Geruchskino nicht nötig - Das Parfum

Geschrieben am 24 September 2006

Da war er nun endlich: Der heißerwartete und vieldiskutierte Film zum Buch “Das Parfum“, mit dem so richtig keiner mehr gerechnet hatte. Bereits vorab hatte Süskind einmal filmisch durchsickern lassen, wie er zu einer Verfilmung des Stoffs steht und als Drehbuchautor für “Rossini oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief” zu verstehen gegeben, dass die Chancen dafür nicht sehr gut stünden.
Doch er hatte es dann doch nach zähem Ringen geschafft und nun gibt es die bislang teuerste deutsche Filmproduktion in den Kinos zu sehen. Nur, wie bereits beim Buch gestaltete sich ein Problem bei der Umsetzung als äußerst schwer lösbar: Literarisch war es schon nicht einfach, das zentrale Thema des Romans, olfaktorische Reize, zu beschreiben. Ein Medium wie der Film, der audiovisuell arbeitet, kann dies selbstverständlich auch nicht leisten.

Tom Tykwer, der mit der Regie beauftragt wurde, löste dies, indem er opulente Bilder von Dingen liefert, die man eindeutig und sofort mit Gerüchen assoziiert: Allein die Eingangssequenz auf dem Fischmarkt ist mit allerlei ekligen Aufnahmen versehen, so dass ich befürchtete, einige Zuschauer mit empfindlichen Mägen könnten den Saal gleich wieder verlassen. Der Protagonist Grenouille (gespielt vom bisher - in Filmen eher unauffälligen - Ben Wishaw) ist nunmal mit den Gerüchen nicht wählerisch, so erzählt uns aus dem Off Otto Sander (worüber ich sehr glücklich war. Sofort denkt man an die alten Märchenkassetten aus der 80er Jahre-Kindheit).
Tykwer gelingt es mit Farbspielen und Objekten, nicht zu vergessen mit Grenouilles ständig präsenter Nase und dem Geräusch des Riechens, dass dem Betrachter permanent Gerüche in Erinnerung gerufen werden, nicht nur vom Fischmarkt, sondern zum Beispiel beim Schwenk über lila Felder an Lavendel.
Mein erster Gedanke, hierfür sei evtl. erstmals eine Art Geruchskino erforderlich (wie seinerzeit bei Schiller und dem Bisamgestank), erwies sich als überflüssig: Die Phantasie ist zu weit mehr imstande und synästhetische Effekte treten durch intelligente Kniffe ganz von selbst ein.
Frage: Wie duftet der Nacken des Mädchens, das Grenouille in den Gassen von Paris verfolgt? Ganz einfach. Sie entdeckt ihren Verfolger, bietet ihm daraufhin aus ihrem Verkaufskorb eine Frucht an: “Möchtest du eine Mirabelle?

Ach ja, nach Mirabellen duftet sie. Ich hab zwar keine Ahnung mehr, wie diese Früchte schmecken, aber das wird es wohl sein.

Ein weiterer Aspekt, bei dem bei dieser Interpretation des Werks ein hohes Gewicht liegt, ist der der “Konservierung” von etwas nicht Greifbarem, was Grenouille, der zu Emotionen kaum in der Lage scheint, tatsächlich mit den Eigengerüchen der Menschen gelingt.

Von Anfang an ist allerdings klar, wozu er diese Fähigkeit nutzen wird: Zur Erlangung von Macht. Ob ihm diese am etwas skurill dargestellten Ende gelingt, dürfte den Lesern des Romans wohl hinlänglich bekannt sein.

Andere Sequenzen der Buchvorlage mussten im Film vernachlässigt werden. So wurde der Zeit, die Grenouille in seiner Höhle im Bergmassiv verbringt, im Verhältnis zum Roman deutlich weniger Aufmerksamkeit geschenkt, ist aber bei einem Werk dieser Art nur zu verständlich. 147 Minuten Filmmaterial klingen für den Kinobesucher an der Kasse respektabel, zumal mit einem langen Werbeblock davor zu rechnen ist.
Dennoch erschien mir der Film erstaunlich kurzweilig!

Mehr:

- IMDb-Eintrag für “Das Parfum”
- Sehr informative Fan-Page zu Buch und Film

Trailer bei Youtube:

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Kommentare

2 Kommentare bis jetzt
  1. Marc September 25, 2006 18:39

    Wow, Rouven. Dein Blog wird ja richtig multimedial. =) So lese ich auch endlich mehr von Texten. Mehr davon. =D

  2. Rouven September 25, 2006 18:43

    Naja, macht aber immer ein bissel Mühe.
    Ich würde auch lieber die GoogleVids einbinden als die ollen YouTube-Dinger, aber aus einem mir nicht erfindlichen Grund werden die nicht dargestellt.


Konsum



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