Konjugieren
Geschrieben am 16 Februar 2006
(aus dem hier ist dann doch mehr geworden, so dass ich es wagte, es auf dem Poetry Slam vorzutragen, auch, wenn ich glaubte und ankündigte, damit meiner Zwangs-Exmatrikulation Nährboden zu bereiten. Mischa sah mich zwar persönlich vorn damit (was mich ehrt), aber gegen Marcs Lautdichtungen etc. hat es dann doch nicht gereicht)
„Ich, Du, Er/ Sie/ Es, Wir, Ihr, Sie“
so lauteten Roberts befremdliche erste Worte, nachdem wir uns in der Stadtbahn gegenüber gesetzt hatten. Erst fünf Minuten zuvor hatte ich ihn kennengelernt, wie er an der Haltestelle so dagesessen und derart tief geknickt dreingeblickt hatte - die Ellenbogen auf den Knien und das leidverzerrte Gesicht in seine Fäuste vergraben - , dass es eines emphatischen Steins bedurft hätte, ihn zu ignorieren.
Da meiner Ansicht und nicht nur dem Sprichwort nach ein innerer Schmerz durch Selbstoffenbarung imstande ist, gelindert zu werden, und ich zufällig dauerhaft von einem leicht ausgeprägten Helfersyndrom besessen werde, sprach ich ihn auf sein Bedrücknis an und siehe da, schnell war auch hier das berühmte Problem mit dem anderen Geschlecht ausgemacht.
„Ich, Du, Er/ Sie/ Es, Wir, Ihr, Sie“
„Weißt du“, fuhr er fort nach einer kurzen Minute, die ihn wie in tiefster Kontemplation versunken erscheinen ließ, „gelegentlich überkommt mich das Gefühl, man könne die Abschnitte einer Partnerschaft regelrecht durchkonjugieren. Also, ungefähr so: Zunächst ist da mal nur ein Ich, das eines Tages Bekanntschaft mit einem Du schließt. Später entsteht dann dieses vielzitierte Wir-Gefühl und nach mehr oder weniger lang andauernder Zeit beginnt das dann zwangsläufig wieder zu bröckeln. Plötzlich ist da ein Er oder eine Sie (und war womöglich schon früher, bloß unbemerkt, da) und eh’ man sich’s versieht, redet man nur noch zu Euch. Bis der direkte Bezug auch baden geht und man lediglich über Sie im Plural spricht. Im Prinzip ist das ja immer so oder ähnlich beobachtbar, eines Tages kippt es mit Sicherheit in jeder Beziehung aus den unterschiedlichsten Gründen wieder um.“
Ein interessanter Gedanke, wie ich fand und so vermied ich es lieber – auch auf Rücksicht um seiner Situation willen – ihn darauf hinzuweisen, dass er ja bis zu dieser Stelle noch gar kein Verb zum Konjugieren bemüht hatte und ließ ihn weiter in seinem Redefluss, denn er wollte offensichtlich konkreter werden:
„Woran es aber bei uns beiden gelegen hat, kann ich im Nachhinein nicht so genau sagen. Womöglich lag es daran, dass ich irgendwann einen Schritt zu weit gegangen bin und plötzlich in Besitz-Kategorien wie „Mein, dein, sein…“ usw. dachte und sprach.
Nach ein paar Wochen der Trennung bekam ich dann von gemeinsamen Freunden zu hören, dass für sie offenbar die Luft einfach rausgewichen war, es ihr an Spannung in unserer Beziehung gemangelt hatte.
Mit mir…einem Deutschlehrer.“
„Oha,“ dachte ich bei mir. Robert lief offenbar Gefahr, von einem Klischee auf’s Glatteis geführt zu werden, dorthin, wo er mit seinem Selbstbewusstsein an der dünnsten Stelle durchbrechen könnte.
Es stimmt zwar, dass man von einem Deutschlehrer nicht unbedingt erwarten darf, dass er mit seinem Schatz zusammen wilde Abenteuer besteht, Mordfälle aufklärt und Verfolgungsjagden durch die Straßen San Franciscos überlebt.
Aber man sollte seinen Alltag nicht komplett durch-duden.
Wenn sie in dem Fall nämlich beim abendlichen Ausgehen ihre Begleitung einmal aufmerksam beobachten, fiele ihnen schnell auf, dass, während sie grammatische Regeln und die Herkunft von Worten wie womöglich sogar „Hochzeit“ herbei-litanieren, die Angebetete zwei Mal häufiger als gewohnt zur Uhr schauen wird, bis sie mit ihrem Handy herumzuspielen beginnt und plötzlich feststellt, dass sie „ja doch morgen etwas früher rausmüsse, das habe sie ja ganz vergessen, da sei doch noch dieser wichtige Termin mit dem Begleitungsberater, und tschüssii, ich ruf dich dann mal an.“ Von wegen. Mit permanenten Hinweisen auf akribische Einhaltung des z.B. Futur II werden Sie eines Tages einsam gestorben worden sein.
