Vom Sie zum Du
Geschrieben am 22 Februar 2006
Merkwürdig fühlt sich das an, wenn man nach wirklich langer Zeit der Zusammenarbeit und des Siezens zwischen Chef und Hilfskraft plötzlich das “Du” einführt und sich plötzlich auch mal zu fragen beginnt, was der andere eigentlich sonst so tut.
“R., kannst du mal…”
“Ja, bring ich dir gleich vorbei, O.”
Welch’ unvorbereitet hereinbrechende Distanzverkürzung. Das wird noch dauern, bis ich mich daran gewöhnt hab’. Und haben werde.
Zwischenzeitig hatte ich mich nämlich dabei erwischt, wie ich über diese merkwürdigen Kompromisse nachdachte, die ich bisher immer verabscheute und die wohl auch nur regional eingeschränkt existieren. Das fast ausgestorbene “Berliner Du” (”Du, Herr Krawuttke, kannst du das mal zur Tonne tragen?“) klingt andernorts etwas rotzig. Das “Hamburger Sie” (”Sagen Sie mal, Markus, wie ist Ihre Meinung denn dazu?“) wirkt eher wie geschaffen für Oberlehrer, die Respekt heucheln wollen, um sich dennoch einen Rückhalt für eventuelle Rüffel sichern zu können. Aber über diese problematische Eigenart des Deutschen haben sich schon viele Menschen ausgelassen.
Dann doch lieber eine der direkten Varianten wählen. Und - wenn auch spät - einen Wechsel vollziehen, wenn es gegeben erscheint.
Zum kommenden Semester wurden innerhalb der Germanistik reichlich Aufgaben verschoben, von scheidenden Dozenten hin zum Chef. Das bedeutet im Klartext: Das Erfolgsteam im respektvollen Umgang mit Studenten geht offiziell in die nächste Runde und meine Wenigkeit, “ein Engel für Studis” (Zitat!), kämpft weiter seinen Kampf im Abwägen damit, wieviel Arbeit für andere denn nun wirklich angemessen ist.
EDIT 23.02.06: Eben gerade noch hat Marc-Oliver Schuster während seiner Lesung bei der “Pimp my write“-Reihe in Herford einen Versprecher zum Thema gelandet. Aus dem Siezen und Duzen unterlief ihm plötzlich ein “Suzen”. Sehr schön ![]()

