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Es gibt sie doch!

Und dann war da ja noch dieser Typ auf dieser Party gewesen, wo sonst nur ganz merkwürdige Gestalten herumliefen. Entweder trugen sie Ringelshirts oder rosa Polohemden über weißem Longsleeve, nix dazwischen. Als wenn die Frauenwelt diese Extreme erahnt hätte, blieb sie der Party fern und immer, wenn Männer kein Objekt zum Imponieren haben, lassen sie nunmal die Sau raus. So auch hier.
Mit niemandem wollte ich mich unterhalten, bis auf den einen da, der hatte etwas zu lesen auf dem T-Shirt und ich dachte, vielleicht könnte man ja mit dem besser ein paar Worte wechseln. Doch der entgegnet natürlich auf meine Auskunft darüber, woher ich denn komme, diese X-Mal zum Kotzen gehörte Phrase: „Ach, ich dachte, das gibt’s gar nicht.
Sofort hatte ich seinen Namen wieder vergessen.

Nächstentags, wieder in eben dieser besagten Stadt angelangt, war ich gerade unterwegs in Richtung Westen der Stadt, wollte nach dieser durchfeierten Nacht noch ein wenig Sauerstoff mit Sonnenstrahlen genießen. Dazu drängte es mich hin zu einem Platz, an dem ich Menschen treffen könnte. Menschen, die imstande waren mich abzulenken von den nebulösen Gedanken, die man so hat, wenn der vom Vortag erzeugte Schleier langsam wieder fällt, und es blieb mir nichts weiter übrig, als an diesen Aufreger vom Vortag zu denken.

So manch einer würde das ja ganz gerne tun, diese Stadt ignorieren, zumal über sie eine Art „Verschwörungstheorie“ kursiert, die besagt, dass sie nicht einmal existiere. Menschen, die dieses behaupten, können nur von außerhalb oder noch nie hier gewesen sein, denn wenn ich mich hier einmal so umsah, war ganz eindeutig jede Menge davon vorhanden und mir will einfach keine Verschwörung einfallen, die sich die Mühe macht, eine potemkinsche Großstadt mit allen nötigen Komparsen hierhin zu setzen und dabei noch so originelle Stadtteilsbezeichnungen wie Gadderbaum, Windelsbleiche, Deppendorf, Baumheide und Ubbedissen zu erfinden. MANN, SOLCHE NAMEN KONNTE MAN SICH DOCH GAR NICHT AUSDENKEN!

Sollte aber tatsächlich ein Einwohner an der Existenz seines Wohnortes zweifeln, so hielte ich das für arg bedenklich, schließlich handelte es sich dabei um seinen eigenen Lebensmittelpunkt. Wenn er behauptet, dass die von diesem entsandten Sinneseindrücke ihn lediglich täuschen würden, sollte man den Betreffenden im Weiteren permanent von scharfen Gegenständen fernhalten und ihm gut zureden.

Nicht nur aus diesem Grunde wird dieses Gerücht von auswärtigen, missgünstigen Zungen aus Neid über irgend etwas entstanden sein, doch eine „Verschwörungstheorie“ ist dies mit Sicherheit auch dann nicht. Derlei Konspirationen werden nämlich nur dann vermutet, wenn sie größere Organisationen wie z.B. der Staat gegenüber der vermeintlich unmündigen Gesellschaft hegt, und dabei wird fast immer irgendetwas bloß verschwiegen.

Aus welcher Intention aber sollte man dort, wo – der Theorie nach – Nichts ist, das Vorhandensein einer Großstadt behaupten? Ganz schön kompliziert, das.
Man stelle sich mal vor, wie das wäre, wenn Frau Merkel kurz nach Amtsantritt von hohen Geheimdienstlern erstmals aufgeklärt und instruiert werden würde:
Frau Bundeskanzlerin, wir müssen unbedingt das Gerücht von der Existenz dieser Stadt aufrechterhalten, sonst, sonst kommt es zu Aufständen und zur Revolution.

Ich muss gestehen, die Vorstellung finde ich zwar höchst charmant, den Glauben an diese Existenz künstlich aufrecht zu erhalten, damit der kleine Mann und die Steuerzahler zutiefst beruhigt wieder schlafen können: Zugekittet wäre dann das kleine Loch in ihrem geographischen Seelenleben.
Oh, mein Gott, wie bin ich froh, es gibt sie doch.
Aber der Aufwand dafür wäre doch ein wenig hoch, mindestens die Anwendung von uns bis dato verschwiegener, an der Stadtgrenze einsetzender Wurmlochtechnologie wäre vonnöten, um uns in eine Parallel-Stadt zu beamen.

