Und schon wieder etwas, was man offenbar darf, aber nicht unbedingt muss.
Dieses Mal: Zählen mit NeunLive!
“Ich liebe Menschen, denen es schlecht geht. Deshalb bin ich Apothekerin geworden. […] Eine depressive Männerseele wollte von mir gerettet werden.”
Katja Riemann in “Die Apothekerin“
“Viele Leute haben das mit der Demokratie falsch verstanden.
Man darf eine Meinung haben, man muss nicht unbedingt.”
Dieter Nuhr
Wer in den Geisteswissenschaften beheimatet ist, wird Herrn Nuhr da gern zustimmen. Da wird aber auch viel gesabbelt.
Aber wenn unser “Großinnovator” (lt. Kommilitonen I.) Pinkwarth das Hochschulfreiheitsgesetz durchdrückt, wird vielleicht ein wenig bis viel von unserer Heimat genommen werden :-/
Dazu darf man übrigens gerne eine Meinung haben.
Hierzu hätte ich gerne einmal nähere Quellenangaben:
“Der Kameruner Linguist Bernard Mulo Farenkia führt den Umstand, dass in Deutschland vergleichsweise wenig und fantasielos gelobt wird, unter anderem auf den allfälligen Zeitmangel zurück. »›Hat gut geschmeckt!‹, ›Sie spielen gut!‹, ›Sie haben das prima gemacht!‹, das sind typisch deutsche Komplimente. Die Konstruktion ist meist identisch, Adjektive oder Adverbien werden durchgewechselt. ›Prima!‹, ›Gut!‹, ›Super!‹, ›Toll!‹. Für lange Metaphern haben die Deutschen keine Zeit.«”
aus: “Keine Zeit und immer im Plan” i.d. ZEIT 26/06
Sollte Euch das Ding hier mal irgendwann unter die Nase kommen, sag’ ich Euch: Kauft’s nicht!!!

Als der Typ mit dieser schrecklichen Schnulze seinerzeit (1986) in der ZDF-Hitparade aufgetreten war, hatte ich mich vor Schreck ganz schön verjagt…
Erstens werden wir Blogger-Menschen immer mehr (http://www.tagesspiegel.de/medien/archiv/18.06.2006/2467851.asp), und zweitens fühlt es sich gut an (http://modeste.twoday.net/stories/2195374/)
Das Jetzt
Bereits zehn Minuten stand ich vor Annikas Wohnungstür und hatte immer noch nicht den Mut gefunden, auf den Klingelknopf zu drücken. Zaghaft harrte ich dort im Treppenhaus aus, hoffte, dass keiner der Nachbarn vorbeikam und bemerkte, wie ich dort verlegen herumstand. Längst vergessen geglaubte Empfindungen von vor Urzeiten krochen an meine Bewusstseinsoberfläche hervor, raubten mir sogar den Impuls für diese kleine Tätigkeit des Zeigefingers. Der Mief von Blumenkohl aus irgendeiner anderen Wohnung belästigte meinen Geruchssinn und alle Nase lang musste ich den Lichtknopf neu betätigen, nur um ein paar weitere Momente auf den beigen Bakelitknopf zu starren, neben dem Annikas Nachname zu lesen war.
So unsicher wie ich in diesem Moment müssen sich die Bürger der DDR damals gefühlt haben, als man ihnen berichtete, sie dürften ungehindert über die Grenze reisen: „Darf ich jetzt wirklich hier rüber oder ist nicht von irgendwoher doch eine Flinte auf mich gerichtet?“
Das Vorher
Früher, ja, früher, da war das alles noch ein bisschen anders.
Hatte man noch als Teenager lange Geduld und Energie investiert, damit man die Frau des Herzens zumindest ein klein bisschen für sich gewonnen hatte, und wenn sie ihn dann tatsächlich zu sich nach Hause „auf einen Film“ einlud, wurde es zu einem andachtsvollen Moment, wenn man dann - wie ich jetzt wieder - vor ihrer Tür stand.
