Vom Zahnweh in’s Nirwana
Geschrieben am 16 Dezember 2005
(aus einem tief, tief verborgenen Ordner aus dem Jahre 2000, “revisited” sozusagen)
Wegen eines mir widerfahrenen Missgeschicks bin ich einstmals gezwungen worden, den Zahnarzt des Ortes, in dessen Mitte ich meine Erziehung genoss, aufzusuchen. Einen Tag vor Silvester zerbrach mir merkwürdigerweise beim Beißen auf irgendeine schrecklich schmeckende Gummisüßigkeit der Firma Hans Riegel, Bonn, ein Molar ( das ist die Fachbezeichnung für Backenzahn, weiß’ ich von einem befreundeten Zahntechniker), und da ich glaubte, dass er gerade diesen vor Jahren einmal irgendeiner Behandlung unterzogen hatte, ließ ich mir einen Termin für zwei Wochen später geben (früher war’s halt nicht möglich).
Bei diesem ausgesprochen netten Dentisten handelt es sich übrigens um einen bekennenden Buddhisten. Wem jetzt wegen dieser Ideologie ein in wallenden, orangefarbenen Umhängen durch seine Praxishallen wabernder Scharlatan mit einer nach Blut geifernder Zange in der Hand vorschwebt, dem sei gesagt, dass dieser Mensch gegen das Kiefer-Leiden tatsächlich etwas nach allen Mitteln abendländischer Heilkunst tat. Immerhin ermöglichte er seiner - ausgesprochen attraktiven - Tochter die Ausübung dieser Lehre durch Kahlrasuren und einem Studium als buddhistische Mönchin (!).
[Das war übrigens auch das erste Mal, dass ich von einem Mönch in weiblicher Form gehört hatte und fragte mich, ob ich mich nicht einmal spirituell mit einem Kloster in Verbindung setzen sollte, ob es denn dort auch Nonneriche gäbe]
Also kam ich fast wörtlich auf dem Zahnfleisch, mit angerauhter Wangeninnenseite und längerer Unterdrückung meiner vollen Sprachgewalt letztendlich dort an. Schuldbeladenen Hauptes - mir wurde gerade an der Anmeldung mitgeteilt, seit wann ich denn nicht mehr „zu Besuch“ dort vorstellig gewesen wäre - wandte ich mich Richtung Wartezimmer. Wenigstens war ich ehrlich und hatte erklärt, dass ich nunmal Angst vorm Zahnarzt habe, wenn auch nicht direkt vor dem Herrn mit dem akademischen Grad, sondern vielmehr vor der Behandlung selbst.
In der Sitzecke, in der soviele Gemüter unruhig auf Heilung oder zahntechnische Exekution harrten, begrüßte mich dann der Herr Doktor, von dem ich kurz vorher gehört hatte, dass er sich, wie es sich für den Dalai-Lama des Ortes eigentlich nicht ziemte, zum Schützenkönig geschossen hatte:
„Hallo R. Schön dich mal wieder zu sehen.“
„Jaahh, ich dachte mir, vielleicht hat er endlich mal interessantere Zeitschriften als sonst hier ‘rumliegen.“
„Haha! Tja, du siehst, immer noch derselbe Scheiß. Brauchst auch nicht lange warten, bis gleich.“
Er verkroch sich sofort wieder.
Die karge Auswahl an Lektüre schien erdrückend langweilig: „Bild der Frau“, „Fit for fun“ (natürlich!) und die üblichen Krankenkassen-Geschichten. Ein weiterer, wartender Patient blätterte noch in etwas, das ich unbedingt sehen wollte. Glücklicherweise wurde er dann auch zum Gelehrten bestellt und die, ach, verdammt, „P.M.“ war mein. Naja, wenigstens etwas.
Beim missmutigen Stöbern unterbrochen wurde ich - nachdem es fünf Sekunden dauern musste, eh’ wir uns erkannten - von einer alten Bekannten, die, wie sich herausstellte, seit längerem in der Nähe der Stadt lebt, in der ich zu dieser Zeit mein Dasein fristete, und fast zur selben Uhrzeit wie ich einen Termin hier bekommen hatte (jeder und jederinn überwindet gerne längere Strecken zum Arzt, den mann/frau kennt, auch wenn der Akademiker der Wahl das Chaos predigt und Holzadler tötet). Interessanter Zufall, dachte ich mir, aber während wir uns über unsere heutigen Aktivitäten in unserer Wahlheimat unterhielten, verbrauchten in meiner Vorstellung auch gerade zwei Autos eine Stunde lang hintereinander bereits bezahltes Benzin.
