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Die Reise des jungen Che

(wie sie wirklich war) EDIT 05.09.06

Der Film „Die Reise des jungen Che – The Motorcycle Diaries“ beschreibt eine Reise des noch jungen Ernesto Guevara mit seinem Studienfreund Alberto Granado durch mehrere Länder Südamerikas. In den Kritiken kam der Film wegen seines Kitsches nicht allzu gut weg. Dem kann ich mich aber nicht anschließen, weil ich 1.) den Film gar nicht selbst gesehen habe und 2.) ich es auch gar nicht mehr für nötig erachte.
Mir ist nämlich auf Umwegen, die ich hier nicht nennen will, das Original-Reisetagebuch des Guevara in die Hände gelangt. Ich möchte es Ihnen nicht vorenthalten:

Tag 1

Nachdem Alberto und ich es nach Tagen schweißtreibender Arbeit endlich geschafft haben, an unserem alten Motorrad „Betsy“ die Uni-Wimpel korrekt anzubringen, beschließen wir eine kleine Spritztour in der näheren Umgebung. Doch die Sonne brennt, der Fahrtwind kühlt angenehm, und wie Alberto sich unter dem Vibrieren der Betsy von hinten an mich schmiegt, vergesse ich die Zeit und wir fahren den lieben langen Tag einfach weiter, bis es dunkel wird.
Wir übernachten irgendwo am Wegesrand, ich lege mich zu Betsy. Ich fühle mich zu ihr hingezogen, denn sie ist so gütig, mir in der Nacht die Wärme ihres Motors und ihrer Auspuffrohre zu schenken.

Tag 2

Heute Nacht geträumt, in fernen Zeiten würde mein Portrait in Mädchenzimmern hängen, weil ich eine Revolution auf einer Insel vorangebracht hätte. Wenn ich wieder zuhause bin, werde ich mal von Papas Telefon aus ein paar Kontakte in Mallorca knüpfen.
Bereits heute haben Alberto und ich den ersten Streit: Er will auch einmal fahren und die kommende Nacht bei Betsy liegen, er hätte einen Schnupfen bekommen. An einer Tankstelle, während Alberto kurz auf der Toilette ist, zerstöre ich das Zündschloss. Wenn ich sie nicht für mich haben kann, soll sie niemand haben.
Wir verkaufen Betsys Überreste an Ort und Stelle, zu Fuß und per Anhalter gelangen wir weiter.

Tag 3

In allen Orten, in die wir gelangen, stoßen wir mit unseren Forderungen auf Unverständnis. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass hier alle nur Spanisch können. Nun rächt es sich, dass wir einfach so gestartet sind: Unsere Kulturbeutel liegen zuhause. Mit Händen und Füßen ist auch kein Friseurtermin zu bekommen. Wir werden uns Bärte wachsen lassen müssen. Hoffentlich gerate ich nicht so in die Mädchenzimmer.
Langsam, aber sicher, bekommen wir großen Hunger. Doch es ist wie verhext: Immer, wenn man einen McDonald’s braucht, ist keiner da.

Tag 4

Wir haben uns verirrt, wissen nicht mehr, wo wir sind. Beim Nachsehen stellen wir fest, dass der Kompass immer nur nach Norden zeigt. Alberto sagt, man könne sich an den Sternen orientieren, aber ich kaufe ihm nicht ab, dass es dort oben einen „Großen Mittelklassewagen“ geben soll.
Jedenfalls geht es bergauf und die Luft wird merklich dünner. Ich fühle mich so beschwingt, dass ich mich zu jedem Baum hingezogen fühle.

Tag 5

Die Luft hier oben treibt unseren Appetit voran. So stehlen wir uns ein Huhn von einem Bauernhof. Dabei ist mir ein Satz eingefallen, den ich mir sofort aufschreiben sollte, bevor es ein anderer verwendet: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ So. Da steht’s. Super.
Wir bemerken aber zu spät, dass wir das Huhn voreilig als Brennmaterial benutzt haben. Wir müssen unsere Prioritäten neu abstecken: Wärme oder Wärme durch Essen. Nun sitzen wir wieder hier in der sternenklaren Nacht und ham Hunger. Alberto bemerkt, dass der Horizont ungefähr so aussieht, als wenn ein äußerst dunkelblauer Junge mit vielen kleinen leuchtenden Pickeln auf dem Körper einer schwarzen Frau läge.
Selten zuvor fühlte ich mich so sehr zu Bergkuppen hingezogen.