Unentdecktes Land lag womöglich dahinter. Was mögen sich einem für Entdeckungen auftun, was für neue Gerüche, beim ersten Mal? Vorstellungen, die man von paradiesischen Zuständen hinter den Pforten der Mädchenzimmer hegte, könnten entzaubert werden. Warteten dort, so wie im Traum, spielende Nymphen am Weiher im grünen Wald oder doch wieder nur Barbies und Britney Spearse?
Selbst der Schritt über die Schwelle wurde damals so zu einer kleinen Entjungferung, ein Aufenthalt in ihrem Persönlichsten, und so nahm es auch nie Wunder, wenn die Frau Mama immer wieder mal „Wollt ihr noch ein paar Kekse?“ in das Zimmer hineinkrakeelte, als seien diese Worte mit einem ersten Mittel zur Verhütung gleichzusetzen, dort durch diese Tür hindurch bugsierte, damit der fremde Junge von der Idee, selbst als Doktor Hand anzulegen, schnell abgehalten wurde.
Mehr als drei Kreuze machte ich darauf, dass diese Zeiten und Mütter verschwunden waren, weil, seit wir nunmal alle etwas älter, reifer, erwachsener, wie auch immer geworden sind, auch die Töchter eigene Domizile bezogen hatten. Die Grundschemata, also das „Wollen wir nicht mal einen Film bei mir zusammen sehen?“, die sind aber nach wie vor bestehen geblieben.
Lediglich die Anbahnungsriten auf dem Weg dorthin gestalteten sich mit zunehmendem Alter vielfältiger und,…leider auch komplizierter.
Seit Annika mir das erste Mal einen Funken Aufmerksamkeit geschenkt hatte, hatte ich sie gleich daraufhin wochenlang mit allen Raffinessen beackert. Ich dachte mir, bei dieser tollen Frau durfte einfach nichts schief gehen und nichts dem Zufall überlassen werden. Ausgerechnet mit diesem Wesen durfte ich eine Verabredung haben.
Seit Langem fiel sie nicht nur mir selbst in einer Stadt mit mehreren hunderttausend Einwohnern überall dort, wo sie sich an’s Tageslicht begab, sofort in’s Auge und mir, ja, mir wurde immer wieder erneut ganz warm, wenn ich sie erblickte.
Selbst wenn ich mit anderen mitten im Gespräch verwickelt war, wurde ich plötzlich ganz rot im Gesicht und bekam diese Fältchen an der Nasenaußenwand, wenn sie unverhofft die Tür der S-Bahn durchschritt, sich in Sichtweite setzte. Und ich bekam kein Wort heraus, erstarrte und rang beinahe nach Luft, so schlimm war das bei ihr.
Das Dumme war bisher immer nur, bevor sich diese Gelegenheit ergab: Sie wusste um ihre Attraktivität und ihre Wirkung auf das andere Geschlecht und jeder, der in einer solchen Situation selbst einmal war, kann sich auch mit einer gewissen Reife nicht von dem Gedanken gänzlich absprechen, dass, wenn man ihre Chancen in jungen Jahren hat, wieso sollte man dies nicht genießen?
Und das tat sie, das sah man ihren Bewegungen an, sie genoss, es von Männern angesehen zu werden, rundum.
Mein Freund Klaus erteilte mir in einem meiner sprach- und atemlosen Momente merkwürdige Ratschläge. Ich solle es doch einmal wagen, sie anzusprechen. Ihr Avancen machen. Merkwürdig daran war, dass das Wort „Avancen“ in seinem aktiven Wortschatz auftauchte. Das hielt ich mindestens für eine Kuriosität sondergleichen, denn, so lassen sie mich folgende, erlebte Sentenz bitte schildern, es kam bereits vor, dass er am Beginn des Wochenendes in einer Disko gefragt wurde:
„Sag mal, Klaus, du gehst ja immer freitags auf die Jagd, ne? Erlegst du denn da auch was?“
Worauf er geantwortet hatte: „Na, klar, irgend ‘nen Hasen erlegt man doch immer!“
Und er hatte tatsächlich Erfolg, wie auch immer er mit dieser Einstellung vorging.