Ich bin ja eh’ der Ansicht, dass ein in gewissen Grenzen gehaltener Lokalpatriotismus für den Ort, in dem man gerade wohnhaft ist, durchaus für den eigenen inneren Ausgleich förderlich ist.
Auf meinem heutigen, weiteren Weg bemerkte ich unter anderem das Fußballstadion in der Nähe. Heute sollte anscheinend kein Spiel dort stattfinden.
Zugegeben, ich freute mich über jeden Sieg des Vereins, obwohl ich von Abseitsregeln und derlei Dingen nicht die geringste Ahnung besitze und es heißt, man sei als Fan dieses Clubs leiderprobt, aber immerhin zeitigt er neuerdings Erfolge, was den Klassenerhalt anbelangt.

Und wer andererseits Angst davor hat, sein sogenanntes höherwertiges kulturelles Leben könnte hier verkümmern, dem sei an dieser Stelle gesagt: Führt dein Weg auch durch’s finstere Tal, du musst Dich nicht fürchten ob Deiner geistigen Regsamkeit, Verängstigter!
Auf Schritt und Tritt fällt mir hier eine neue Galerie vor die Füße: Man muss nur die Augen weit öffnen.
Jede musikalische Größe macht hier halt: Man muss nur die Ohren aufsperren.
Und was das Gerücht über die Sturheit der Eingeborenen angeht, das kann ich ebenfalls nicht bestätigen. Ich kann mich hier prima in einem der zahlreichen Clubs und Lounges unterhalten:
Man muss sich selbst nur öffnen. Dann kommen sie geflogen, die Herzen der Region.

Erst nicht existent, dann sture Bewohner und obendrein hässlich soll’s hier auch noch sein.
Wenn ich permanent darüber meckern würde, wie hässlich dieser Ort doch sei, dann würde ich eines Tages ein griesgrämiger, kontaktloser Mensch, der nur noch rausgeht zum Flaschencontainer. Dabei stimmt das gar nicht, dass diese Stadt nicht schön ist. Das behaupten nämlich einerseits immer nur die, die von der ZVS hierher geschickt wurden und in ihrer Übergangsphase – bis sie was besseres gefunden haben – nur die allzu praktische Uni-Architektur mit ihrer Peripherie kennenlernten. Andererseits stammt dieser Ruf von den Menschen, die sich immer nur auf der Durchreise befinden, denen auf den großen Straßen nur die Betonklötze entgegenstarren. Diese Leuten sollte man einmal fragen: Wer baut denn auch schon die schönen Ecken an die Zubringer? Kauft Euch ein Fahrrad und Ihr werdet Wunder erleben.

Und als wenn es nicht schon genug des Ramenterns wäre, wird oft behauptet, dass es hier zuviel regnen soll. So eine Behauptung hält sich dann meist, wenn man Statistiken von vor vielen Jahren allgemeine Gültigkeit zuspricht. Subjektiv empfunden würde ich das aber gerne entkräften.
Doch wahrscheinlich würde es nicht einmal helfen, wenn es gelänge, ein paar wirklich nerdige Meteorologen zu einer langen Nacht von Kachelmanns Tagesthemen-Strömungsfilmen zu überreden, um diese vom Gegenteil zu überzeugen.

Endlich an meinem sonntäglichen Ausflugsziel angelangt, kaufte ich mir ein Beck’s und setzte mich auf den sonnenüberfluteten Platz. Es dauerte nicht lange, bis jemand meinen Namen rief. Ich winkte und bemerkte Klaus, einen alten Freund, mit einer offenbar neuen Freundin. Sie kamen zu mir und setzten sich, öffneten sich ebenfalls etwas zu trinken und schnell wurde ich auch mit seiner Begleitung bekannt.
Hier werde ich erkannt, hier kenne ich Menschen, habe Freunde. Und uns geht es gut auf diesem nicht-existenten Platz in dieser nicht-existenten Stadt.

Schlaue Menschen haben errechnet, dass, wenn das Tempo der Polkappenschmelze anhält, wir (so bis in 50 Jahren) die Nordsee vor den Stadttoren haben werden. Scheiß doch auf Hamburg, Berlin und Hannover. Endlich Palmen vor der Haustür und den Strand unter den Füßen. Gnädig werden wir alle Zweifler an unserem Vorhandensein in unserer Mitte aufnehmen.

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