In der Ruhephase der Diskussion, die sich wie immer meist dann auftut, wenn die Parteien nicht mehr damit weiterkommen, sich selbst durch ihr derzeitiges Schaffen darzustellen, verdiente die „P.M.“, der Ausbund an Glaubwürdigkeit der populärwissenschaftlichen Presse, mit einer schlüssigen Annahme meine Aufmerksamkeit: Eine gewisse, geographische, kreisrunde Anordnung, wie Platon sie vermutlich beschrieben hatte, vor Helgoland soll Beweise dafür liefern, dass Atlantis in der Nordsee lag. [Ironiemodus an] Mein Gesichtsausdruck wird bei dem noch einmal im Geiste wiederholten Satz „Atlantis lag in der Nordsee“ mit gewissem Ernst nur zustimmend beipflichten. Beim Klabautermann, dass dies auch dem ollen, mediterranen Griechen über den Olymp hinaus zu Ohren kam, womöglich hatten doch einige Vertreter der aus dem Geschichtsunterricht einschlägig bekannten deutschen Ideologie der dreißiger und frühen vierziger Jahre Recht, als sie glaubten, die Deutschen (bis auf einige Anhänger bestimmte Religionen) stammten von atlantischen Überwesen ab [Ironiemodus aus].
Den Glauben anderer soll man respektieren, hat mir mal jemand gesagt, glaub’ ich, außerdem soll der Glaube Berge versetzen.
Seit dem der letzte Vollmond mir durch mein damaliges Dachfenster permanent in die Augen leuchtete, glaubte ich zum Beispiel, ich müsste mein Bett dringend mal versetzen, war aber bis zu dem Zeitpunkt nicht dazu gelangt. Es handelte sich in besagter Nacht übrigens um eine Mondfinsternis, dabei waren damals noch gar nicht soviel Tage seit der Sonnenfinsternis ins Land gegangen (die sollen, glaub’ich, miteinander einhergehen). Fehlt nur die noch ausstehende Erdfinsternis, ich ruf’ demnächst beim Observatorium meines Vertrauens an und frage mal an, ich glaub’ nämlich daran.
„Guten Tag, können sie mir sagen, wann sich das nächste Mal die Sonne zwischen Erde und Mond schiebt? Wie, sowas gibt’s nicht, sie haben das doch bloß noch nie beobachtet!(Klick)“.
Die „P.M.“ mag diese Anregung eventuell auch zu schätzen.
Die Wissenschaft macht es dem Glauben schwer in diesen Tagen. Subjektiv betrachtet, und besonders häufig am Wochenende, schiebt sich die Sonne ganz gerne mal vor den Mond. Seien wir ehrlich: Des Alltagstrotts überdrüssig, ist jedes Subjekt gerne mal einem Schub Adrenalin durchaus geneigt, auch wenn sich die Droge - ein Bekannter würde „Substitution“ als Schlagwort anbringen - in Form eines „Sofas am Sonntag“ äußert (als Plural von „Sofa“ fänd’ ich „Sofi“ eigentlich viel schöner.).
Schnelllebig werden die Gedanken beim Zahnarzt, wenn man beschäftigt ist, sich davon abzulenken, wie die Kids aus dem dürftigen Spielzeug Raumschiffe entwerfen, die rein aerodynamisch schon allein nicht den Zuspruch gewisser physikalischer Gesetze erhielten und dies versuchen dadurch auszugleichen, indem sie turbinöse Geräusche in einem vermeintlich luftleeren Raum nachzuahmen.
Währenddessen ist unsereiner damit beschäftigt, sich mit der Person zu unterhalten, die man damals schon im Planschbecken für attraktiv hielt, wenn das auch inzwischen alles bereits zwanzig Jahre zurückliegen mag, und die jetzt allen Anschein nach im Ort nebenan wohnt.