Das war allerdings nicht meine Welt. Auch, wenn unsere Ansichten nicht viele gemeinsame Schnittmengen bildeten, gab es dennoch einige wenige Symphatiepunkte, die für eine Freundschaft genügten. Und meist lagen diese in den Momenten verborgen, in denen mich Klaus mit seinen Abenteuern eher amüsierte. Ich gelangte hingegen für mich selbst nach einigen Überlegungen zu der Erkenntnis, wohl zu den Charakteren der „Schwärmer“ zu gehören: Nichts sagen, nichts wagen, das Weltbild nicht zerstören, zerrütten.
Doch wie sollte man die perfekt erwünschte Gratwanderung zwischen Macho und einfühlsamen Mann, sprich: Softi, so elegant gestalten, dass man immer noch den Respekt von Annika verdiente? Ich wusste im Nachhinein nicht mehr, wie ich das geschafft hatte, letzten Endes blieb wohl der Eindruck, den ich bei ihr erzeugen wollte, haften, und sie lud mich dann doch nach einem ersten, zufälligen Treffen in einer Videothek, bei dem wir uns weltentrückt anlächeln mussten, endlich nach mehreren Kaffees an neutralen Orten auch zu sich nachhause ein. Wir könnten uns ja zusammen mal ein Video ansehen.
In Sphären höchster Erwartungen beschwingt, war spätestens am Tag des Treffens in ihren eigenen vier Wänden mit meinem Verstand nicht mehr allzu viel anzufangen:
Ich selbst war rundumst hygienisch „clean“ (Ethan Hawke aus „Gattaca“ hätte seine helle Freude an mir gehabt), das Hemd gebügelt und meine Physe gestärkt, und so ausgestattet begab ich mich auf den Weg zu Annikas Wohnung. Äußerlich einwandfrei, doch innerlich bewegte ich mich hart am Abgrund zur Fragwürdigkeit.
Wenn man die Texte alter, deutscher Schlager – wie es bei vielen Songtexten der Fall ist – einmal emphatisch genug vorträgt, so erzielt man damit eine Wirkung, die man dem ursprünglichen Lied gar nicht zugetraut hätte.
„Eine…neue…Liebe
ist wie…ein…neues…Leben!
Na..Ne..Nana..Na…NAAA!“
Mit etwas Abstand betrachtet, war das natürlich ein hochgradig alberner Gedanke, den ich da auf meinem Hinweg durch die Fußgängerzone hegte, und normalerweise hätte ich auch wesentlich größere Abneigung gegen das dort anzutreffende Volk an den Tag gelegt. Aber was sollte ich machen? Ich hatte mich nunmal verliebt, und , klar, alles, was mit der Vorsilbe „ver-“ beginnt, kann ja nicht normal sein. Selbst die Vernunft ist es nicht.
Mit Wörtern, die mit „ver-“ beginnen, entschuldigt man sich: „Tut mir leid, aber ich bin ver-heiratet.“ Jedes Mal, wenn mir ein Pärchen in der Stadtbahn gegenüber saß, dass sich gegenseitig die Zungen in die Hälse rammte, war ich schnell dafür, dass man diese Zustand krankschreiben lassen könnte, damit die das doch bitte zuhause erledigen können. Doch welcher Arbeitgeber kauft einem so etwas heute schon ernsthaft ab? Richtig, keiner. Und auf mich würden die eh’ nicht hören.
Und dann trifft mich so was plötzlich auch noch selbst und ich könnte ebenfalls sehr gut einen solchen gelben Schein gebrauchen.
Da fragt man sich doch, was zum Beispiel dieser ganze Selbstfindungsscheiß soll, von dem andauernd alle anderen reden, wenn plötzlich nicht nur die, sondern auch du selbst dir ein Mysterium bist.
