Goldt und die Weihnachtstexte

Geschrieben am 19 Dezember 2005

Der große Max Goldt (der übrigens am 12.01.06 mal wieder in Bielefeld liest) ist ja unter den lebenden deutschsprachigen Schreibern mein unangefochtener Favorit. Nicht einmal Wiglaf Droste und sein Heimat-Bonus gelangen an ihn heran. Was die beiden gemeinsam haben, ist ihre Unzufriedenheit gegenüber gewissen Dingen, denen sie aber auf unterschiedliche Weise Ausdruck verleihen. Herrn Drostes Bissigkeit und verurteilende Schärfe ist einfach nicht mehr zu überbieten, insbesondere bei politischen Themen. Für Herrn Goldts Stil allerdings ist charakteristisch, dass allein schon der angewendete Duktus komisch, ja beinahe niedlich klingt. So knarren und ächzen seine Texte oft vor Archaismen und die Konjunktivhäufung nimmt der Kritik viel ihrer Direktheit.
An den Gepflogenheiten des Literaturbetriebs an Weihnachten lässt er aber anscheinend genauso wenig Federn wie Herr Droste es tun würde. Beim Lesen der folgenden Zeilen hab’ ich mich sogar beinahe erschrocken.

Wie schön wäre es, wenn ich mal einen Brief bekäme, in dem es heißt: „Bitte schreiben Sie niemals eine satirische Weihnachtsgeschichte, denn Autoren, die so was tun, sind echt das Letzte.“ Statt dessen gibt’s jedes Jahr folgende Botschaft: „Wir hätten gern eine wunderbar satirische Weihnachtsgeschichte von Ihnen!“

Den Teufel werd ich tun. Das Schlimmste an Weihnachten ist die alljährliche Flut von satirischen Weihnachtskommentaren in Schrift, Musik und Schauspiel. Scharen von Kleintalentverwesern, die sich das ganze Jahr hervorragend und mit persönlichem Profit auf den Kapitalismus verstehen, wittern alljährlich, wenn der Winter naht, einen Konsumterror, der in seinen vermeintlichen Opfern einen Konsumrausch auslöst. Terror aber ruft gemeinhin Angst und Trauer hervor; wäre er dafür bekannt, Räusche zu erzeugen, hätte der Terror so manchen auch gutbürgerlichen Verehrer. Wer wiederum das Heimtragen von Plastiktüten mit Kinderspielzeug für einen Rausch hält, dem sei anzuraten, im Zugangsbereich von Diskothekentoiletten bestimmte aus naiver Sicht unnötig lange dort herumstehende Personen zu fragen, ob sie etwas hätten, womit man ihren Irrtum bezüglich des Begriffes Rausch ausräumen könne.

Seit Jahrzehnten werden nun schon alldezemberlich Programme aufgeführt mit Titeln, die selten wesentlich anders als „Süßer die Kassen nie klingeln“ lauten, und in Kino und TV laufen heiter glucksende Komödchen, in denen Weihnachtsmänner bald entführt werden, bald aufgrund organisatorischer Missverständnisse zu Dutzenden im Bescherungszimmer aufkreuzen oder aber, in derberer Genrevariation, sich an der Feuchte der Hausfrau zu schaffen machen. Im Soundtrack, meist von Haindling oder Konstantin Wecker, tönen volkstümliche Motive, die, ganz im Stile althergebrachter Gesellschaftskritik, durch leichte Dissonanzen aufgerauht werden. Grundsätzlich werden diese Filmwerke stereotyp als „bitterböse“ angekündigt. Das sind sie aber nie, sie funkeln rot und gold und grün vor augenzwinkerndem Einverständnis, welches sagt: Ja, das ist ja schon der helle Wahnsinn, dieses Weihnachtstreiben, aber Hand aufs Herz, lieben wir’s nicht letztlich alle doch? Schon allein wegen der leuchtenden Kinderaugen! […]

aus Max Goldt “Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens” (2005)

Das ist allerdings wahr, der Betrieb strotzt nur so vor bigottem Material zur Adventszeit. Aber, andererseits, wird so etwas nicht auch vom Publikum erwartet? Nun ja, reiht man sich ein zu den Produzenten derartiger Texte, wäre es jedenfalls eine recht opportunistische Angelegenheit.

Doch wie kommt man aus der Misere heraus? Wieso frage ich mich das überhaupt? Weil der Poetry Slam ansteht und das Datum (21.12.) eine ganze Reihe derartiger Texte erwarten lässt. Und mich plagen ähnliche Überlegungen wie die von Herrn Goldt.
Wahrscheinlich wäre der Opportunismus-Vorwurf am ehesten aus der Welt geschafft, wenn man etwas wirklich „bitterböses“ vorträgt. Nun denn.
Wie war das eigentlich mit Mischael-Sarim Verolléts Text „Jingle sells“ vom letzten Wortpalast? Den werden wir ja höchstwahrscheinlich auch dort wieder zu hören bekommen. War der auch „bitterböse“? Hm, doch, mir fiel gerade wieder das ein oder andere ein (insbesondere die Bezeichnug für die dickeren Jacken der Passanten *lol*). Allerdings, das war böse. Geht durch, hält stand ;-)

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