Freitagabends-Fiasko
Geschrieben am 22 Juli 2006
Das ganze Wochenende für mich allein!
So sollte es sein!
Tina wollte ein paar Tage in die Heimat fahren, in’s tiefste Oberbayern, irgendwo zwischen Ingolstadt und München. Ihr Onkel Max beging dort seinen achtzigsten Geburtstag, der wurde groß gefeiert, im Kreis der Verwandten und Anverwandten. Mindestens 200 Personen sollten angeblich erscheinen, doch mich verlangte es nicht allzu stark nach deren Gegenwart.
Seit dem letzten Besuch des rüstigen Rentners bei Tina und mir war er mir nicht besonders wohl gewogen. Na gut, meine unbedachte Frage damals auf sein hinkendes Bein hin, kombiniert mit seiner Antwort, er hätte in meinem Alter bereits Leib und Seele für das Land eingesetzt, erleichterten nicht gerade den Umgang miteinander.
Ich hatte mir zwar bereits eine Ausrede zurecht gelegt: Ich würde über das Wochenende Kraft und Energie tanken müssen, um in der Woche darauf Leib und Leben für die Guten einzusetzen. Das sah in der Praxis dann zwar so aus, dass ich bei dieser Bullenhitze vor dem Bioladen stand, als überdimensionale Gurke verkleidet und Kunden lockte, aber was soll’s? Es ging ja um die Sache. Redete ich mir zumindest immer ein. Onkel Max würde das mit Sicherheit verstehen.
Aber, wie sich herausstellte, benötigte Tina keine Entschuldigung für mich mehr, da sie seit seiner Ankündigung, sie wegen mir zu enterben, meine Person ihm gegenüber eh gar nicht mehr erwähnte.
Also sturmfrei.
Und ich ertappte mich im Weiteren sogar dabei, wie mich der Gedanke, die Klotür offen stehen lassen zu können und dadurch Frischluft an den alten Johannes zu lassen, regelrecht frohlockte. Das nennt man Freiheit, das Sprengen von tradierten Grenzen: Altes, zu lange mit sich herum getragenes, erwärmtes von sich lassen, neues, frisches an sich heran. Und das ganze Klo ist offen für alles.
„Ich bin Jacks Wasserregulation.“
Gehörte das eigentlich auch zu den Worten, die Edward Norton in Fight Club im Keller seines Freundes Tyler Durden fand? Ich war mir nicht sicher.
Und daher dachte ich, ich könnte mir immerhin ein paar Filme ausleihen, die Filme, die Tina eh nicht mochte. Sie nannte diese dann meistens dann „kranken Testosteronscheiß“, wenn wir vor der Filmauswahl standen, sie sich stattdessen dafür entschied, lieber so Zitate wie „Das Herz ist ein Organ aus Feuer“ im „Englischen Patienten“ anzuhören.
Und so suchte ich, mit meiner temporären Freiheit ausgestattet, eine dieser Inseln der Isolation in den unbeachteten Bezirken der Städte auf: eine Videothek!
Nun gut, wir in unserer 3.000-Einwohnerstadt, wo wirklich jeder jeden kennt, besaßen nur eine davon. Aber aussehen tun sie alle gleich.
Hinter den vom Sonnenlicht sorgfältig abgeschotteten Fenstern, wo erstatzweise grelles Neonlicht den niemals, unter keinen Umständen ausgewechselten, blauen Teppich beleuchtet, trifft man auch besonders hochfrequent auf Spezies zwischen den Regalen, wie sie soziologische Fakultäten gern einmal dokumentieren würden, denn: Nicht alle Menschen wollen an der Gesellschaft teilnehmen!
Und es kommt noch besser: Das ist sogar ihr gutes Recht!
Hier, fernab von Fitnessstudio-Bonuspunkten und Fernstudien-Creditpoints eingeigelt leben möchten. Dafür benötigte es nicht einmal eine durchzechte Nacht oder Liebeskummer. Und wenn jemand einem solchen Fragen stellt wie: „Warum bist du eigentlich so einsam?“, dann hat der Fragende wirklich gar nichts verstanden.
