Signs-Science
Geschrieben am 14 Dezember 2005

Wenn man in einem Seminar zu Klassikern der Sprachtheorie bereits seit drei Veranstaltungen über das Wesen und den Charakter von Zeichen redet, kann einem schon ganz schön schummerig werden.
Bislang kannte ich Herrn Peirce und seine Einteilung in drei Klassen von Zeichen aus vielen Seminaren. Immer wieder mal tauchte hier ein Ikönchen, dort ein Symbol, dann auch ein kleines Indexilein irgendwo auf (zum Zeichenbegriff siehe hier). Ich hatte aber – zugegeben - noch nie vorher auch nur einmal in seine eigenen Schriften hineingesehen, nun aber festgestellt, dass diese Klassifizierung lediglich ein Ergebnis bildet, mit dem man in der Praxis umgehen kann. Dahinter, oder vielmehr davor, stehen aber noch weit tiefgreifendere Überlegungen.
Gehen wir es anders an.
Auf die Frage, was sie zu ihrem sprachwissenschaftlichen Studium bewogen habe, meinte eine/die gute Freundin mal zu mir, es läge an dem Interesse über den Vorgang, wie das, was sie denke, in die Köpfe der anderen gelangen könnte. Das klingt zunächst einmal banal, denn verstanden werden wollen schließlich alle, aber das ist es nicht, denn bei der Übermittlung von Information spielt eine Menge mit hinein.
Diese der Kommunikation zugrundeliegenden Vermittlungs- und Verständigungsprozesse funktionieren zum Beispiel über Zeichen. Immer. Da liegt es nur zu nahe, sich mal Gedanken zu machen, was denn diese Dinger im Besonderen charakterisiert.
Die Krux des Ganzen liegt darin, dass sie – wie so oft gesagt – für etwas anderes stehen. Aliquid stat pro aliquo. Ich kann mich also niemals mithilfe der Realität oder Objekten unterhalten, sondern immer nur über sie, indem ich etwas anders zuhilfe nehme, etwas, das auf sie referiert.
Das Bild eines Herzens verweist ja nicht auf das menschliche Organ, sondern in vielen Kulturkreisen (noch ein Problem: nicht überall!) auf die Liebe, wobei das ausgeschriebene Wort wiederum ein Zeichen des gesprochenen, dieses wieder ein Zeichen für den abstrakten Gedanken ist. Doch es taugt bestenfalls nur dazu, sich über das Wesen dieses Abstractums zu unterhalten, dessen reine Möglichkeit.
Denn, wenn es in der Realität auftritt, also analysierbar ist (z.B. ein Kuss, eine Umarmung) muss es sich nicht um Liebe handeln, bestenfalls um irgendeine Art Liebesbeziehung. Und dafür ist ein anderes Zeichen notwendig, vielleicht das eben genannte Wort.
Ein Zeichen interpretiert das nächste, so entsteht eine ganze Verkettung bzw. sogar Verflechtung von Bedeutungen hinter dem bloßen Ausdrucksmaterial.
Verständigung ist hier nur möglich, wenn man einen Konsens hat und zum Glück sind zumindest die meisten sprachlichen Zeichen konventionalisiert. Dennoch herrscht nicht über alles eine gedankliche Schnittmenge oder geteilte Ansicht (siehe allein die unterschiedlichen Idealvorstellungen von Liebe hier im näheren Blog-Umfeld, dagegen fühl ich mich ja beinahe wie ein Reaktionär *g*), aber das hatte Peirce ja auch bereits unter dem Aspekt der Fallibilität berücksichtigt im Hinblick darauf, dass man sich zur Wahrheit eben approximativ verhält und Fehler erlaubt sind und begradigt werden. Ich muss also damit rechnen, dass womöglich ich derjenige bin, der auf dem falschen Dampfer fährt.
Ganz kompliziert wird’s natürlich, wenn man auch davon ausgeht, dass Sprache das Denken beeinflusst (was niemand schlüssig beweisen kann („Schneid mir den Kopf auf und lies!“)) oder umgekehrt, und man dann über die Art der Entstehung von Zeichen debattieren will.
Wie bei allen Dingen, denen kognitive Prozesse zugrunde liegen, bewegt man sich dabei in Regionen, „die nie ein Mensch zuvor gesehen hat“ und für die man erst noch Begriffe finden müsste. Reine Abduktion eben, besonders dann, wenn man feststellen möchte, WIE sich diese unterschiedlichen Zeichen denn nun zu dem, was sie beschreiben, verhalten.
Viele umgestülpte Gehirnwindungen später wollte ich jedenfalls nichts mehr sagen. Zumindest nicht mit Zeichen, könnte ja verkehrt sein. Nur noch brabbeln.


sehr schön.
Danke. Nett, nich?