Ignore Your Doctor?
Posted on Juli 6, 2006
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Letzter Tag vor der großen Klausur.
Natürlich sind die Studierenden ein wenig nervös, aber irgendwie scheint in diesem Semester der Wurm zu sein. Es ist ja nichts neues, dass man in der Germanistik von den Charakteren her auf ein Abbild der Gesamtbevölkerung trifft.
Doch die Ressentiments untereinander dort sind groß, die Quereleien enorm.
Es liegt eine gewisse aggressive Schwüle, die nur auf eine Entladung wartet, in der ansonsten gut klimatisierten Hörsaalluft.
Dass die Leute nur auf Klausurrelevantes aus sind und Hinweise darauf bitte! laut einfordern, bei rein zur Information vorgetragenen Sachverhalten aber nur quasseln bzw. gleich in Scharen laut und Türen schlagend rausrennen, ist nur das Mindeste.
Dann aber den Dozenten nicht nur kritisieren, sondern auch pampig ihm gegenüber zu werden, ist mal der Gipfel.
Ist der Bachelor-Student an sich nun wohl endgültig auf dem Campus gelandet oder woran liegt das?
Während der Veranstaltung ging ein Evaluationsbogen durch die Reihen, in dem die Studierenden das Seminar bewerten sollten. Ich habe einen Blick über viele der Formulare geworfen und bezeichnenderweise haben die Leute bei der Frage “Was stört Sie an diesem Seminar am Meisten?” oftmals folgende Antwortmöglichkeit angekreuzt: “Die Teilnehmer”.
Da hat man’s. Der neue Studiengang fördert nicht nur Konkurrenzgedanken, sondern geht über in’s Persönliche.
Vor dem heutigen Kurs traf ich den Kollegen-Tutor F. aus einem anderen Seminar des gleichen Portals. Er bestätigte meinen Eindruck, ist aber wohl noch etwas geplagter: “Ich werd’ von denen in E-Mails teilweise böse angemacht, wenn ich ihnen nicht schnell genug antworte.”
Und wir sind uns einig, dass wir dieses Semester das letzte Mal für so einen Job zur Verfügung standen. Das macht nun wirklich keinen Spaß mehr.
“Igitt!” (?)
Posted on Juli 4, 2006
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Blumfeld dagegen will nur einen Begleiter haben, ein Tier, um das er sich nicht viel kümmern muß, dem ein gelegentlicher Fußtritt nicht schadet, das im Notfall auch auf der Gasse übernachten kann, das aber, wenn es Blumfeld danach verlangt, gleich mit Bellen, Springen, Händelecken zur Verfügung steht.
Eine Band, die mit ihren Musikprodukten immer für Kontroversen zu haben ist, scheint Blumfeld zu sein. Die ersten Alben mit den grenzgenialen Titeln „Ich-Maschine“ (Bezug zu Kraftwerk und Freud) und „L’ État et moi“ (Übers.: „Der Staat und ich“; s. Ludwig XIV. „L’ état, c’est moi“: „Der Staat bin ich“) wiesen zur Zeit meiner frühen Musiksozialisation eine Art grungeähnliche Klangkulisse auf und wurden mir dadurch sofort symphatisch, obwohl mir deutschsprachige Texte seinerzeit noch Neuland waren.
Der Frontmann Jochen Distelmeyer, ursprünglich aus Bielefeld-Brake (da, wo die Regionalbahnen halten, wenn sie Lust dazu haben), seit Längerem in Hamburg wohnhaft, strapazierte die belesene Welt auf diesen Veröffentlichungen dermaßen, dass literaturwissenschaftliche Fakultäten ihre helle Freude daran hätten, und ich weiß nicht, ob es bereits Fachaufsätze oder sogar Dissertationen über deren Werk gibt, aber die Alben würden auf jeden Fall eine Menge Potenzial dafür bieten.