Und möchte man Feldstudien über diese Gesellen betreiben und benötigt repräsentatives Datenmaterial, empfehle ich zur Ansicht eben diese bisher unbeachteten Nischen der Unterhaltungsindustrie.
Dort sind einerseits gutgläubige Menschen aufzufinden, die den Kriminalisierungskampagnen der Filmindustrie Glauben schenken, andererseits Typen, die nicht in der Lage sind, Emule zu bedienen. Oder aber sie sind generell ganz große Bilanzriesen, die sich keinen Computer leisten mögen, stattdessen aber die drei Euro pro Film den Videothekenbetreibern in den gierigen Rachen werfen.
Für mich sollte es heute eine Ausnahme sein.
Während meiner Suche zwischen den Regalen kam ich auf die Idee, später den Freund Robert anzurufen und ihn dazu einzuladen. Ich hatte ihn schon längere Zeit nicht gesehen, Tina mochte ihn auch nicht sonderlich. Aber Robert denkt wenigstens immer daran, ein paar Bier mitzubringen.
Nach einer halben Stunde Suche hatte ich dann auch endlich den Film in der Rubrik „Horror“ gefunden und mir wurde hier und heute wieder einmal der Beweis dafür geliefert, dass sich die Angestellten um Genres gar nicht kümmern.
„Ich bin Jacks überfordertes Nervensystem.“
Ohne ihm große Beachtung zu schenken, schnappte ich mir den Plastikstreifen, der vor der DVD-Hülle stand und ging damit zur Kasse.
Dort erwartete mich bereits eine längere Warteschlange. Natürlich hatte ich nicht daran gedacht, dass es Freitagabend war und die verwahrloste Pornofraktion ihre dicken Hornbrillen durch die dementsprechende, aber unangemessen große, Abteilung schieben musste.
Ich stand dort, bis ich an die Reihe kam, und hörte mir an, wie der Angestellte den Leihenden noch einmal den Namen der jeweiligen Filme bestätigte, bevor er diese in die Hülle packte.
Ein Lachen konnte ich mir nicht verkneifen, als ein besonders zerzauselter Mittvierziger vor mir sich „Tante Jutta juckt die Kimme“ lieh.
„Hi, Stephan. Schön, dich zu sehen!“
Hinter mir hörte ich eine altbekannte Stimme. Richtig, Kathrin, Tinas beste Freundin, hatte sich hinter mir eingereiht. In diesem Kaff war das freitagabends kein Zufall.
„Oh. Hi, Kathrin!“
„Du willst dir wohl `nen entspannten Abend ohne deine Freundin machen, wie?“ Während sie dies sagte, wies sie auf das Plastikkärtchen in meiner Hand.
„Ja, allerdings,“ entgegnete ich, während ich dieses dem Kassierer weiterreichte. „Gerade eben hatte ich noch die Idee, Robert anzurufen, damit er dazustößt mit ein paar Bierchen.“
„Ich hätte an deiner Stelle auch keine Lust, mir dieses Familiengetue anzutun,“ sagte sie und fuhr fort: „Ich meine, ich bin ja auch im Kirchenkreis und so weiter tätig, aber Tinas Familie dagegen…die sind ja schon nicht mehr konservativ, das ist ja schon jenseits von Gut und Böse.“
Ich wurde abgelenkt. Der Kassiere kam mit der DVD zurück, zeigte sie mir und sagte laut: „Einmal „Die Brummi-Fotze“, bitte.“
„Ich bin Jacks pulsierende Schamesröte.“
Einer dieser bärtigen, hornbebrillten, rudimentären Überbleibsel vom Menschen musste sich einen Scherz erlaubt und diese Plastikkärtchen ausgetauscht haben.
