Sturmfreies Wochenende

Geschrieben am 22 Oktober 2006

(Nachträglich hier noch der Text vom letzten Poetry Slam)

Was hat es mich an Überredungskraft gekostet, nicht mit zur Geburtstagsfeier von Tinas Onkel fahren zu müssen? Plausibel glaubhaft zu machen, dass mein Job, verkleidet als überdimensionale Gurke Kunden in einen Bioladen zu locken, mich die Woche derart überfordern würde, dass ich das Wochenende zum Energietanken benötigte, hatte mich einiges an Phantasie gekostet. Immerhin: Es hatte funktioniert und das sturmfreie Wochenende wollte verplant werden.
Ich rief meinen Freund Robert an, den Tina sonst nicht sonderlich mochte und lud ihn zu mir ein. Wir könnten ein paar Filme gucken, die Biere brachte Robert dazu immer von selbst gerne mit.
Schnell hatten wir uns auf unseren Lieblingsfilm „Fight Club“ geeinigt und ich wackelte in die einzige Videothek unserer 3000-Seelen-Gemeinde.
„Ich bin Jacks hoher Glückshormonspiegel.“

Dort hatte ich nach einer halben Stunde Suche dann auch endlich den Film unter der Rubrik „Horror“ gefunden.
Ohne ihm große Beachtung zu schenken, schnappte ich mir den Plastikstreifen, der vor der Hülle wartete und ging zur Kasse.
Dort erwartete mich bereits eine längere Warteschlange. Ich hatte wohl nicht daran gedacht, dass es Freitagabend war und heute auch die Pornofraktion ihre dicken Hornbrillen durch ihre unangemessen große Abteilung schieben musste.
Ich stand dort und wartete, hörte mir an, wie einer der Angestellten vorne noch einmal den Namen der jeweiligen Filme bestätigte, bevor er diesen einpackte.
Wider Erwarten lieh sich aber ein besonders zerzauselter Mittvierziger aber etwas gänzlich Harmloses, irgendetwas mit „Leidenschaft“ und „Groß“ im Titel eben.

„Hi, Stephan. Schön, dich zu sehen!“
Hinter mir vernahm ich eine altbekannte Stimme. Richtig, Kathrin, Tinas beste Freundin, hatte sich dort eingereiht. In diesem Kaff freitagabends Beknnte zu treffen, war keine Seltenheit.
„Oh. Hi, Kathrin!“
„Du willst dir wohl ‚nen entspannten Abend ohne deine Freundin machen, wie?“ wies sie auf das Plastikkärtchen in meiner Hand, während sie dies sagte.
„Ja, allerdings,“ entgegnete ich, als ich dieses dem Kassierer weiterreichte und erzählte ihr noch von meinem Plan, dazu Robert und seine Biere einzuladen.
„Ich hätte an deiner Stelle auch keine Lust, mir dieses Familiengetue anzutun,“ sagte sie und fuhr fort: „Ich meine, ich bin ja auch im Kirchenkreis und so weiter tätig, aber Tinas Familie dagegen..die sind ja schon nicht mehr konservativ, das ist ja schon jenseits von Gut und Böse.“

Ich wurde abgelenkt. Der Kassierer kam mit der DVD zurück, zeigte sie mir und sagte laut hörbar: „Einmal „Tante Jutta juckt die Kimme“, bitte.“
„Ich bin Jacks pulsierende Schamesröte.“

Da stand ich nun, vor Kathrin, da hätte ich gleich vor der ganzen Stadt stehen können, und hörte den Fluss des Blutes langsam an meinem Innenohr entlangrauschen. Alles, was ich heute an Getränken zu mir genommen hatte, presste sich aus jeder Pore meines Körpers gewaltsam hindurch und es fühlte sich so an, als würde jede Nervenfaser zu zittern beginnen, wie die Froschschenkel, die wir damals im Biologieunterricht unter Strom gesetzt hatten. Doch das hier empfand ich im Gegensatz zu damals nicht als lustig.

„Das muss ein Scherz sein,“ brachte ich immerhin heraus, „ich wollte mir Fight Club ausleihen. Jemand muss dieses Ding da vertauscht haben.“
Wohl wissend, dass das kaum glaubhaft bei Kathrin ankommen würde. Ich Hornochse hatte doch eben noch von einem Männerabend beim Bier geredet, in Abwesenheit meiner Freundin.
Kathrin war hinter mir verstummt, ich wagte es auch nicht, mich umzudrehen und ihr in die Augen zu sehen.
Der Kassierer lächelte verschmitzt, offenbar war ihm diese Situation geläufig. Komm her und bitte mich, dich so fest zu schlagen, wie ich nur kann.
Er beteuerte, dass er den gewünschten Film suchen würde, ging, war aber schnell mit diesem wieder an seinem Platz zurück und händigte ihn mir aus. Bezahlen ginge beim nächsten Mal. Ich drehte mich um und sah in Kathrins Augen. Bohrender hätte ein Blick kaum sein können.
Sämtliche, vor wenigen Augenblicken noch gehegten Symphathien schienen binnen Minutenfrist aus ihrem Gesicht gewischt wie einst ‚45 japanische Städte von der Landkarte.
Und die Explosion, die der Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, ließ vom Zentrum ihres Gesichts zur Peripherie hin ringförmige Krater entstehen.
„Soso, ein Männerabend also, wie?“
„Kathrin, versteh doch bitte…,“ stammelte ich, doch ich bemerkte selbst, es wäre wohl vergebens.
Ich dachte nur noch an die Folgen, sah ein, dass bei der katholischen Kathrin nichts mehr zu retten war. Bald wusste es ihre Nachbarin, darauf die Straße, dann die ganze Stadt. Ich musste ihr zuvor kommen, damit sie nicht größeren Schaden anrichten konnte.
Sollte ich etwa nach diesem Wochenende meine Sachen vor der gemeinsamen Wohnung vorfinden müssen?

