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“Igitt!” (?)

Blumfeld dagegen will nur einen Begleiter haben, ein Tier, um das er sich nicht viel kümmern muß, dem ein gelegentlicher Fußtritt nicht schadet, das im Notfall auch auf der Gasse übernachten kann, das aber, wenn es Blumfeld danach verlangt, gleich mit Bellen, Springen, Händelecken zur Verfügung steht.

Franz Kafka „Blumfeld, ein älterer Junggeselle“

Eine Band, die mit ihren Musikprodukten immer für Kontroversen zu haben ist, scheint Blumfeld zu sein. Die ersten Alben mit den grenzgenialen Titeln „Ich-Maschine“ (Bezug zu Kraftwerk und Freud) und „L’ État et moi“ (Übers.: „Der Staat und ich“; s. Ludwig XIV. „L’ état, c’est moi“: „Der Staat bin ich“) wiesen zur Zeit meiner frühen Musiksozialisation eine Art grungeähnliche Klangkulisse auf und wurden mir dadurch sofort symphatisch, obwohl mir deutschsprachige Texte seinerzeit noch Neuland waren.

Der Frontmann Jochen Distelmeyer, ursprünglich aus Bielefeld-Brake (da, wo die Regionalbahnen halten, wenn sie Lust dazu haben), seit Längerem in Hamburg wohnhaft, strapazierte die belesene Welt auf diesen Veröffentlichungen dermaßen, dass literaturwissenschaftliche Fakultäten ihre helle Freude daran hätten, und ich weiß nicht, ob es bereits Fachaufsätze oder sogar Dissertationen über deren Werk gibt, aber die Alben würden auf jeden Fall eine Menge Potenzial dafür bieten.

Der Staat im Staat in der ersten Person
Selbstanklagen klingen hier nach Restauration einer Haut
die ist wie eine Blindenschrift
die sich ohne Berührungsängste lesen läßt
wie ein Fluchtversuch
eines Kriegsberichterstatters, der sich selbst verflucht
weil er Liebeserklärungen als Auswege sucht
und nichts findet

aus „Sing Sing“ vom Album „L’ État et moi“

Da schlagen doch reihum die Germanistenherzen höher.

Heutzutage geschieht es mir aber eher, dass, wenn ich „Blumfeld“ sage, mir ein „Igitt!!“ entgegenschallt anstelle von begeisterten Tönen. Meist kommen diese Rufe von Menschen, die ein paar Jährchen jünger sind als ich und als erstes mit dem Song „Tausend Tränen tief“ auf MTV konfrontiert wurden. Das Album „Old Nobody“ aus dem Jahr 1999 verkörperte dann auch einen stilistischen Umbruch, der die gesamte Fangemeinde mehr als stark irritierte und der Band Vorwürfe wie Schmalz, Kitsch und Schnulzerei bescherte.
Andererseits gewannen sie damals viele neue Hörer und ich kann mich noch gut erinnern, wie Jemand, dem ich genau diese Platte vorspielte und der erstmals etwas von Blumfeld vernahm, begeistert kommentierte: „Wahnsinn! Das ist der Beweis, dass guter Pop doch auf Deutsch funktioniert.“

Und das ist dann wahrscheinlich auch die Erklärung für den plötzlich offenkundig banalen Ton bei Blumfeld: Das Verlangen, gute Popmusik auf Deutsch zu erzeugen. Persönliche Geschmäcker hin oder her. Und, zugegeben, auch ich hielt dieses Album für stark gewöhnungsbedürftig und musste mich an jede Neuerscheinung langsam herantasten, sei es „Testament der Angst“ (2001) oder „Jenseits von Jedem“ (2003). Der Schritt von politisch-philosophisch, kritisch-kryptischen Songs hin zu naiven Liebesliedern wollte erst einmal verkraftet werden.