Und nun stand ich da, vor Kathrin, da hätte ich gleich vor der ganzen Stadt stehen können, und hörte den Fluss des Blutes an meinem Innenohr entlangrauschen. Alles, was ich heute an Getränke zu mir genommen hatte, presste sich aus jeder Pore meines Körpers gewaltartig hindurch und es fühlte sich an, als würde jede Nervenfaser zu zittern beginnen, wie die Froschschenkel, die wir damals im Biologieunterricht unter Strom gesetzt hatten. Doch das hier empfand ich im Gegensatz dazu nicht als lustig.
„Da muss ein Irrtum vorliegen,“ brachte ich immerhin heraus. „Ich wollte mir den Film „Fight Club“ ausleihen. Jemand muss da dieses Ding vertauscht haben.“
Wohl wissend, dass das kaum glaubhaft bei Kathrin ankommen würde. Ich Hornochse hatte doch eben noch von einem Männerabend beim Bier geredet, in Abwesenheit meiner Freundin. Ohne, dass ich es wollte, bediente ich hier mal wieder ein Klischee. Kathrin war hinter mir verstummt, ich wagte es auch nicht, mich umzudrehen und ihr in die Augen zu sehen.
Der Kassierer lächelte verschmitzt, offenbar kannte er diese Situation. Komm her und bitte mich, dich so fest zu schlagen, wie ich nur kann.
Er beteuerte, dass er den gewünschten Film suchen würde, ging, war aber schnell mit diesem wieder an seinem Platz zurück, händigte ihn mir aus. Bezahlen ginge beim nächsten Mal. Ich drehte mich um und sah in Kathrins Augen. Bohrender hätte ein Blick kaum sein können.
Sämtliche, vor wenigen Augenblicken noch getätigte Erholungswünsche und Symphatien schienen binnen Minutenfrist aus ihrem Ausdruck gewischt wie einst ‘45 japanische Städte von der Landkarte.
Und die Explosion, die der Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, ließ vom Zentrum ihres Gesichts zur Peripherie hin ringförmige Faltenkrater entstehen.
„Soso, ein Männerabend also, wie?“
„Kathrin, versteh doch bitte…“, stammelte ich, doch ich bemerkte selbst, dass in dieser Situation jede von mir geäußerte Entschuldigung nach falschen Ausflüchten klingen musste.
Das wäre in etwa so, als wenn man den Vorwurf der Homosexualität lautstark dementiert.
„Ich bin aber nicht schwul!“ Und eh’ man sich’s versieht, hat man den Ruf weg.
Ich dachte nur noch an die Folgen, sah ein, dass bei der katholischen Kathrin nichts mehr zu retten war. Bald wusste es ihre Nachbarin, darauf die Straße, dann die ganze Stadt.
Irgendwie musste ihr zumindest zuvor kommen, dass sie nicht größeren Schaden bei Tina, meiner Freundin, anrichten konnte. Sollte ich etwa nach diesem Wochenende meine Sachen vor der gemeinsamen Wohnung vorfinden müssen, nur weil ein verfilzter, Bock mir diesen Scherz erlaubt hatte?
Ich stürzte wie von der Tarantel gestochen auf den Parkplatz in meinen Fiesta und holte alles aus der Knutschkugel heraus, was sie hergab. Zuhause nahm ich mir vor, den Anrufbeantworter ihrer Eltern so lange vollzutelefonieren, bis das Band nichts mehr, und auch nicht Kathrin, aufnehmen konnte. Dafür musste ich ja noch nicht einmal reden, ich konnte den Hörer einfach liegen lassen, musste nur alle paar Minuten die Taste mit der Wahlwiederholung betätigen.
Mit meinem Handy wollte ich sie gleich anrufen unter irgendeinem fadenscheinigen Vorwand, am besten stundenlang, bis ihr Akku leer war. Ich konnte mich ja betrinken und mir irgendetwas ausdenken, weswegen ich jetzt unbedingt ihre Stimme hören musste. Genau: Ich hatte meinen Job als Gurke verloren, das klang wenigstens glaubhaft. In den Bioladen geht doch sowieso keiner einkaufen bei den Preisen. Hauptsache, ich kam Kathrin zuvor.
