Nur so zum Spaß nachts fahren
Geschrieben am 11 Oktober 2006
Zu gerne hätte ich eben gerade meinen Fotoapparat mitgehabt. Aber im Nachhinein betrachtet, wäre bildliches Material wahrscheinlich nicht so aussagekräftig wie eine Schilderung mit Worten.
Worum geht’s überhaupt?
Na gut. Dann von Anfang an.
Vor Kurzem meldete sich der Bloginhaber auf eine Anzeige, in der jemand für Fahrtätigkeiten gesucht wurde. Am Telefon hieß es dann auch, dass man als Student ganz prima eingesetzt werden könne, ginge es doch um „Überhangs“-Auslieferungen am Vormittag. Gelegentlich könnte auch ein Abend dazu kommen, da man mit einer örtlichen Zeitung zusammenarbeite.
Nun gut, das klang ja eigentlich ganz nett und so erklärte man sich bereit, mal beim Inserenten (in einem Vorort von Gütersloh!) vorstellig zu werden.
Dort hieß es dann, es seien eigentlich ausschließlich die Fahrten am Abend, für die Personal benötigt werde und ich könne es mir ja einmal ansehen, mit den Leuten dort mitgehen. Der Chef (also er selbst) sei dann auch zugegen.Man bräuchte nur nach ihm zu rufen bei eventuellen Nachfragen.
[Hier ein kleiner Einschub: Auf meine Nachfrage, wie lange er denn bereits diese Geschäft betreibe, erwiderte er: „Mittlerweile seit drei Jahren.“ Er sei selbst einmal angestellt gewesen, aber als die Firma bankrott ging, wurde er vor die Wahl gestellt: Entweder er übernähme sie oder würde arbeitslos. Damals hatte er sich für erstere Variante entschieden, und nachdem er nach dreißig Anfragen endlich eine Bank erwischt hatte, die ihm einen Kredit über 4.000,-- Euro gewährt hatte („Beim Speditionsgeschäft wiegeln die Banken sofort alle ab.“), wäre es auf Biegen und Brechen langsam voran gegangen.]
Die Beschäftigung könne allerdings nur auf 400,– Euro-Basis erfolgen, und wenn man mal mehr gearbeitet habe, dann könne man im Folgemonat „vielleicht mit Arbeit sparen“.
Mit flauem Gefühl im Bauch erklärt man sich dann zumindest bereit, sich vor Ort die Dinge tatsächlich einmal anzusehen, schließlich will man nicht arbeitsscheu oder als Drückeberger erscheinen. Interessiert war ich ja schon ein wenig, obwohl ich die nächste Frechheit wieder riechen konnte.
Manchmal können derlei Abgründe eine Anziehungskraft ausüben, die sonst nur schwarzen Löchern vorbehalten bleibt.
Vor Ort des Zeitungsverlags um 22 Uhr (!!!) angekommen, standen bereits einige der Fahrer dort, der Chef war nicht in Sicht und Rufweite. Es wurde noch nicht eingeladen und konnte nach Auskunft auch noch eine Weile dauern. Sämtliche Wartezeiten zählten wohlgemerkt noch nicht als Arbeitszeit.
Beim Beladen der unterschiedlichen Fahrzeuge musste akribisch genau auf die jeweilige Stückzahl der Pakete geachtet werden, zumal Prospekte und anderes extra verpackt waren: Man wollte ja nicht zuviel vor den jeweiligen Haltepunkten abliefern.
Wie sich herausstellte, sollten die Bediensteten besagter Firma allesamt in Gegenden einer Gemeinde im Kreis Paderborn eingesetzt werden und entlang einer Route Adressen beliefern, die ihnen wahrscheinlich schon in Fleisch und Blut übergegangen waren.
Einer von ihnen zeigte mir die Örtlichkeiten und Regeln, nach denen der Betrieb funktionierte, denn: Der Chef ließ sich nicht blicken.
Ich: “Und wie lange bist Du für so eine Tour unterwegs?“
Er: „Also, ich hab’ von uns hier die kürzeste erwischt. So um 1 Uhr bin ich wieder in Bielefeld. Aber heute geht das auch mit dem Beladen recht schnell…“
Ich: „Und die anderen sind noch länger unterwegs?“
Er: „Ja, manche schon. Er hier [lächelt und weist auf seinen Kollegen] kommt heute bestimmt auch nicht wieder vor drei nachhause.“
Pause
Er: „Also, ich find’, es ist ein echt easy Job.“
Ich: „Aber ihr macht das von Montags bis Freitags, hab’ ich das richtig verstanden?“
Er: „Nee, Sonntags auch. Du kriegst doch auch Montagmorgens ne Zeitung, ne?“
Sechs Tage in der Woche, Herrschaften! Nächte!
Für pauschal 400 Euro im Monat!!!
Geil, was?

