Dicker Schinken zum Versinken
Geschrieben am 18 August 2006
Zugegeben, den Titel habe ich hier geklaut, dort, wo sich der von mir jüngst beendete Schinken zwischen anderen, weit eher dem Kanon angehörigen Romanen wiederfindet.
Lange habe ich dafür benötigt, immer wieder lag er mal ein, zwei Monate ungelesen in der Ecke: Die nebenbei dafür geführten Recherchen waren manches Mal etwas zu zeitintensiv. Aber gelohnt hat es sich allemal.
Mit einer Reminiszenz an große Klassiker ist Mulischs Roman “Die Entdeckung des Himmels” entlang eines Prologs bis hin zum Epilog, unterbrochen von einigen Intermezzi, strukturiert. Auf 800 Seiten wird den Hauptakteuren nicht klar, dass ihr gesamtes Tun bereits durch höhere Mächte bestimmt ist: Gott (oder “Jahweh”, vielleicht auch Allah (so deutlich wird das nie)) führt mit ihnen seinen letzten Plan aus.
Doch so etwas benötigt lange Zeit, in diesem Fall drei Generationen, die sich entlanghangelnd an Gegensätzen auf unterschiedliche Weise (und mehr oder weniger bewusst) dem Ursprung und dem Werden der Menschheit widmen.
Max Delius, Sohn eines NS-Offiziers, der seine eigene jüdische Ehefrau (und damit Max’ Mutter) deportieren ließ, ist Astronom und dem Big Bang mit naturwissenschaftlichen Theorien auf der Spur.
Onno Quist, Spross einer Adels- und Politikerfamilie, ist ein wahres Sprachgenie und versucht, den Diskos von Phaistos, ein Schriftrelikt aus der Bronzezeit, zu entziffern.
Die beiden lernen sich während einer Autofahrt kennen und werden Freunde.
“Ach, das ist noch gar nichts. Wenn ich einmal groß bin, kaufe ich mir einen weißen, offenen Rolls-Royce. Dann setze ich mich in einem weißen Pelzmantel in den Fonds, und ans Steuer eine bildhübsche Frau.”
Mit schiefem Mund mußte auch Onno jetzt lachen und drehte den Kopf zur Seite. Er hatte bereits den Ansatz eines Doppelkinns.
“Warum kaufen Sie nicht gleich einen Kinderwagen?”
Max sah in ihn kurz an. Sie hatten einander gefunden - das war der Moment. Wußten sie es, wußten sie es beide?
Diese Art von unterschwelliger Ironie ist im Folgenden ständig in den Gesprächen dieser so unterschiedlich gearteten Figuren vorhanden, gleichgültig, ob es um ihre einzelnen Fachgebiete geht oder um andere, sich antagonistisch verhaltende Kategorien und Ideologien.
So begleiten sie Ada, eine Cellistin und Max’ ehemalige Freundin, nach Kuba zu einem Konzert, wo sie im Rahmen eines dort stattfindenen Kongresses nicht nur Futter für Abhandlungen über den Kommunismus bzw. Kapitalismus erhalten.
Nachdem Ada, die Muse des Trios, an Onno gerät und diese beiden heiraten, bleibt im Späteren unklar, wer nun eigentlich der Vater des Sohnes ist, den sie zur Welt bringt.
Dieser wächst in einer Umgebung mit Künstlern, Historikern und Architekten auf und entwickelt eigenwillige Gedanken von der Beschaffenheit der Welt…
Zum Ende erwartet den Leser dann eine kriminalistische Spurensuche vom Forum Romanum bis hin nach Jerusalem, wie sie William von Baskervilles Fährtenlese in Ecos “Name der Rose” in nichts nachsteht.
Die im Roman getätigten Exkurse über Kunstobjekte, Sprache, Gebäude oder Religion verlangen dem Leser einiges an Geduld ab, sind aber mehr als anregend. Viel Zeit habe ich im Netz verbracht, um mehr zu erfahren, z.B. über Baumeister wie Palladio, virtuelle Rundgänge am und im römischen Pantheon unternommen und die Geschichte des Tempelbergs ergoogelt.
Jedem, der noch ein wenig von der vorlesungsfreien Zeit übrig hat (und natürlich auch jedem anderen), sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Bei Amazon bekommt man es gebraucht für nur ein paar Euro.