Doch naiv gestalteten sich die neuen Stücke auch nur an der Oberfläche. Als bedürfe die Veränderung einer Erklärung, stellt Distelmeyer als ersten Track auf „Old Nobody“ einen Sprechtext an den Beginn, „Eines Tages“, der nur so gespickt ist mit Bezügen zu Ingeborg Bachmanns „Das dreißigste Jahr“. Zum Beispiel die ersten Verse der zweiten Strophe „In Lieder getaucht/ in Legende und Nachricht“ verweisen auf die folgende Stelle bei Bachmann:

Wäre ich nicht in die Bücher getaucht, in Geschichten und Legenden, in die Zeitungen, die Nachrichten, wäre nicht alles Mitteilbare aufgewachsen in mir, wäre ich ein Nichts, eine Versammlung unverstandener Vorkommnisse. (Ingeborg Bachmann „Das dreißigste Jahr“, 1961)

Da das Stück im weiteren Verlauf im höchsten Grade Zweifel am eigenen Person und am Lebenswerk thematisiert, könnte man schnell in Versuchung kommen, das Alter für den Wechsel verantwortlich zu machen.
Für die Vorgehensweise, die Biographie (wenn sie sich nicht gerade förmlich aufdrängt) bei der Deutung heranzuziehen, bekäme man in der Literaturwissenschaft gehörig was auf die Finger, doch genau das passiert nach der neuesten Veröffentlichung in den Feuilletons.

Die Geburt des Sohnes’ Distelmeyers soll für den weiteren Schritt in Richtung Banalität verantwortlich zeichnen.
“Verbotene Früchte” verstört – zumindest mich – enorm, denn bislang ist mir noch keine, auf diese Art vertonte Naturdichtung bekannt gewesen, und in vielen Kritiken (u.a. im Interview mit jetzt.de) wird vom “ersten Jahreszeiten-Album der Popgeschichte” gesprochen. Ich weiß momentan noch nicht so recht, was ich selbst damit anfangen soll: Ein erster Gedanke ist der, da hier reichhaltig Fauna und Flora Erwähnung finden, dass analog zur Schöpfungsgeschichte hier die Entstehung des Werkes, der “Schöpfungsakt”, selbstreflexiv zur Sprache kommt.
Im umstrittensten Stück der Platte, dem Apfelmann (dem eine Nähe zu Texten von Helge Schneider durchaus nicht abgesprochen werden kann), sehen andere immerhin eine Bedeutung.

Zu guter letzt kann ich hier noch auf das derzeit aktuelle Video zum Song “Tics” hinweisen, um sich ein erstes, eigenes Bild zu machen. Es ist zumindest ganz originell gemacht:

“…das klingt vielleicht banal…”
Also, wenn die Band die Absicht gehabt haben sollte, einen Diskurs über sie anzuregen, so ist ihnen das alleine schon bei mir selbst gelungen.

7 Kommentare

  1. Christian Rudeloff schrieb:

    Hi Rouven,

    klasse Beitrag!

    Jochen Distelmeyer hat mit “L’état et moi” so etwas wie den Soundtrack meiner Jugend produziert, inzwischen finde ich seine Musik nur noch belanglos. Dabei ist die Bewegungsrichtung weg vom programmatischen Polit-Geschrammel, hin zum eher emotional-verspielten Liedermacher-Pop eigentlich konsequent und durchaus sympathisch. Leider enttäuscht das Ergebnis spätestens seit “Jenseits von Jedem” aber als viel zu seicht und ganz und gar nicht mitreissend.

    Schade!

    Mittwoch, 5. Juli 2006 um 11:50 | Permalink
  2. OIK schrieb:

    Ich finde Blumfeld auch gut, ohne die ganzen Anspielungen zu verstehen. Gerade hatte ich wieder darüber nachgedacht, warum ich “Tausend Tränen tief” eben überhaupt nicht unangenehm schmalz-, kitsch- und schnulzig finde, aber so richtig formulieren kann ich es nicht. Allein von dem Text unterscheidet es sich aber schon Meilenweit von den gängigen Schnulzen aus dem Rentner-Radio oder meinewegen Rosenstolz, haha. Das überlasse ich dann aber den Germanisten, die Unterschiede zu definieren.
    Dem Pop bin ich ja ja eh nicht völlig fremd, und dieses Lied ist eben etwas poppiger – aber muss denn gleich jedes Liebeslied eine Schnulze sein? Leider gibt es anscheinend unter den mir bekannten guten deutschsprachigen Bands nicht viele, die sich dann auch trauen auf deutsch über solche Themen zu reden (à la “Über Sex kann man nur auf Englisch singen”, Tocotronic)
    Obwohl ich Kante zum Beispiel auch super finde, ist es doch schade dass Lieder wie “My love is still untold” mit so ungefähr einem Satz Text trotzdem auf englisch gesungen werden.

