Papst Benni wird bzw. ist alt

Geschrieben am 22 Dezember 2005

(auf Drängen von Herrn Verollet hier noch einmal der Loser-Text der gestrigen Todesrunde veröffentlicht *g*)

Gerade eben noch stand er vor dem Petersdom und hatte der Stadt und dem Erdkreis seinen „Urbi et Orbi“ verlesen und im Zuge dessen die Glaubenswelt vor dem Kommerz des Weihnachtsfestes gewarnt, zu mehr Mäßigung aufgerufen und nun kehrte er erschöpft der jubelnden Menge den Rücken, betrat das Gebäude und einige Ministranten schlossen die großen Flügeltüren hinter ihm.
Er streifte sich die Tiara von seinem schütteren Haar, reichte diese und seinen übergroßen Hirtenstab an einen der Kardinäle, die gerade in der Nähe standen.
„Scheiße schwer, die Teile,“ dachte er nur und durfte es doch nicht sagen. Immerhin, bis zu seinem achtzigsten Wiegenfest dauerte es auch nicht mehr lange, aber er trug es mit Fassung und lächelte dazu.
Er steuerte seine privaten Räume an und der Weg dorthin führte ihn durch die sixtinische Kapelle, das Echo seiner Schritte hallte die Wände entlang nach oben, hin zu dem Fresko Michelangelos, auf dem Gott die Hand Adams berührt, um diesen zum Leben zu erwecken.
Früher, als er noch studierte und Josef hieß, besaßen einige seiner Kommilitonen in ihren Zimmern Poster dieses Gemäldes. Doch auf eben jenen reichte der Herrgott dem Menschen stets einen riesigen Joint als Geschenk. „Blasphemie,“ hatte er dann immer seinen Mitstudierenden entgegengerufen und sie auf’s Schärfste verurteilt.
Aber jetzt, so lange Zeit später, ertappte er sich beim Anblick des Originals dabei, wie er die Lippen einem Saugvorgang ähnlich spitzte. Er stutzte über sich selbst und dass er einer solchen Regung nachgab. Wie fehlbar er doch war, nach außen hin der Vertreter Gottes auf Erden, doch unter dieser Hülle war er auch nur…deutsch.
Da stand er nun in seinem hohen Alter und hatte auf dem Weg, den er beschritten hatte, inzwischen alles erreicht. Doch wenn man an solch einem Punkt, der keine Steigerung mehr zuließ, angelangt war fragte man sich schon: War es all die Entbehrungen im Laufe der Jahre wert?
Der Pontifex ging weiter in Richtung seiner Gemächer und dort angelangt, begab er sich in sein Stofftierparadies, welches ihm die Kirche großzügig mit Produkten der Firma Steiff ausstattete.
Diese kleinen künstlichen Pelzknäuel säumten auch jede Ecke des Zimmers, und in jeder freien Minute, die er hier verbrachte, drückte er eines davon an sich, denn sie waren die Einzigen, zu denen dieser Mann Nähe zuließ, der einsamste Mensch der Welt, der Papst. Lieber mit diesen leblosen Tierchen kuscheln statt mit Konzilkardinälen.
Zugegeben, das - und viele andere Dinge zusammen genommen - bildete auch eine Form von Konsum, widersprach also in gewisser Hinsicht seiner Predigt, die er gerade noch auf dem Platz gehalten hatte. War er deshalb ein bigotter Mensch?
Welch interessantes Wort: Bi-Gott. Nun ja, wenn man davon ausging, dass Gott der Sage nach, die er selbst unter’s Volk brachte, alle Menschen liebte, dann konnte man schon von einem Bi-Gott…ach, er würde ein ander Mal darüber nachdenken und sich nun lieber ausruhen.

Doch es klopfte an der Tür. Der Pontifex gab einige Laute von sich, worauf sich die Tür öffnete und der Kopf eines jungen Ministranten sichtbar wurde. Der schaute zunächst vorsichtig durch einen kleinen Spalt, um zu sehen, ob er nicht vielleicht doch ungelegen erschien. Aber der Anblick des erzkonservativen Kirchenvaters, wie er mit seinen Kuscheltierchen spielte, war dem Personal bereits so geläufig, dass man keine Scheu hatte, ihm – wenn auch hinter dem Rücken – Spitznamen zu geben, worunter „Papst Benni“ der wahrscheinlich derzeit am meisten gebräuchlichste war.

Der Ministrant verkniff sich ein Lächeln wegen seiner zu überbringenden Botschaft und wurde ernst.
„Eure Heiligkeit,“ begann er und trat in das Zimmer, fuhr fort: „Ich muss ihnen etwas mitteilen. Sie wollten doch benachrichtigt werden, wenn…“ und flüsterte Benni etwas ins Ohr.
Dessen Augen weiteten sich, fort schien die Müdigkeit.
Erschrocken rief er: „Wie? Tot?“ und erbleichte. Also, bleich war er eigentlich schon vorher, aber die Farbe, die sein Gesicht jetzt annahm, war relativ zur vorigen noch bleicher, vielleicht wäre „aschfahl“ eine bessere Bezeichnung dafür. Der Zustand dauerte einige Minuten an, der Ministrant begann bereits, unruhig von einem Fuß auf den anderen zu tippeln.
Benni besann sich.
„Geben sie dem Piloten Bescheid, er soll die Maschine auftanken lassen. Wir fliegen in einer Stunde nach Oberbayern, und zwar inkognito. Und…,“ gab er noch hinzu, „Sagen sie für heute bitte alle weiteren Termine ab.“
Der Ministrant wirbelte herum und tat, wie ihm geheißen ward und Benni blieb noch ein Weilchen für sich, ehe er sich aufraffen und umziehen wollte.
„Mei,“ gab er still von sich und schluchzte: „das Resi is dahin.“