Der Staat im Staat in der ersten Person
Selbstanklagen klingen hier nach Restauration einer Haut
die ist wie eine Blindenschrift
die sich ohne Berührungsängste lesen läßt
wie ein Fluchtversuch
eines Kriegsberichterstatters, der sich selbst verflucht
weil er Liebeserklärungen als Auswege sucht
und nichts findetaus „Sing Sing“ vom Album „L’ État et moi“
Da schlagen doch reihum die Germanistenherzen höher.
Heutzutage geschieht es mir aber eher, dass, wenn ich „Blumfeld“ sage, mir ein „Igitt!!“ entgegenschallt anstelle von begeisterten Tönen. Meist kommen diese Rufe von Menschen, die ein paar Jährchen jünger sind als ich und als erstes mit dem Song „Tausend Tränen tief“ auf MTV konfrontiert wurden. Das Album „Old Nobody“ aus dem Jahr 1999 verkörperte dann auch einen stilistischen Umbruch, der die gesamte Fangemeinde mehr als stark irritierte und der Band Vorwürfe wie Schmalz, Kitsch und Schnulzerei bescherte.
Andererseits gewannen sie damals viele neue Hörer und ich kann mich noch gut erinnern, wie Jemand, dem ich genau diese Platte vorspielte und der erstmals etwas von Blumfeld vernahm, begeistert kommentierte: „Wahnsinn! Das ist der Beweis, dass guter Pop doch auf Deutsch funktioniert.“
Und das ist dann wahrscheinlich auch die Erklärung für den plötzlich offenkundig banalen Ton bei Blumfeld: Das Verlangen, gute Popmusik auf Deutsch zu erzeugen. Persönliche Geschmäcker hin oder her. Und, zugegeben, auch ich hielt dieses Album für stark gewöhnungsbedürftig und musste mich an jede Neuerscheinung langsam herantasten, sei es „Testament der Angst“ (2001) oder „Jenseits von Jedem“ (2003). Der Schritt von politisch-philosophisch, kritisch-kryptischen Songs hin zu naiven Liebesliedern wollte erst einmal verkraftet werden.
Doch naiv gestalteten sich die neuen Stücke auch nur an der Oberfläche. Als bedürfe die Veränderung einer Erklärung, stellt Distelmeyer als ersten Track auf „Old Nobody“ einen Sprechtext an den Beginn, „Eines Tages“, der nur so gespickt ist mit Bezügen zu Ingeborg Bachmanns „Das dreißigste Jahr“. Zum Beispiel die ersten Verse der zweiten Strophe „In Lieder getaucht/ in Legende und Nachricht“ verweisen auf die folgende Stelle bei Bachmann:
Wäre ich nicht in die Bücher getaucht, in Geschichten und Legenden, in die Zeitungen, die Nachrichten, wäre nicht alles Mitteilbare aufgewachsen in mir, wäre ich ein Nichts, eine Versammlung unverstandener Vorkommnisse. (Ingeborg Bachmann „Das dreißigste Jahr“, 1961)
Da das Stück im weiteren Verlauf im höchsten Grade Zweifel am eigenen Person und am Lebenswerk thematisiert, könnte man schnell in Versuchung kommen, das Alter für den Wechsel verantwortlich zu machen.
Für die Vorgehensweise, die Biographie (wenn sie sich nicht gerade förmlich aufdrängt) bei der Deutung heranzuziehen, bekäme man in der Literaturwissenschaft gehörig was auf die Finger, doch genau das passiert nach der neuesten Veröffentlichung in den Feuilletons.
Die Geburt des Sohnes’ Distelmeyers soll für den weiteren Schritt in Richtung Banalität verantwortlich zeichnen.
“Verbotene Früchte” verstört - zumindest mich - enorm, denn bislang ist mir noch keine, auf diese Art vertonte Naturdichtung bekannt gewesen, und in vielen Kritiken (u.a. im Interview mit jetzt.de) wird vom “ersten Jahreszeiten-Album der Popgeschichte” gesprochen. Ich weiß momentan noch nicht so recht, was ich selbst damit anfangen soll: Ein erster Gedanke ist der, da hier reichhaltig Fauna und Flora Erwähnung finden, dass analog zur Schöpfungsgeschichte hier die Entstehung des Werkes, der “Schöpfungsakt”, selbstreflexiv zur Sprache kommt.
