Bürger sehen fern
Geschrieben am 9 Dezember 2005
Mich wundert’s ja ziemlich oft, was das wohl für Leute sind, die überhaupt noch fernsehen. Oder sagen wir mal besser: viel fernsehen, denn das Massenmedium par excellence hat immerhin nur noch einige wenige, qualitativ gute Formate zu bieten. Die seltenen Ausnahmen mit einer intelligenten Kombination von Unterhaltung, Kritik und Anregung wie zum Beispiel „Harald Schmidt“ beim Late Talk oder die „Simpsons“ bei den Cartoons müssen aber leider gesucht werden, und käme es uns auf die reine Information an, nun ja, die können wir uns ja mittlerweile auch anders beschaffen, nicht wahr?
Dennoch, ich kann mich entsinnen, dass ich vor ca. anderthalb Jahren mal bei einer Veranstaltung zugegen war, die sich als Rekrutierungsnepperei für künftige Knebel-Vermögensberater (Fa. OVB ) entpuppte. Dort wurde aus einem Spiegel-Artikel zitiert und auch eine auf Folie gezogene Kopie zum Beweis vorgelegt, welche Berufe denn in Zukunft die größten Aussichten hätten. Unter den ersten drei waren gelistet: Natürlich Vermögensberater, Call-Center-Agenten und – siehe da – Fernsehmoderatoren. Erstaunlich, oder?
In den achtziger Jahren saß man noch mit einer gewissen Ehrfurcht vor diesem Beruf vor der Mattscheibe, wenn Kuhlenkampff und Co. die ganze Nation unterhielten. Das ist mittlerweile etwas anders geworden, viele Sender verderben den Brei.
Den bisherigen Gipfel der Niveaulosigkeit bilden ja die Verkaufs- und Rätselsender, aber darüber brauchen wir uns, glaube ich, kaum noch unterhalten. Nichtsdestotrotz scheint es dafür einen Markt zu geben und demnach auch Menschen, die diese Angebote in Anspruch nehmen. Mich persönlich regt diese bunte Geflimmer beim Durchzappen nur noch auf. Ich fühle mich reizüberflutet.
Ruhen kann das Auge meist bei den Öffentlich-Rechtlichen oder bei Sendern, deren Schwerpunkt woanders liegt als bei Desinformation. Seit Kurzem sind wir in dieser Stadt auch mit einem eigenen Bürgersender, dem Kanal21, gesegnet und – nach persönlichem Empfinden – hinkten wir da ein wenig hinterher, haben schließlich viele andere Städte bereits ihre eigenen „Offenen Kanäle“ seit Langem. Das Programm scheint sich auf Informationen aus der Region und um die Uni zu beschränken, gepaart mit der Präsentationsmöglichkeit für Eigenkreationen in punkto Video und Musik. Das ist selbstverständlich eine gute Sache.
Am Bielefelder Kanal21 sind viele liebe Menschen, die ich kenne, in irgendeiner Form beteiligt und ich weiß, dass sich hier eine kommende Riege von Medienmachern erprobt. Hoffen wir, dass sie nicht eines Tages aus rein opportunistischen Gründen bei bereits genannten Nervsendern landen.
Das gesamte Auftreten steckt natürlich noch etwas in den Kinderschuhen, aber da möchte ich mich lieber mal mit Kritik etwas zurückhalten. Sonst kämen vermutlich von dort Zurufe wie „Mach’s doch besser!“ Doch genau das könnte ich nämlich nicht.
Aber eines sage ich euch: Wenn mir in der Fußgängerzone plötzlich Kamera und Mikro vor die Nase gehalten werden und ich möglichst wie aus der Pistole geschossen auf Fragen wie „Was halten sie von einem Beitritt der Türkei zur EU?“ antworten soll, verklag ich euch bis nach Karlsruhe, sollte das Resultat dann gesendet werden *g*.
Neulich dort gesehen:
Interviewerin: „Was halten sie von Frauen in Führungspositionen?“
Interviewte: „Find’ ich ne gute Idee.“
Hehe. Allerdings, in einem Anflug von Ironie hätte mir diese Antwort ebenfalls herausrutschen können.

