wurde er dann auch zum Gelehrten bestellt und die, ach, verdammt, „P.M.“ war mein. Naja, wenigstens etwas.
Beim missmutigen Stöbern unterbrochen wurde ich - nachdem es fünf Sekunden dauern musste, eh’ wir uns erkannten - von einer alten Bekannten, die, wie sich herausstellte, seit längerem in der Nähe der Stadt lebt, in der ich zu dieser Zeit mein Dasein fristete, und fast zur selben Uhrzeit wie ich einen Termin hier bekommen hatte (jeder und jederinn überwindet gerne längere Strecken zum Arzt, den mann/frau kennt, auch wenn der Akademiker der Wahl das Chaos predigt und Holzadler tötet). Interessanter Zufall, dachte ich mir, aber während wir uns über unsere heutigen Aktivitäten in unserer Wahlheimat unterhielten, verbrauchten in meiner Vorstellung auch gerade zwei Autos eine Stunde lang hintereinander bereits bezahltes Benzin.
In der Ruhephase der Diskussion, die sich wie immer meist dann auftut, wenn die Parteien nicht mehr damit weiterkommen, sich selbst durch ihr derzeitiges Schaffen darzustellen, verdiente die „P.M.“, der Ausbund an Glaubwürdigkeit der populärwissenschaftlichen Presse, mit einer schlüssigen Annahme meine Aufmerksamkeit: Eine gewisse, geographische, kreisrunde Anordnung, wie Platon sie vermutlich beschrieben hatte, vor Helgoland soll Beweise dafür liefern, dass Atlantis in der Nordsee lag. [Ironiemodus an] Mein Gesichtsausdruck wird bei dem noch einmal im Geiste wiederholten Satz „Atlantis lag in der Nordsee“ mit gewissem Ernst nur zustimmend beipflichten. Beim Klabautermann, dass dies auch dem ollen, mediterranen Griechen über den Olymp hinaus zu Ohren kam, womöglich hatten doch einige Vertreter der aus dem Geschichtsunterricht einschlägig bekannten deutschen Ideologie der dreißiger und frühen vierziger Jahre Recht, als sie glaubten, die Deutschen (bis auf einige Anhänger bestimmte Religionen) stammten von atlantischen Überwesen ab [Ironiemodus aus].
Den Glauben anderer soll man respektieren, hat mir mal jemand gesagt, glaub’ ich, außerdem soll der Glaube Berge versetzen.
Seit dem der letzte Vollmond mir durch mein damaliges Dachfenster permanent in die Augen leuchtete, glaubte ich zum Beispiel, ich müsste mein Bett dringend mal versetzen, war aber bis zu dem Zeitpunkt nicht dazu gelangt. Es handelte sich in besagter Nacht übrigens um eine Mondfinsternis, dabei waren damals noch gar nicht soviel Tage seit der Sonnenfinsternis ins Land gegangen (die sollen, glaub’ich, miteinander einhergehen). Fehlt nur die noch ausstehende Erdfinsternis, ich ruf’ demnächst beim Observatorium meines Vertrauens an und frage mal an, ich glaub’ nämlich daran.
„Guten Tag, können sie mir sagen, wann sich das nächste Mal die Sonne zwischen Erde und Mond schiebt? Wie, sowas gibt’s nicht, sie haben das doch bloß noch nie beobachtet!(Klick)“.
Die „P.M.“ mag diese Anregung eventuell auch zu schätzen.
Die Wissenschaft macht es dem Glauben schwer in diesen Tagen. Subjektiv betrachtet, und besonders häufig am Wochenende, schiebt sich die Sonne ganz gerne mal vor den Mond. Seien wir ehrlich: Des Alltagstrotts überdrüssig, ist jedes Subjekt gerne mal einem Schub Adrenalin durchaus geneigt, auch wenn sich die Droge - ein Bekannter würde „Substitution“ als Schlagwort anbringen - in Form eines „Sofas am Sonntag“ äußert (als Plural von „Sofa“ fänd’ ich „Sofi“ eigentlich viel schöner.).
Schnelllebig werden die Gedanken beim Zahnarzt, wenn man beschäftigt ist, sich davon abzulenken, wie die Kids aus dem dürftigen Spielzeug Raumschiffe entwerfen, die rein aerodynamisch schon allein nicht den Zuspruch gewisser physikalischer Gesetze erhielten und dies versuchen dadurch auszugleichen, indem sie turbinöse Geräusche in einem vermeintlich luftleeren Raum nachzuahmen.