Das kommt vom übermäßigen Konjugieren.
Aber auch, wenn man sich vieles aus dem Germanistikstudium zu sehr zu Herzen nimmt und persönlich integriert.
Erst wenige Minuten bevor ich Robert an der Stadtbahn-Haltestelle traf, hatte ich den Hörsaal verlassen, in dem unter anderem ich mit der Aufsicht über eine Klausur beauftragt worden war. Die meisten der dort schreibenden Probanden erhofften sich ebenfalls früher oder später einen Einstieg in den Beruf des Deutschlehrers.
Da hatten sie gesessen und Fragen beantwortet wie die nach der Unterscheidung zwischen Hermeneutik und Dekonstruktion, oder nach dem Entstehungsort und der -art von Lauten wie [d], und ich ertappte mich dabei, wie ich innerlich schmunzelte, als plötzlich aus allen Ecken des Hörsaals ein leises, unterdrücktes „d, d, d“ ge-echot kam.
Aber wenn so eine simple Situation schon in der Lage war, mich zu amüsieren, wie mögen dann die Leute darüber gedacht haben, die in diesem Moment über dieser Klausur gebrütet hatten?
Ich selbst kann mir schöneres vorstellen, als eines fernen Tages, wenn ich in die ewigen Jagdgründe eingehe, an meinem Grab die Rede mit folgenden Worten beginnt: „Wir nehmen hier und heute Abschied von R., einem Mann, der wusste, was ein alveolarer Plosiv ist.“
DAS klänge nun wirklich mal nach einem äußerst uninteressanten Leben.
Lehrer werden niemals ihren Schützlingen die Freude an der Literatur nehmen, indem sie sie mit z.B. poststrukturalistischen Interpretationsansätzen quälen, denn: Es ist allgemein bekannt, dass Lehrer über eine soziale Grundhaltung verfügen. Sie bringen nur ungern ihre Schüler zum Weinen, auch nicht dann, wenn diese noch so dicke Fielmann-Brillen tragen.
Was den linguistischen Teil anbelangt, der ist eventuell von Interesse, wenn man sich berufen fühlt, Fremdsprachlern das Deutsche beizubringen und sich in diesem Fall über die Funktionsweise dieser oder jener sprachlichen Prozesse im Klaren ist. Will ich einem Chinesen das „R“ beibringen, genügt es völlig, es mit ihm einzuüben, vielleicht zu erklären, wo und wie das im Mundraum geschieht. In letzter Konsequenz gebe ich ihm ein Glas Wasser in die Hand und sage: „Geh’ hin und gurgle dir ein „R“.
Nicht zu wissen, wie das, was er da gerade veranstaltet, fachmännisch bezeichnet wird, davon fällt in seinem Heimatland kein Sack Rrrreis um.
Nein, all diese Theorien wird der jüngste Hochschulabsolvent beim Übertreten der Schwelle in ein herkömmliches, deutsches Lehrerzimmer sofort wieder von seinem aktiven Lexikon hinweg in die hintersten Hirnwüstenregionen verbannen, wo sie sich auf Gedeih und Verderb verlaufen werden und niemals wieder das Tageslicht des Bewusstseins erblicken.
Wenn die Sprache selbst vermittelt ist, wird es sein vorrangiges Ziel sein, diese weiter auszubilden, und zwar zum Zwecke kommunikativen Handelns und eigener Kreativität. Und an dieser Stelle kommt Spannung ins Spiel, ab hier werden Köpfe gefordert und gefördert, die uns dann mit Mordaufklärungen und Verfolgungsjagden versorgen können, und – weiter gedacht – mit dem nötigen Charme, eine Beziehung lebendig zu erhalten.
Für das andere, die Theorien und Grundlagen, gäbe es noch genügend Interessenten im Elfenbeinturm.
Doch einige sind im Laufe der Zeit so sehr daran gewöhnt worden, künstlerische Texte auf ihre orthographische Korrektheit hin zu untersuchen, dass es ihnen schon gar nicht mehr möglich ist, den Duden anzuzweifeln. Bis die Grammatik das Leben bestimmt und unseren Robert hielt ich auch beinahe für ein solches Exemplar.
Doch bald musste ich aus der Bahn aussteigen und Robert wirkte nach wie vor nicht sehr lebenslustig. Ich hatte das Gefühl, irgendetwas sagen zu müssen, als ich mich erhob, doch Ratschläge nimmt man ja in einer solchen Situation eh’ selten ernst, sondern trauert in der Regel noch länger alten Zeiten nach. Zum Glück fiel mir etwas ein:
„Hör zu. Auch wenn das alles gut und schön war, versuch’s doch mal mit Komparation. Bald denkst du nicht mehr drüber nach, irgendwann kommt dann wieder ein Du. Und dann wird alles besser, am Besten. Und schöner, am Schönsten.“