Das Jetzt (revisited)
Nachdem ich diese langen Minuten im Treppenhaus verbracht und mich glücklicherweise kein anderer Hausbewohner dort sinnierend angetroffen hatte, fasste ich mir letztendlich ein Herz und drückte. Und schwitzte Angst in den Augenblicken, in denen nichts geschah, nichts zu hören war. „P“ stand auf dem Bakelitknopf.
„Warum eigentlich „P“?“, dachte ich kurz, bevor mir einfiel, dass man ja irgendwann auch einmal derlei Accessoires aus England bezogen haben könnte. „D“ für „Drück“ wäre jedenfalls sichtlich dämlich gewählt.
Bald vernahm ich aber Schritte, die vom Wohnungsinneren auf die Tür zu kamen. Jemand öffnete, doch kaum vergrößerte sich der Türspalt, bemerkte ich das Augenpaar von Kerstin, Annikas bester Freundin, und darüber war ich nicht besonders glücklich.
Ich hatte nicht erwartet, noch jemand anderes hier anzutreffen, mich eher auf einen Abend zu zweit gefreut. Mit Kerstin lag ich zudem nie besonders auf einer Wellenlänge und ihr ging es, wie ich glaubte, auch nicht anders mit mir, zumal sie jedes Mal, wenn sie mich erblickte, mit den Augen rollte. So auch jetzt.
„Ach, du bist es,“ ließ sie mich sofort wissen, wie erwünscht meine Anwesenheit war, wandte sich sogleich um, wahrscheinlich, damit sie mir nicht weiter in die Augen sehen musste, und rief in die Wohnung hinein: „Es ist bloß Alex!“
BLOß Alex. Was sollte das denn wieder heißen?
Ich trat ein und Kerstin führte mich hin zu dem Zimmer, sie selbst ging in die Küche. Die Tür stand offen, keine Schwelle zum Überschreiten war sichtbar und an Annikas Gesicht war ich imstande zu erkennen, dass die Stimmung entgegen ihrer Einrichtung offenbar gerade – wie sie selbst sich ausdrücken würde - nicht so pink war.
Sie saß auf dem Bett, mir abgwandt und wischte sich gerade mit einem Ärmel im Gesicht herum, worauf sie mich verquollen anlächelte und verwundert sprach:
„Ach, du bist’s. Ich hatte dich ja ganz vergessen. Tschuldigung, aber komm rein und setz dich.“
„Willst du was trinken?!“ rief Kerstin aus der Küche heraus, ich bejahte und setzte mich in einen knarrenden Baststuhl neben dem Bett.
Der Fernseher gegenüber flimmerte etwas vor sich hin und Annika kommentierte die Situation: „Wir machen es uns hier gerade so’n bisschen nett, weißt du?“
„Ja, das wollte ich eigentlich auch mit dir“, dachte ich nur und war erstaunt darüber, wie positiv Annika das Geschehen schilderte, obwohl sie augenscheinlich soeben noch geweint hatte. Dass Frauen dieses Switching aber auch immer so gut beherrschten.
„Sag mal, ist was passiert?“ Ich wollte es jetzt wissen.
Annika sah verlegen auf die Bettdecke, aber Kerstin, die in diesem Moment wieder mit den Getränken in den Händen das Zimmer betrat, nahm ihr das Reden ab:
„So’n Typ hat sie verladen,“ berichtete sie kühl und reichte mir ein Glas mit irgendeiner weißen Flüssigkeit und einem Strohhalm darin.
Mein Herz oder das, worin diese überfliegenden Dinger namens Emotionen drin waren, plumpste in freiem Fall hinunter, durch mich durch und immer weiter.
Es war das absolute Gegenteil von Rot-Werden, ein Erblassen, dann ein Einschrumpfen
So mussten sich Gravitationsexperimente anfühlen, dachte ich, denn alles, was sich darin befand inklusive meines Verstandes, hatten es schwer, sich wie gewohnt zu bewegen, wie in einem Fallturm oder bei einem Parabelflug. Ja, genau so musste sich das bemerkbar machen.