Währenddessen ist unsereiner damit beschäftigt, sich mit der Person zu unterhalten, die man damals schon im Planschbecken für attraktiv hielt, wenn das auch inzwischen alles bereits zwanzig Jahre zurückliegen mag, und die jetzt allen Anschein nach im Ort nebenan wohnt.
Was zum Teufel ist das überhaupt wieder für eine merkwürdige Situation? Da sitz’ ich beim Zahnarzttermin mit einer von mir ehemals, vorpubertären Angebeteten zusammen, die nach Wegzug aus der Heimatgemeinde zufällig, allerdings auch sehr verlebt wirkend, in meiner Nähe wohnt, ich zufällig exakt den gleichen Termin bekomme beim absurdesten Behelfer der Republik, lese zum Ausgleich die irrsten Geschichten, die die Archäologie zu bieten hat und versuche zeitgleich, keine Nervosität (der bevorstehenden Behandlung wegen) zu zeigen.
Manch einer mag die Behauptung anstellen oder daran glauben, dass derlei Situationen nunmal das Leben erst lebenswert machen, gerade wenn sie überraschend und absurd erscheinen, andere denken - wozu ich aber nicht gehöre - , das Zuversicht in metaphysische oder transzendente Gegebenheiten, z.B. Gott, ein fester Bestandteil des Lebens sei.
Ich weiß zwar nicht, wie viele Götter der buddhistische Glauben kennt, kenne aber eine Frau, die an den römisch-katholischen glaubt, und mir bei einer Unterhaltung ihr größtes Geheimnis (sic!) preisgegeben hat, nämlich, dass sie sich allabendlich mit ihm unterhält. Also nicht zu ihm betet, wie man annehmen sollte, sondern ihn auch mal für etwas misslungenes auslacht, das er tagsüber gebaut hat. Irgendwie fand ich die Vorstellung süß, und da ich sie für sehr gläubig halte, hatte ich sie gefragt, wie sie es mit der Nächstenliebe halte. Das ist z.B. etwas, das ich am Christentum nie verstanden habe, wie man unausstehliche Geschöpfe mögen soll oder ihnen auch noch die Wange hinhalten müsste. Und es stellte sich heraus, dass es doch Personen gibt, denen sie die Pest an den Hals wünscht. Ob sie das auch abends Gott bittet? Soweit habe ich mich nicht getraut zu fragen.
Zwischenzeitig wurde mir übrigens einen Zahn komplettiert und mir fällt meine vorige Sorge darüber wieder ein, dass ich zwei Wochen Wartezeit in Kauf nahm, weil ich glaubte, der Eingriff würde gravierender werden, stattdessen die Konsultierung eines wildfremden Zahnarztes außer Betracht zog, mich in der Silvesternacht mit einer rasiermesserscharfen Zahnruine durch Hamburg schleppte, und mir dachte, sollte es vorkommen, dass du heute eine Frau küsst, dann wenigstens eine, die du nicht ausstehen kannst („Um Himmels willen, deine Klamotten bekommen doch auch was ab.“).
Verwerfliches Gedankengut, das wieder aufkam, man könnte den Glauben an mich verlieren. Im Nachhinein stellt sich dann heraus, dass die Behandlung, für die keine Betäubung vonnöten ist, nicht mal zwanzig Minuten beansprucht. Das hätte ich bei jedem komischen Mindener Notdienst machen lassen können.
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Weitere schöne oder minder schöne Beispiele für „Glauben“:
- Der TÜV Minden glaubt, mein Auto verdient keine AU-Plakette, weil der „Vergaserflansch“ defekt sei. Ich hingegen glaube, dass „Flansch“ mal wieder so eines dieser schönen, handwerklichen Wortschöpfungen ist, zu denen auch „Querstrebe“ oder „Verblendung“ gehören.
- Die Automarke Peugeot glaubt, Haushaltsgeräte mit geringer Lebenserwartung auf den Markt bringen zu müssen, wie z.B. die batteriebetriebene Pfeffermühle meines Mitbewohners, die bei Druck auf den obigen Knopf damit beginnt, im Gehäuse mit den Pfefferkörnern zu leuchten, und von uns dazu zweckentfremdet wird, nachts den Weg zum Lichtschalter zu finden.
- Von vielen Menschen wird geglaubt, die Welt sei schlecht.
- Ich glaub’, die Milch im Kühlschrank auch.

Wenn man in einem Seminar zu Klassikern der Sprachtheorie bereits seit drei Veranstaltungen über das Wesen und den Charakter von Zeichen redet, kann einem schon ganz schön schummerig werden.
