Identität dank Grenzziehung
Geschrieben am 9 Februar 2006
Rubrik “Feind liest mit”
Altruist zu sein, ausgestattet mit einem ausgeprägten Helfersyndrom, das sind eigentlich perfekte Voraussetzungen für Jemanden, der Dinge wie fürsorgliche Berufe erledigt. Lehrer fallen auch darunter, sie wollen schließlich anderen etwas beibringen, oder sogar Tutoren.
Letzteren Job habe ich für dieses Semester so gut wie wieder einmal abgelegt und ich muss gestehen, dass es beanspruchender war als die Male davor, aber auch wesentlich mehr Spaß bereitet hat. Das mag mit der regen Kommunikationsbereitschaft der Teilnehmer zusammenhängen, womöglich aber auch daran, dass ich im Gegensatz zu manch anderem “Kollegen” überhaupt keinen Wert darauf lege, mich als über den Dingen schwebende Respektsperson behandelt zu wissen.
Wie dem auch sei, diese Vorgehensweise zog natürlich jede Menge Aufmerksamkeit meinerseits auf sich und so kam es, dass ich sehr viel Energie aufwand für die Schützlinge. Mehr jedenfalls als ich sie für meine eigenen Arbeiten benötigt hätte.
Und so stellte ich mir oft die Frage(n) „Wieso tue ich das und weshalb so intensiv?“ oder „Ist das womöglich ein irgendwie un-/vorbewusst gearteter Ruf nach Liebe?“ und ähnlich klingende Klischee-Gedanken.
Beliebt zu sein fühlt sich selbstverständlich immer fantastisch an, gerade, wenn man am Semesterende mit vielen Komplimenten überhäuft wird, wird dies spürbar.
Oft fühle ich mich in solchen Situationen an eine Frau erinnert, die ich als Zivi seinerzeit im Altenheim u.a. pflegte. Sie meinte mal damals zu mir:
Die Gleichung „Kummer erlitten“ = „liebenswürdig“ trifft mit Sicherheit nicht in jedem Fall zu. Aber eigenes Pech bewirkt bestimmt eine höhere Sensibilität gegenüber dem Leiden anderer.
Es kommt bloß darauf an, wie man mit derlei Erfahrungen umgeht, und es soll ja auch Menschen des verbitterten Schlags geben, die ihre Frustration an anderen auslassen.
Ich bin fast 30 und freilich hatte ich bislang auch eine Menge Pech, würde aber den Satz der alten Dame für mich glatt unterschreiben. So bekam mein erstes Tutorium (lang, lang ist’s her) die negative Energie (nennen wir’s mal so), die ich zuvor durch einen herben Schlag empfand, wiederum positiv zu spüren. Damals fingen viele Gesichter die plötzlich entstandene Leere wieder auf.
An diesem Punkt besteht aber auch die Gefahr einer Sucht (ähnlich wie der nach Macht): Einmal beliebt, das nächste Mal bitte noch beliebter, bis irgendwann die Selbst-aufgabe oder Selbst-losigkeit erreicht ist und tadaa: Das Helfersyndrom ist ausgereift.
Doch, wenn obige Überlegung zutrifft, und es sich bei dieser Vorgehensweise tatsächlich um eine Art geäußerter Zuneigungswunsch handelt, ist dieses Verhalten nur paradox: An einem selbstlosen Menschen lässt sich numal nur schwerlich eine eigene Identität ausmachen, da ist mitunter nichts, was sich scharf umreißen lässt und das geliebt werden kann.
Daraus ergibt sich leider die Konsequenz, dass man immer zu einem gewissen Grade „Arschloch“ bleiben und auch einmal „Nein!“ sagen muss.
Der künftige Druck auf mich wird enorm werden. Prof. X meinte vorgestern zu mir, ich solle mich zu seinem Kolloquium für Doktoranden im nächsten Semester eingeladen fühlen. Das erzeugte ein wenig Panik in mir, denn was soll ich bitte dort vorweisen? Ich habe ja noch nicht einmal mein Magister in der Tasche.
Nun ja, dann werde ich mich wohl demnächst mit meiner Arbeit verbarrikadieren müssen. Und morgen, bei dem abendlichen Nachtreffen mit dem Tutorium, meine „Beziehung“ zu ihm aufkündigen. Damit ich mich wieder mit mir selbst verheiraten kann *g*.