Tag 6

In einem Dorf treffen wir auf einen Mann ohne Zähne. Weil es das einzige ist, was ihn beschissener aussehen lässt als uns selbst, bekommt Alberto plötzlich seine wohltätigen fünf Minuten und überlässt ihm seinen alten Käse zum Draufherumlutschen.
Wir werden sofort bejubelt und ein Fest wird für uns veranstaltet.
Inmitten der Menge tanzt ein schönes Mädchen, in den Händen klappert sie mit Kastanien oder so etwas ähnlichem. Sofort fühle ich mich zu ihr hingezogen. Sie weist auf ihr Herz und sagt etwas wie „Coraçon“. Doch ich glaube, ich habe von einem Schnaps, der genau so heißt, zuviel getrunken, und sinke zwischen ihre Brüste.
Alberto und ich ergreifen sofort die Flucht.

Tag 7

Alberto geht mir auf die Nerven und wackelt breitbeinig hinter mir her. Der letzte Fahrer, der uns mitgenommen hat, verlangte ihm etwas zuviel für unseren Transport ab. Ständig jammert er nun und erinnert mich an mein Medizinstudium. Da ich ihm bisher noch nicht verraten hatte, dass ich dieses nie abgeschlossen hab’, sammele ich ein paar Kräuter und mische etwas zusammen, das in etwa so riecht wie Faktu Akut. Doch davon wird es nicht besser, im Gegenteil: Jetzt muss ich ihn auf meinem Rücken weitertragen.

Tag 8

Langsam wird mir Alberto zu schwer. Ich schlage ihm vor, als nächstes das Transportmittel zu wechseln und auf einem Schiff anzuheuern. Man kann den Ozean zwar noch nicht am Horizont erkennen, aber der Duft des Meeres liegt schon in der Luft.

Tag 9

War doch nur ne Nordsee-Bude.

Tag 10

In dem Ort, in dem wir jetzt sind, gibt es keinen einzigen McDonald’s, nur Fischrestaurants. In einem namens „Chez Mao“ gibt uns ein Chinese reichlich Sushi aus und erzählt uns was vom Sozialismus. Ich habe zwar keine Ahnung, wovon er da redet, aber bewundere seinen Feuereifer.
Wenn ich wieder zuhause bin, eröffne ich vielleicht auch so eine Bar. Ich sehe es förmlich schon vor mir : „Chez Guevara“.

Tag 11

Das Schlitzauge war ein Arsch und sein Sushi schlecht. Alberto und ich sitzen an der Gosse und kotzen. Wir beschließen die sofortige Rückkehr, wie auch immer geartet.
Wenn wir wieder zuhause sind, rufe ich von Papas Telefon aus den amerikanischen Präsidenten an. Er soll gefälligst dafür sorgen, dass hier an jeder Straßenecke ein McDonald’s aufmacht.
Wehe, wenn nicht. Sonst werd’ ich zur Wildsau.

3 Kommentare

  1. ben_ schrieb:

    manueller Trackback

    Sonntag, 3. September 2006 um 12:58 | Permalink
  2. b. schrieb:

    hihihi, das is ja lustig :-)

    Sonntag, 3. September 2006 um 10:42 | Permalink
  3. ben_ schrieb:

    Rouven! Ich bin begeistert! Wie witzig ist das denn mal bitte? Fernab vom sonstigen Slamgeschreibe ein Juwel der politischen Kurzweilliteratur. Die vielen Jahre des Max Godlt und Wiglaf Drost lesens haben sich bezahlt gemacht.

    Wenn Du so weitermachst, passiert noch was. Was genau weiß ich auch nicht.

    Sonntag, 3. September 2006 um 12:50 | Permalink

Ein Trackback/Pingback

  1. Innerer Reichsparteitag - killefit.net on Donnerstag, 10. April 2008 um 10:09

    […] ( CC-Lizenz, Ihr wisst, was ich meine). Den Finaltext gibt’s ja bereits schon länger an dieser Stelle. Geschrieben von Rouven am Donnerstag, 10. April 2008 Abgelegt unter All das […]

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