Frrroh
Geschrieben am 26 August 2006
Befremdend mutet es an (zumindest geht es mir dann immer so), wenn jemand meinen Alters die Selbstoffenbarung “Ich bin froh” bzw. “Wir sind fröhlich” von sich gibt.
Höre ich derart, fühle ich mich sogleich in ein Historiendrama oder eine volkstümliche Sendung auf dem ZDF versetzt. Zumindest die prädikative Verwendung ohne Ergänzung (anders bei “Ich bin wirklich froh über den Ausgang der Sache.”) wirkt auf mich stark archaisch.
Kein Mensch ohne Trachtenkleidung sagt so etwas heute noch, meist wird die “gute Laune” in’s Feld geführt.
Doch es gibt ein paar Ausnahmen.
Ganz hart erwischte es mich neulich, als ich mit der Bahn von Bielefeld nach Lemgo fuhr. Am Startbahnhof fand kurz zuvor eine Demo statt, die Toleranz unter den verschiedenen Religionen o.ä. zeigen und dazu aufrufen sollte.
Leider war ich im Anschluss daran im Zug von einer riesigen, evangelischen Kirchengruppe umgeben: Leute, wesentlich jünger als ich es bin, unterhielten sich darüber, wie es ihrer Seele doch erginge und so Zeugs, plötzlich fingen die an, gemeinschaftlich “fröhliche” Lieder im Zug zu singen. Offenbar war ich der Einzige, der nicht zu ihnen gehörte. Zum Glück dauerte die Fahrt nicht so lange an, höchstens vierzig Minuten. Darüber war ich dann wieder sehr froh.