Im umstrittensten Stück der Platte, dem Apfelmann (dem eine Nähe zu Texten von Helge Schneider durchaus nicht abgesprochen werden kann), sehen andere immerhin eine Bedeutung.
Zu guter letzt kann ich hier noch auf das derzeit aktuelle Video zum Song “Tics” hinweisen, um sich ein erstes, eigenes Bild zu machen. Es ist zumindest ganz originell gemacht:
Lady Henderson präsentiert
Posted on Juli 2, 2006
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Nein, tue ich nicht, geneigter Leser. In besagtem Film nimmt das Gesinge und Getanze auch einen eher nachrangigen Stellenwert ein.
Freitagabend war’s, wir bekamen gerade noch das Elfmeter-Ergebnis auf dem Jahnplatz mit, da ergriffen S. und ich die bereits im Vorfeld geplante Flucht vor allzu überschwänglichem Jubel in’s Astoria, um uns “Lady Henderson präsentiert” anzusehen.
Seit Langem endlich mal wieder keine 08/15 Hollywood-Story erwartete uns auf der Leinwand, denn Lady Henderson (Judy Dench) langweilt sich über die Vorschläge, die ihr von ihren Freundinnen für ihre frische Witwenschaft zum Zeitvertreib unterbreitet werden. Stattdessen legt sie sich lieber ein marodes Theater zu und päppelt dieses auf.
Dies gelingt ihr auch zunächst, nachdem sie sich den Manager Van Damme (Bob Hoskins) in’s Boot holt, doch nach anfänglichen Erfolgen kommt bald die große Besucherflaute.
Lady Henderson beweist aber, dass sie mit dem richtigen Riecher ausgestattet ist, für das, was Londons Bevölkerung in den ersten Tagen des zweiten Weltkriegs benötigt. Und sie besitzt auch das nötige diplomatische Geschick, um sich bei den Kulturobrigen mit ihren strengen Gesetzen durchzusetzen.
Besonders hervorzuheben sind aber die Dialoge zwischen den beiden alternden Hauptdarstellern. Bob Hoskins und Judy Dench liefern sich Geplänkel, wie man sie nur zwischen jahrzehntelang Verheirateten kennt, zumal die Lady diese führt, um Van Damme aus Interesse an ihm aus der Reserve zu locken. Von dieser Angriffslust rückt die Lady auch nicht ab, nachdem sie erfährt, dass dieser - unglücklicherweise - bereits eine Ehe führt.
Den weiteren Verlauf, die Ereignisse inner- und außerhalb des Ensembles sollte man sich aber am Besten selbst im Kino ansehen, bevor ich zuviel verrate. Wie gesagt: Das Singsang darf überhört werden…
Evita
Posted on Juli 1, 2006
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Fußballfans sind ja eigentlich recht kreativ, was Schlachtgesänge und das Adaptieren von bereits vorhandenem Songmaterial dafür angeht.
Und ich dachte: “Na, die Situation wäre doch wie geschaffen für ‘Evita’.”
Naja, hab’ ich den Jungs wohl doch zuviel zugetraut. Dann holen wir’s eben nach:
“Don’t cry for me Argentina
The truth is I never left you…”
Robert Gernhardt ist tot
Posted on Juli 1, 2006
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Vorgestern erst hatte ich ihn zitiert, empfohlen, andere Leute mit Scannern nervlich strapaziert, um einige Dinge von ihm, die mit Zeichnungen verbunden sind, unbedingt zu digitalisieren.
Einen Tag später ist er nicht mehr. Ich fühle mich beinahe versucht, niemals wieder jemanden zu zitieren, den ich von Grund auf gern mag…
Variation
Posted on Juli 1, 2006
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Hupt man für Deutschland in der Nacht,
dann bin ich um den Schlaf gebracht.
(nicht, dass wir uns falsch verstehen: ich freue mich auch für die Klinsmannschaft)
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