Bislang kannte ich Herrn Peirce und seine Einteilung in drei Klassen von Zeichen aus vielen Seminaren. Immer wieder mal tauchte hier ein Ikönchen, dort ein Symbol, dann auch ein kleines Indexilein irgendwo auf (zum Zeichenbegriff siehe hier). Ich hatte aber – zugegeben - noch nie vorher auch nur einmal in seine eigenen Schriften hineingesehen, nun aber festgestellt, dass diese Klassifizierung lediglich ein Ergebnis bildet, mit dem man in der Praxis umgehen kann. Dahinter, oder vielmehr davor, stehen aber noch weit tiefgreifendere Überlegungen.
Gehen wir es anders an.
Auf die Frage, was sie zu ihrem sprachwissenschaftlichen Studium bewogen habe, meinte eine/die gute Freundin mal zu mir, es läge an dem Interesse über den Vorgang, wie das, was sie denke, in die Köpfe der anderen gelangen könnte. Das klingt zunächst einmal banal, denn verstanden werden wollen schließlich alle, aber das ist es nicht, denn bei der Übermittlung von Information spielt eine Menge mit hinein.
Diese der Kommunikation zugrundeliegenden Vermittlungs- und Verständigungsprozesse funktionieren zum Beispiel über Zeichen. Immer. Da liegt es nur zu nahe, sich mal Gedanken zu machen, was denn diese Dinger im Besonderen charakterisiert.
Die Krux des Ganzen liegt darin, dass sie – wie so oft gesagt – für etwas anderes stehen. Aliquid stat pro aliquo. Ich kann mich also niemals mithilfe der Realität oder Objekten unterhalten, sondern immer nur über sie, indem ich etwas anders zuhilfe nehme, etwas, das auf sie referiert.
Das Bild eines Herzens verweist ja nicht auf das menschliche Organ, sondern in vielen Kulturkreisen (noch ein Problem: nicht überall!) auf die Liebe, wobei das ausgeschriebene Wort wiederum ein Zeichen des gesprochenen, dieses wieder ein Zeichen für den abstrakten Gedanken ist. Doch es taugt bestenfalls nur dazu, sich über das Wesen dieses Abstractums zu unterhalten, dessen reine Möglichkeit.
Denn, wenn es in der Realität auftritt, also analysierbar ist (z.B. ein Kuss, eine Umarmung) muss es sich nicht um Liebe handeln, bestenfalls um irgendeine Art Liebesbeziehung. Und dafür ist ein anderes Zeichen notwendig, vielleicht das eben genannte Wort.
Ein Zeichen interpretiert das nächste, so entsteht eine ganze Verkettung bzw. sogar Verflechtung von Bedeutungen hinter dem bloßen Ausdrucksmaterial.
Verständigung ist hier nur möglich, wenn man einen Konsens hat und zum Glück sind zumindest die meisten sprachlichen Zeichen konventionalisiert. Dennoch herrscht nicht über alles eine gedankliche Schnittmenge oder geteilte Ansicht (siehe allein die unterschiedlichen Idealvorstellungen von Liebe hier im näheren Blog-Umfeld, dagegen fühl ich mich ja beinahe wie ein Reaktionär *g*), aber das hatte Peirce ja auch bereits unter dem Aspekt der Fallibilität berücksichtigt im Hinblick darauf, dass man sich zur Wahrheit eben approximativ verhält und Fehler erlaubt sind und begradigt werden. Ich muss also damit rechnen, dass womöglich ich derjenige bin, der auf dem falschen Dampfer fährt.
Ganz kompliziert wird’s natürlich, wenn man auch davon ausgeht, dass Sprache das Denken beeinflusst (was niemand schlüssig beweisen kann („Schneid mir den Kopf auf und lies!“)) oder umgekehrt, und man dann über die Art der Entstehung von Zeichen debattieren will.
Wie bei allen Dingen, denen kognitive Prozesse zugrunde liegen, bewegt man sich dabei in Regionen, „die nie ein Mensch zuvor gesehen hat“ und für die man erst noch Begriffe finden müsste. Reine Abduktion eben, besonders dann, wenn man feststellen möchte, WIE sich diese unterschiedlichen Zeichen denn nun zu dem, was sie beschreiben, verhalten.
Viele umgestülpte Gehirnwindungen später wollte ich jedenfalls nichts mehr sagen. Zumindest nicht mit Zeichen, könnte ja verkehrt sein. Nur noch brabbeln.
“Nein, mit Nichten lässt es sich besser leben als in ihrer Situation.”
Na, dann muss ich meinem Bruder wohl mal sagen, dass er sich ranhalten soll.



