Der unfreiwillige Stereo-Typ
Geschrieben am 18 Januar 2006
oder: Halbwahrheiten über Halbwissen (austauschbar)
(gerade eben auf dem Slam vorgetragen aufgrund einer älteren Vorlage von hier. Kam ganz gut an, hatte ich den Eindruck)
Unlängst bezog eine Austauschstudentin aus offenbar orientalischen Landen neben meiner Wohnung ihr Quartier. Dagegen hab ich nichts einzuwenden, oh nein, „Multi-kulti“ gestaltet den Tag noch eine Prise spannender als er es ohnehin schon mit den Eingeborenen täte, das ist meine Ansicht. Aber obwohl unser beider Domizile tragende Wände trennen, werde ich seitdem meist spät am Abend Ohrenzeuge ihrer Zerstreuungsmusik. Auf der einzigen CD, die sie besitzt, scheint ein einsamer Mann in hohen Tönen um Hilfe zu jammern. Da ihm niemand allein wegen seiner Stimmgewalt Beachtung schenkt, bedient er sich dabei noch einiger Schlaginstrumente, um mit möglichst ungewohnten Rhythmen auf sein Leid aufmerksam zu machen. Wahrscheinlich wurde er während seiner Klage noch lauter, als er bemerkte, dass ein unfeiner Mensch ihm nicht helfen, sondern seine Darbietung lediglich als beispielhaftes Dokument für orientalische Klagelieder aufnehmen wollte. Der arme Mann. Da sitzt er nun im Sand, ein Mikrofon vor der Nase und weint. Laut.
Da es sich aber um eine Aufnahme aus dem fernen Morgenland handelt, die mir allabendlich geboten wird, werde ich an diesem Schicksal wohl rückwirkend nichts mehr ändern können.
Bedauern erfüllt auch die übrige Nachbarschaft über die sehr einseitigen hörästhetischen Genüsse der Austauschstudentin. Ich beschloss daher, mich mit dem Nachbarn Christian zusammenzutun, dessen Zimmerwand an die andere Seite ihrer Wohnung angrenzt.
-“Christian, sag mal, kannst du das da auch hören?“
-“Oh, du meinst diese ach so lieblichen Melodeien, die das Klang-Kissen meiner Gewohnheiten aufschütteln?“
Ungläubig sah ich ihn an und sprach: “Bleib mal auf’m Teppich!“
-“Hast recht. Wir müssen dringend was unternehmen. Komm!“
Er fühlte also ebenfalls mit ihr, daher stellten wir zunächst einmal fiktiv einige musikalische Preziosen zusammen, die wir ihr überreichen wollten. Dann könnte sie sich immerhin aus einer größeren Auswahl selbst aussuchen, womit sie sich in den Schlaf wog. Unser Programm ließ beinahe kein Genre und keinen Stil aus, für alles war ein Beispiel vorhanden: vom amerikanischen 60er Jahre Northern Soul zum französischen Chanson, vom englischen Punkrock der 70er bis zu modernem, japanischen Instrumentalrock. So einen kruden Mix hatte ich bis dato noch nie kreiert, aber egal, er genoss Rechtfertigung durch unseren Bildungsauftrag.
Wie wir da so saßen und über die Reihenfolge der Stücke sinnierten, überkam uns dann aber plötzlich der Gedanke, dass die Nachbarin unser Geschenk vielleicht als beleidigend ansehen könnte und unseren eigenwilligen, ritterlichen Schwung aufs hohe Ross der Musikgeschmacksprägung womöglich sogar als vermessen. Wer weiß, andere Länder, andere Sitten, vielleicht, dräute es Christian, könnte unser „Bildungsauftrag“ auch wie ein „musikalisches Kopftuchverbot“ empfunden werden.
Denn das die eigenen kulturellen, festgetackerten Scheuklappen einen immer und immer wieder in Fettnäpfe, ach was red ich, Fettfässer treten lassen, dafür ist mir erst kurz zuvor wieder etwas beispielhaftes geschehen.