„Waaaaarruuuum haaaaassst duuuu daaaann neeuuullllich zuuu miiiir…?“ wollte ich fragen und noch einiges mehr, doch ich fühlte mich nicht in der Lage dazu, war zu träge, zu schwerelos.
Besagter Typ konnte ich jedenfalls schlecht gewesen sein, aber wieso hatte mir Annika dann noch vor einer Woche Avancen gemacht? Oder hatte ich da vielleicht etwas verkannt?
„Und woher kommt der jetzt so plötzlich?“ wollte ich natürlich wissen.
„Ich hab’ den am Freitag im Movie kennengelernt. Erst war er mir ein bissel suspekt, sprach mich total betrunken mit „Hase“ an und so,“ schluchzte Annika wieder, „aber dann war er doch ziemlich süß zu mir und wir haben Nummern ausgetauscht. Naja, eins kam zum Anderen.“
Sie holte Luft, nippte an ihrem Getränk.
„Jetzt lass’ aber mal nicht unter den Tisch fallen, wie der dich auf Eis gelegt hat, nachdem er dich dann im Bett hatte,“ ranzte Kerstin von der Seite. „Stell dir mal vor,“ fuhr sie fort, „zu dir käme ‘ne Frau an, würde dir das Blaue vom Himmel herunterlügen, um dir dann einen Tag später zu erzählen, du seist ihr doch nicht attraktiv genug.“
„Das hat er nicht wirklich, oder?“
„Doch, hat er so gesagt.“
Na gut, zwei Punkte für Ehrlichkeit, dachte ich bei mir, aber mindestens zehn im Minus für mangelndes Taktgefühl. Dennoch war ich mehr als aufgebracht darüber, dass solch eine Kreatur bei Annika Erfolg – wie auch immer geartet – haben konnte und ich in’s Hintertreffen geraten war.
Ich nuckelte ebenfalls an meinem Getränk und wunderte mich über dessen süßen Geschmack.
Auf meine Anfrage wurde mir von den beiden bescheinigt, dass es sich um Sekt mit Vanilleeis handelte und ich fand es schon bemerkenswert, dass, wenn eine Frau gerade von einem Mann enttäuscht worden war, zum Trost an etwas saugen konnte, das aussah wie Ejakulat.
Und ich saß dort in meinem knarrenden, pinken Baststuhl und schlürfte mit. Wohl bekomm’s.
Aus dem Fernseher erscholl eine Melodie und Annika begann wieder zu schluchzen. Sogar ich erkannte sie sofort: Pierre Cosso säuselte Sophie Marceau sein „Dreams are my reality“ entgegen.
Frauen können schon hart sein, wenn sie sich einerseits trösten und andererseits desillusionieren wollen. Und anscheinend, ohne dass sie es bemerkten, mich gleich mit.
Pierre Cosso ist so ein Mensch, von dem man heutzutage nicht einmal mehr in einer Kolumne der Art „Was macht eigentlich X“ hört, so unpräsent ist er in den Medien geworden. Die einzige, wirklich nachhaltige Leistung, die er vollbracht hat, ist, Sophie Marceau seinerzeit derart das Herz zu brechen, dass sie sich dafür viel, viel später an der Männerwelt rächte und sogar James Bond beinahe um den Verstand brachte.
Kerstin versuchte, Annika zu beruhigen:
„Sei ruhig, Schatz, dieser Klaus isses nicht wert. Sei froh, dass du nicht noch mehr Zeit für den Kerl geopfert hast.“
KLAUS?!?
Ich horchte auf! Na klar, das passte: Freitags im Movie, betrunken, der „Hase“, dazu noch seine Einstellung zu persönlichen Bindungen. Aber dass er solche Sprüche riss, um nichts Weiteres entstehen zu lassen, wusste auch ich als ein guter Freund bislang nicht.
Aber jetzt wurde ich erst so richtig sauer: Auf Klaus, obwohl er nicht wissen konnte, dass ich bereits so lange mehr für Annika empfand, aber auch auf sie, weil sie so doof war, auf Klaus hereinzufallen.