Was zum Teufel ist das überhaupt wieder für eine merkwürdige Situation? Da sitz’ ich beim Zahnarzttermin mit einer von mir ehemals, vorpubertären Angebeteten zusammen, die nach Wegzug aus der Heimatgemeinde zufällig, allerdings auch sehr verlebt wirkend, in meiner Nähe wohnt, ich zufällig exakt den gleichen Termin bekomme beim absurdesten Behelfer der Republik, lese zum Ausgleich die irrsten Geschichten, die die Archäologie zu bieten hat und versuche zeitgleich, keine Nervosität (der bevorstehenden Behandlung wegen) zu zeigen.
Manch einer mag die Behauptung anstellen oder daran glauben, dass derlei Situationen nunmal das Leben erst lebenswert machen, gerade wenn sie überraschend und absurd erscheinen, andere denken - wozu ich aber nicht gehöre - , das Zuversicht in metaphysische oder transzendente Gegebenheiten, z.B. Gott, ein fester Bestandteil des Lebens sei.
Ich weiß zwar nicht, wie viele Götter der buddhistische Glauben kennt, kenne aber eine Frau, die an den römisch-katholischen glaubt, und mir bei einer Unterhaltung ihr größtes Geheimnis (sic!) preisgegeben hat, nämlich, dass sie sich allabendlich mit ihm unterhält. Also nicht zu ihm betet, wie man annehmen sollte, sondern ihn auch mal für etwas misslungenes auslacht, das er tagsüber gebaut hat. Irgendwie fand ich die Vorstellung süß, und da ich sie für sehr gläubig halte, hatte ich sie gefragt, wie sie es mit der Nächstenliebe halte. Das ist z.B. etwas, das ich am Christentum nie verstanden habe, wie man unausstehliche Geschöpfe mögen soll oder ihnen auch noch die Wange hinhalten müsste. Und es stellte sich heraus, dass es doch Personen gibt, denen sie die Pest an den Hals wünscht. Ob sie das auch abends Gott bittet? Soweit habe ich mich nicht getraut zu fragen.
Zwischenzeitig wurde mir übrigens einen Zahn komplettiert und mir fällt meine vorige Sorge darüber wieder ein, dass ich zwei Wochen Wartezeit in Kauf nahm, weil ich glaubte, der Eingriff würde gravierender werden, stattdessen die Konsultierung eines wildfremden Zahnarztes außer Betracht zog, mich in der Silvesternacht mit einer rasiermesserscharfen Zahnruine durch Hamburg schleppte, und mir dachte, sollte es vorkommen, dass du heute eine Frau küsst, dann wenigstens eine, die du nicht ausstehen kannst („Um Himmels willen, deine Klamotten bekommen doch auch was ab.“).
Verwerfliches Gedankengut, das wieder aufkam, man könnte den Glauben an mich verlieren. Im Nachhinein stellt sich dann heraus, dass die Behandlung, für die keine Betäubung vonnöten ist, nicht mal zwanzig Minuten beansprucht. Das hätte ich bei jedem komischen Mindener Notdienst machen lassen können.
————————————————————————–
Weitere schöne oder minder schöne Beispiele für „Glauben“:
- Der TÜV Minden glaubt, mein Auto verdient keine AU-Plakette, weil der „Vergaserflansch“ defekt sei. Ich hingegen glaube, dass „Flansch“ mal wieder so eines dieser schönen, handwerklichen Wortschöpfungen ist, zu denen auch „Querstrebe“ oder „Verblendung“ gehören.
- Die Automarke Peugeot glaubt, Haushaltsgeräte mit geringer Lebenserwartung auf den Markt bringen zu müssen, wie z.B. die batteriebetriebene Pfeffermühle meines Mitbewohners, die bei Druck auf den obigen Knopf damit beginnt, im Gehäuse mit den Pfefferkörnern zu leuchten, und von uns dazu zweckentfremdet wird, nachts den Weg zum Lichtschalter zu finden.
- Von vielen Menschen wird geglaubt, die Welt sei schlecht.
- Ich glaub’, die Milch im Kühlschrank auch.


Ironie-Modus an oder aus
Jedenfalls findet man zahllose Infos zu Atlantis auf http://www.atlantis-scout.de/
Ironiemodus an: Auch über Atlantis in der Nordsee! Ironiemodus aus.
Viel Spaß!
Thorwald