Vor der Haustür angekommen, hechtete ich aus dem Wagen, in’s Haus, die Treppe hinauf, bekam vor Aufregung den Schlüssel kaum in das Schloss der Wohnungstür.
„Ich bin Jacks wummerndes Herz.“
Die Tür ging endlich auf, ich betrat den dunklen Hausflur. An dessen Ende bemerkte ich ein rotes Lämpchen, das im kurzen Intervall aufblinkte: Ich hatte eine neue Nachricht auf dem Anrufbeantworter!
Bei ihm angelangt, betätigte ich zaghaft den Knopf zum Abhören. Etwas knackte, dann hörte ich eine Frauenstimme. Es war nicht Tina, wie ich erwartet hatte, sondern Kathrin: „Gib dir keine Mühe, Stephan. Tina weiß schon Bescheid über euer Männer-Vorhaben. Ich wünsch dir noch ein schönes Wochenende,“ hörte ich sie schnippisch sprechen, worauf sie solch ein hexenhaftes Lachen anschlug, dass sie mit Sicherheit in einem früheren Leben bei der Inquisition ihrer Lieblingsorganisation gelernt hatte.
Ich setzte mich, war niedergeschlagen, hatte verloren. Sämtliche Anspannung der letzten halbe Stunde verdampfte schlagartig aus meinem Körper und ich sackte zusammen, blieb auf dem Flurboden liegen.
Bevor ich erschöpft einschlief und bereits mit den schlimmsten Albträumen rechnete, begann ich damit, mir auszumalen, welch Tirade ich am Montagmorgen über mich ergehen lassen konnte.
Ich stellte mich bereits darauf ein, die längste Zeit Tinas Freund gewesen zu sein, und musste wegen des Rufmords, den mir ein übler Scherz bereitet hatte, mit Sicherheit ausziehen. Die Stadt verlassen, noch einmal von vorne beginnen.
Montag früh, 9 Uhr 20 morgens.
Ich hatte die verbliebenen Tage in einer Hölle der Grübelei verbracht. Viel lieber hätte ich mir Tinas Onkel, den alten Gauleiter oder SS-Mann oder was immer er auch gewesen sein mag, angetan, als die letzten Tage hier allein. Die letzte Nacht war am schlimmsten, ich hatte nicht geschlafen und im Bioladen angerufen, ich könne unmöglich erscheinen. Unter Durchfall würde ich leiden, hatte ich behauptet, und ein bisschen was war da ja auch dran. Als wäre alles aus mir rausgegeangen, was mich ausmacht.
Gleich würde sie kommen, dachte ich, und bald hörte ich auch ihre Schritte auf der Treppe, den Rhythmus, den ich sofort erkannte.
Der Schlüssel drehte sich im Schloss herum, und Tina trat ein, mit zwei großen Taschen bepackt. Noch sah sie mich nicht, sondern suchte nach einem Abstellplatz für ihr Gepäck. Als sie einen dafür im Flur gefunden hatte, und die Taschen abließ, bemerkte sie mich, wie ich wieder an dieser Stelle im Flur saß. Still. Ich richtete mich auf.
Sie sah mich böse an.
„Tja, was machst du hier eigentlich für Sachen in meiner Abwesenheit?“
Ich stammelte, bekam keinen Ton heraus, wollte zumindest versuchen, es ihr zu erklären.
„Sei still!“
Ihr Gesicht erhellte sich.
„Du Blödmann!“ Sie konnte wieder lächeln.
„Erst war ich ja etwas sauer, aber dann…Schatz, hättest du doch mal was gesagt, dass du unzufrieden bist, wir hätten doch, naja…“
Dann küsste sie mich und es dauerte nicht lange, bis sie mich an der Hand in unser Schlafzimmer zog.
Was soll ich noch sagen? Der Scherz von dem vermeintlich verfilzten Bock, naja, der hatte gar nicht mal so schlechte Folgen.

