Die gestrige Rohlingsspindel
Geschrieben am 13 Januar 2006
Die Lesung vom Großmeister Max Goldt gestern Abend bezeichnete der Buddhabot in der Pause mit einem Begriff, den ich leider schon wieder vergessen habe. Sinngemäß kulminierte die Aussage in dem Satz “Ein Hörbuch mit diesen Dingen könnte ich auch meiner Mutter schenken.” Wobei das durchaus nicht abwertend gemeint war.
Die Anstößigkeit der Texte, die Herr Goldt vorträgt, nimmt anscheinend tatsächlich im Laufe der Jahre immer weiter ab, und je schneller er sich auf den eigenen Lebensherbst zubewegt (so oder ähnlich hätte er sich wahrscheinlich ausgedrückt), um so fulminanter gestaltet sich die Anwendung von Konjunktiven und Archaismen darin.
Ich verhielt mich jedenfalls wie ein trockener Schwamm, bestehend aus der Kenntnis all seiner alten Texte, der dankbar aufnahm, was aus der Quelle an frischem Wasser hervorsprudelte (*ächz-pathos*).
Die neuen Darbietungen, die bislang noch nicht in Buchform erschienen sind, drehen sich auffällig oft um das Thema Sprache und Sprachkritik und dürften in Goldts Stil etwas deplatziert in der Satirezeitschrift Titanic wirken.
So unterschied er zwischen “guten” und “schlechten” Sprachen.
Schlechten Sprachen wie das Deutsche sei gemein, dass sie wie selbstverständlich Wörter aus fremden Zungen aufnähmen, ohne groß darüber nachzudenken, ob das nicht mit dem eigenen Inventar auch zu benennen wäre, so, wie es zum Beispiel im Isländischen geschähe (Deutsch als “Dorftrottel unter den Sprachen”).
Es gäbe aber auch Lichtblicke hier und da, exemplarisch wäre dafür das Wort “Rohlingsspindel”, dessen einzelne Bestandteile kaum noch verwendet würden und klängen, als wenn “Charlys Tante Dornröschen im Mediamarkt” träfe. Alte, semantisch nur noch einseitig präsente Begriffe hervorzuholen, neu zu kombinieren und zu besetzen, daran erkenne man das wahre Potenzial einer Sprache.
Ich glaube, ich könnte diesen Text in vielfacher Hinsicht gut gebrauchen. Und ihn gleich an einige meiner wortbildungsversessenen Dozenten weiterleiten.
Also: Titanic-Hefte durchforsten, einscannen und mir übersenden bitte ![]()


Tatsächlich habe ich ja meiner Mutter zu Weihnachten Max Goldt geschenkt.
Und an das einzige Wort, an dass ich mich erinnern kann ist “versöhnlicher”.
Allerdings nicht als Komparativ zwischen Herr Goldt heute und Herrn Goldt früher sondern zwischen Herrn Godlt heute und Herrn Droste heute.
Wobei … wenn ich das so recht betrachte ist ersteres vielleicht auch nicht falsch. Vielleicht nimmt man die Texte mit voranschreitendem Alter auch nur versöhnlicher auf, vielleicht, weil man selbst versöhnlicher geworden ist, mit der Welt und so.
girls
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