Ich war hier fehl am Platze, eindeutig. Nicht nur, dass ich einer Enttäuschung erlegen war, nein, schließlich war ich ein Mann und die beiden anwesenden Frauen wirkten so, als wollten sie in den kommenden Stunden am liebsten allein eine geballte Furienenergie gegen mein Geschlecht anstauen.
„Du brauchst einen, der auch gute, innere Werte besitzt.“ sagte Kerstin, wandte sich mir zu und wurde lauter: „ABER SOWAS GIBT’S BEI EUCH KERLEN JA NICH’!“
Jetzt wurde ausgerechnet ich für den Rest des männlichen Geschlechts zur Rechenschaft gezogen, weil Klaus mal wieder Spaß mit Annika hatte. Meine guten, inneren Werte wurden gerade heißgekocht, ich stand auf, wollte das Zimmer, die Wohnung verlassen, warf Kerstin und Annika aber noch einen aufgebrachten Satz an die Köpfe:
„Innere Werte, innere Werte. Was habt ihr immer nur mit Euren inneren Werten? ALS WENN AUF DIESEM GOTTVERDAMMTEN PLANETEN AUCH NUR EIN MENSCH AUF RÖNTGENBILDER WICHSEN WÜRDE.“
Ich verließ die Wohnung, schnell, und befand mich wieder in diesem schrecklichen Treppenhaus. Hier würde ich nie wieder so lange Zeit zubringen. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich das Glas mit dem Spermagetränk noch in der Hand hielt und ließ es in irgendeiner Ecke stehen. Mit der Überzeugung, dass hinter mir demnächst über Voodoozauber und anderen Hexenkram zur Rache gesinnt wurde, verließ ich fluchtartig das Haus.
Draußen an der frischen Luft registrierte ich dann doch den Blumenkohlgeruch in meiner Kleidung und ich erinnerte mich meines urprünglichen Wunsches, doch wenigstens etwas mehr für mich dort zu gewinnen.
Wenn ich zuhause angekommen bin, so dachte ich, werde ich vielleicht Klaus anrufen. Und ihm ordentlich die Meinung geigen. So ging ich und grollte. Gegen einen meiner – vermeintlich – besten Freunde.
Dann fielen mir wieder die aufgebrachte Energie für Annika in den letzten Wochen ein und meine Ängste im Treppenhaus und das, was mich daraufhin in ihrer Wohnung erwartet hatte. Das „Es ist bloß Alex!“, der Sekt und Pierre Cosso. Wie sehr hätte ich eine Mutter mit Keksen benötigt?
Doch, ich würde Klaus anrufen. Aber wegen etwas anderem: Ich würde ihn nämlich bitten, bei ihm in die Schule gehen zu dürfen.
“Liebe Véronique!
Beim Öffnen der Post habe ich mich sehr gefroht, einen Brief von Dir darunter gefindet zu haben.
Lange haben wir nicht mehr voneinander gehoren. Es darfte mittlerweile ein Jahr her sein, seitdem wir uns nicht mehr gesehen haben.
Erst vor Kurzem hatte ich noch an Dich gedenkt, an die Zeit, die wir hier zusammen miteinander verbringt haben, und wie schön das alles mit uns beiden gewosen war.
Aber naja, Du wirst schon wissen, weshalb Du Dich so kurzfristig umentschoden hast. Ich wünsche Dir jedenfalls alles Gute mit Deinem Pierre.
Immerhin ich fühle mich geihrt, dass ich Dir noch bei Deinen Problemen beim Erlernen der deutschen Sprache helfen soll. Aber, das sollte ich Dir gleich dazu sagen, hinsichtlich einer Regel zur Unterscheidung der starken und schwachen Verben: So etwas existeiert nicht. Jeder, auch ich, muss diese im Einzelfall erlornt haben. Daher denkte ich mir, ich helfe Dir ein wenig aus Deiner Unsicherheit heraus, indem ich Dir eine Liste zusammenstelle und sie diesem Brief beifüge.
Viel Glück bei Deiner Klausur”