Es war nämlich gar nicht lange her, da benötigte ich dringend eine neue Frisur. Wie gehabt, wenn sich diese Bedürfnis unstillbar in mir regte, ging ich zu dem netten türkischen Friseur ein paar Meter weiter in unserer Straße. Der bietet mehrere Annehmlichkeiten. Zum Einen ist er billig, zum Anderen wird man während der Wartezeit dort vorzüglich bewirtet (Kaffee oder Cai, Zigaretten). Darüberhinaus erhascht man dort eine Menge archaisch anmutender und dadurch unterhaltsamer Ansichten über Frauen oder warum die Döner in ganz Bielefeld plötzlich nicht mehr schmecken. Bei meinem letzten Besuch herrschte dort ein großer Aufruhr. Eine junge, türkische Familie ließ ihren Kindern die Haare schneiden und als ich den Laden betrat, saß ein kleines Mädchen – zwei bis drei Jahre alt vielleicht - mit langen, braunen, lockigen Haaren auf dem Friseurstuhl. Es schrie wie wild und heulte, musste von den Eltern festgehalten werden, damit der Fachmann ihr die lange Mähne auf ca. einen Zentimeter stutzen konnte. Denn so lautete sein Auftrag. Doch die Erfüllung fiel ihm schwer, bewegte das Mädchen doch immer wieder den Kopf und trat mit den Füßen nach ihm, um den Plan der Eltern zu vereiteln. Meine Wartezeit verlängerte sich demnach etwas und in mir drängte sich der Verdacht nach einem Bestrafungsritual auf. Da war doch damals dieses Mädchen in der Grundschule, dessen Namen ich vergessen habe. Sie war ebenfalls Türkin und ihr ist seinerzeit Ähnliches wiederfahren. Verständlicherweise berichtete sie damals nicht, was sie angestellt hatte, obwohl Gerüchte über einen mehr als der Rede unwerten Ladendiebstahl kursiert hatten.
Als ich dann anschließend auf den, ja, jetzt kam er vor mir wie ein Exekutionsstuhl, berufen wurde, fragte der Vollstrecker mich, ob ich die Situation eben gerade durchschaut hätte. Mit meinem Halbwissen von vor Jahrzehnten gewappnet, bejahte ich und fragte, was das arme Mädchen denn verbrochen hätte. Daraufhin lachte der Friseur laut auf und nachdem er sich beruhigt hatte, berichtigte er mich:
„Nee nee, das war ein Junge. Der bekam gerade das erste Mal in seinem Leben überhaupt die Haare geschnitten.“
Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
Toleranz wird heutzutage groß geschrieben, aber was soll man bloß gegen seine immer wieder hervortretenden Vorurteile tun? Tja, da hilft wohl nur durch Fehler zu lernen.
Unter Leuten, die sich viel mit Sprachen beschäftigen, gilt es ja als stiller Volkssport, die Herkunft von Wörtern herunterzubeten. Ein Kommilitone meinte neulich zu mir, dass das Wort Toleranz ja vom lateinischen „tolere“ stammte, welches ursprünglich „ertragen, aushalten“ bedeutete und – fügte er hinzu - der Gedanke wäre nur zu interessant, wenn man infolgedessen zum Beispiel behauptete, man „ertrüge Schwule“.
„Interessant“ ist das fürwahr, aber ich glaube, ich kann mich glücklich schätzen, einen Kommilitonen damit ins Feld führen zu können.
In der Zwischenzeit haben wir dann auch das Unterfangen, meiner Nachbarin in punkto Hörgewohnheiten etwas unter die Arme zu greifen, aufgegeben. Wir sind zu der Ansicht gelangt, dass es wohl besser wäre, ihren Musikgeschmack zu tolerieren. Dennoch muss ich erwähnen, dass mich beim allabendlichen Hören jener Klänge der Gedanke an ihr Leid fast jedes Mal um den Schlaf bringt. Aber ich ertrage es in Würde. Und mit Oropax.
Übrigens: Der Grund dafür, dass die Döner der Stadt nicht mehr schmecken, ist schnell gefunden. Wie mir mein Friseur berichtete, hat ein überregionaler Lieferant mit seinen weitaus billigeren Preisen die Stadt unterjocht. Das würde sich aber schnell ändern, wenn sein Heimatland der EU beiträte.
Da sag’ ich nur: Wohlan, wohlan, beschleunigt den Prozess, auf dass Bielefeld schon bald wieder mit leckerem Dönerfleisch gesegnet sei.


Hier in Hamburg schmecken die Döner auch nicht mehr, seit dem ich wieder da bin
Das bringt mich gleich dazu den Film “Kebab Connection” zu empfehlen, falls noch nicht bekannt. Ist sicherlich keine intellektuelle Meisterleistung, aber ich fand ihn gut.
Und das Verb tolerieren hab ich irgendwie schon immer als ertragen verstanden… auch ohne Sprachwissenschaftler