    Und die neue Blumenfeld-CD habe ich noch nicht, aber freue mich schon drauf. In der Spex ist sie ganz gut weggekommen glaube ich mich zu erinnern.
    Mehr Kommentar gibts später

    Dienstag, 4. Juli 2006 um 23:41 | Permalink
  3. ben_ schrieb:

    Kommentar 1: schön, der Verweis auf die kafka Geschichte, der natürlich in keinem Blumfeld blogeintrag fehlen darf, der aber selten – wie hier – mit der Geschichte selber in Verbindung gebracht wird, die nämlich zu den durchgeknallteren Kafkas gehört und zumindest kennenswert ist.

    Kommentar 2: schön, der Verweis auf die Zeit.de Nur-Text-Seite. Das freut mich besonders.

    Kommentar 3-n: später, jetzt spielt Deutschland!

    Dienstag, 4. Juli 2006 um 19:23 | Permalink
  4. Christian schrieb:

    @OIK: Ich habe jetzt ca. drei Minuten überlegt und mir ist keine zeitgenössische Band mit deutschen Texten eingefallen, die mich momentan wirklich mitreißt.

    Mmmhh, ich werde wirklich alt…

    Dienstag, 11. Juli 2006 um 12:09 | Permalink
  5. randy schrieb:

    Hey Bruder,

    gute Zusammenfassung der Entwicklung von Blumfeld. Ich bin ja auch recht großer Fan von den alten Blumfeld Sachen, muss dann aber doch sagen, daß mir die neueren Sachen einfach oft zu schnulzig sind. Naja, ist aber eine Geschmacksfrage; gut gemacht und musikalisch hochwertig ist das auf jeden Fall und ich respektieren den Mut der Entwicklung in diese Richtung.

    Die Beschreibung der Natur klingt vielleicht nur in Deutsch so seltsam oder ungewohnt. Ich würde mal vermuten, daß es so etwas sicherlich schon in Englisch gab (eventuell schon bei end 60er Jahren zu suchen), da jeder schnösel mit ein paar Wortfetzen Englisch-Kenntnissen “versucht” tolle Texte zu schreiben, über die sich ein Englisch sprechender vermutlich kaputt lachen würde. Mich würd ja immer noch intressieren, wie die neue Blumfeld in England oder Amerika ankommt.

    Samstag, 8. Juli 2006 um 13:33 | Permalink
  6. Rouven schrieb:

    @ben: Vielen Dank bis dahin, aber auf die Kommentare 3-n bin ich noch gespannt.

    @OIK: Tja, wie gesagt, Geschmäcker eben. Aber ich hatte auch beim Verfassen an den Titel des Tocotronic-Songs gedacht und ob ich diesen thematisieren sollte. Es gibt ja diesen Mythos, dass man bestimmte Dinge im Deutschen lieber metaphorisch umschreibt wg. seiner Exakt- und Direktheit. Da würde man dann aber eine ganz andere Diskussion aufmachen, nämlich die, ob Sprache das Denken determiniert usw. usf. Das würde zu weit führen.

    @Christian: Schön, mal wieder nach langer, langer Zeit von Dir zu hören und dann auch noch auf die Weise, dass Du ähnlich wie ich empfindest.

    Ich wusste gar nicht, dass Du dieses Blog kennst.

    Donnerstag, 6. Juli 2006 um 13:19 | Permalink
  7. OIK schrieb:

    ach, ihr werdet nur alt!

    Was gibts denn mitreissendes auf deutsch?

    Donnerstag, 6. Juli 2006 um 18:34 | Permalink

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