Ein und eine halbe Stunde später war er bereits in der Luft, auf dem Weg nach Traunstein, seiner Heimat, und Benni hatte sich schwarze Zivilkluft angezogen. Die Beerdigung von Theresa – Resi – sollte in zwei Stunden stattfinden. Er dachte an seine Jugend dort, die mittlerweile über sechzig Jahre zurücklag, und an die Begegnung mit Resi, die er als eine strenggläubige Verehrerin des damaligen Vaters auf einem Kirchentag kennengelernt hatte und es war klar, dass er sich umgehend und unsterblich in sie verliebte.

Endlich am Friedhof angelangt, durschritt er das Tor und folgte dem Weg in der Hoffnung, dass sich irgendwo eine Gesellschaft erblicken ließ.
Aber bald bemerkte er von weitem eine riesige Trauergemeinde, es mochten an die 200 Personen sein, die dort standen und zu Boden blickten, viele von ihnen die Hände vor dem Schritt gekreuzt als wollten sie etwas schützen.
Er gesellte sich unter die vielen Personen und niemand schien ihn zu registrieren oder gar zu erkennen. Diese Zeremonie hier war jedenfalls sehr spärlich, kaum Grabschmuck und so weiter, anders, als er es noch von der Verabschiedung seines Vorgängers kannte. Er musste in ärmlichen Verhältnissen gelandet sein.
Nachdem er persönlich einen letzten Blick auf Resis Sarg geworfen hatte und bereits wieder im Gehen begriffen war, hörte er, wie jemand ihn rief.
„Josef, du bist es doch, oder?“
Er drehte sich um und sah in das Gesicht seines damaligen Nebenbuhlers Xaver. Xaver, derjenige, der Resi dann bekommen hatte, aber nur, weil Josef damals auf Resis Frage „Jetzt entscheid’ dich mal: Gott oder ich?“ die Antwort gegeben hatte, die er seitdem so oft im Stillen bereut hatte.
Zu Xaver hingegen antwortete er:„Ja, ich bin es. Ich wollte ein letztes Mal…“
„Halt’s Maul!“ bekam er unwirsch zurück. Benni wusste nicht, wie ihm geschah.
„Gib’s doch zu: Deine ganzen moralischen Regeln mit allem, was dazu gehört, die waren doch nur eine stille Rache dafür, dass du damals nicht zum Zuge gekommen bist.“
„Xaver, wovon sprichst du?“ Der Papst bemerkte, wie er heuchelte, denn er ahnte, worauf Xaver hinaus wollte.
„Sieh’ dich einmal um. Siehst du diese riesige Familie? Das kommt nicht von ungefähr.
Kein Spaß ohne Befleckung, Eure Heiligkeit, und wie du siehst, hat es bei uns im Laufe der Zeit ziemlich viele Flecken gegeben.“
„Ja, aber ist das denn nicht schön? Ich meine, es ist doch ein Geschenk…“
„Nichts da. Abgerackert haben wir uns für diese Horde und von ihrem Leben hatte auch unsere strenggläubige Resi nicht allzu viel.“ Xaver wurde hochrot im Gesicht vor Wut und dem Pontifex wurde bewusst, dass sich bei ihm über Jahrzehnte hinweg Groll angesammelt haben musste. Dass wir es bei Xaver mit einem waschechten Choleriker zu tun hatten, konnte man an seiner nächsten Handlung ablesen, denn als Benni mit einem „Aber…“ zu Glaubensfragen ansetzen wollte, ging er schnurstracks auf ihn zu, holte aus und im nächsten Moment wurde Unserer Heiligkeit schwarz vor Augen. Unser Papst hatte was auf die Mappe bekommen.

Viele Minuten später öffnete Benedict XVI. wieder seine Augen und bemerkte, dass er wohl zwischenzeitig geschlafen haben musste, er saß nach wie vor in seinem Privatzimmer im Vatikan und hielt eine Stoffkatze im Arm, eng an sich gedrückt. Er berührte sein Gesicht, um nach irgendwelchen Verletzungen zu tasten, aber dort schien keine Veränderung eingetreten zu sein und auch kein Schmerz fühlbar. Puuhh, noch einmal Glück gehabt, mit zunehmendem Alter wurden seine Träume immer lebendiger.
In wenigen Stunden musste er doch noch eine Messe verlesen und erneut zur Einkehr und Mäßigung raten. Wie hätte es bloß ausgesehen, wenn er mit einem Veilchen auf der Kanzel gestanden hätte? Aber das müsste man sich mal vorstellen.

EDIT, Presse vom 23.12.: “Als letzter liest Rouven und stößt mit seiner traurigen Erzählung über den alternden Papst nur noch auf taube Ohren.” Huch!

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1 Kommentar bis jetzt
  1. birte. Dezember 22, 2005 8:02

    na, du warst aber auch noch lange wach ;-)
    aber ich war auch nicht untätig sondern hab mal eben das buch vom m.o.schus. durch gelesen.
    achja: moin.


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