Wie von der Tarantel gestochen stürzte ich auf den Parkplatz in meinen Fiesta und holte alles aus der Knutschkugel heraus, was sie hergab. Zuhause nahm ich mir vor, den Anrufbeantworter ihrer Eltern so lange vollzutelefeonieren, bis das Band nichts mehr, auch nicht Kathrin, aufnehmen konnte. Dafür musste ich ja noch nicht einmal reden, ich konnte ja den Hörer einfach liegen lassen, musste nur alle paar Minuten die Wahlwiederholungstaste betätigen.
Mit meinem Handy wollte ich sie gleich anrufen. Unter irgendeinem fadenscheinigen Vorwand, am Besten stundenlang, bis ihr Akku leer war. Ich konnte mich ja betrinken und mir irgendetwas ausdenken, weswegen ich jetzt unbedingt ihre Stimme hören musste. Genau: Ich hatte meinen Job als Gurke verloren, das klang wenigstens glaubhaft. In den Bioladen geht doch sowieso keiner einkaufen bei den Preisen. Hauptsache, ich kam Kathrin zuvor.
Vor der Haustür angekommen, hechtete ich aus dem Wagen, in’s Haus, die Treppe hinauf, bekam vor Aufregung den Schlüssel kaum in das Schloss der Wohnungstür.
„Ich bin Jacks wummerndes Herz.“

Die Tür öffnete sich endlich, ich betrat den dunklen Hausflur. An dessen Ende blinkte im kurzen Intervall ein rotes Lämpchen auf: Ich hatte eine neue Nachricht auf dem Anrufbeantworter!
Bei ihm angelangt, betätigte ich zaghaft den Knopf zum Abhören. Etwas knackte, dann hörte ich eine Frauenstimme. Es war nicht Tina, wie ich erwartet hatte, sondern Kathrin: „Gib dir keine Mühe, Stephan. Tina weiß schon Bescheid über euer Möchtegern-Graf-Pornos. Ich wünsch dir noch ein schönes Wochenende,“ hörte ich sie schnippisch sprechen, worauf sie ein derart hexenhaftes Lachen anschlug, das sie garantiert in einem früheren Leben bei der Inquisition ihrer Lieblingsorganisation erlernt hatte.

Ich setzte mich, war niedergeschlagen, hatte verloren. Sämtliche Anspannung der letzten halben Stunde verdampfte schlagartig aus meinem Körper und ich sackte zusammen, blieb auf dem Flurboden liegen.
Bevor ich erschöpft einschlief und bereits mit den schlimmsten Albträumen rechnete, begann ich damit, mir auszumalen, welch Tirade ich am Montagmorgen über mich ergehen lassen konnte. Ich konnte mich darauf einstellen, die längste Zeit eine Freundin gehabt zu haben und musste wegen des Rufmords mit Sicherheit ausziehen, die Stadt verlassen, noch einmal ganz von vorne beginnen.

Montag früh, 9 Uhr 20 morgens.

Ich hatte die verbliebenen Tage in einer Hölle der Grübelei verbracht. Viel lieber hätte ich mir Tinas Familie angetan als die letzten Tage hier allein. Die letzte Nacht war am schlimmste, ich hatte nicht geschlafen und im Bioladen angerufen, ich könne unmöglich erscheinen. Unter Durchfall würde ich leiden, hatte ich behauptet, und ein bisschen was war da ja auch dran. Als wäre alles aus mir rausgegangen, was mich ausmacht.
Gleich würde sie kommen, dachte ich, und bald hörte ich Schritte auf der Treppe, den Rhythmus, den ich sofort erkannte.
Der Schlüssel drehte sich im Schloss herum, Tina trat ein, mit zwei großen Taschen bepackt. Noch sah sie mich nicht, sondern suchte nach einem Abstellplatz für ihr Gepäck. Als sie einen dafür im Flur gefunden hatte und die Taschen abließ, bemerkte sie mich, wie ich wieder an dieser Stelle im Flur saß. Still. Ich richtete mich auf.
Sie sah mich böse an.
„Tja, sag mal, was machst du hier eigentlich für Sachen in meiner Abwesenheit?“
Ich stammelte, bekam keinen Ton heraus, wollte zumindest versuchen, es ihr zu erklären.
„Sei still!“
Ihr Gesicht hellte sich auf.
„Du Blödmann!“ Sie konnte wieder lächeln.
„Erst war ich ja etwas sauer, aber dann…Schatz, hättest du doch mal was gesagt, dass du unzufrieden bist, wir hätten doch, naja…“
Dann küsste sie mich und es dauerte nicht lange, bis sie mich an der Hand in unser Schlafzimmer zog.

Was soll ich noch sagen? Der Scherz oder Irrtum oder was es auch gewesen sein mag, naja, der hatte gar nicht mal so schlechte Folgen.

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2 Kommentare bis jetzt
  1. Marcel Oktober 23, 2006 16:40

    Sehr schöner Text, habe sehr gelacht!

    Viele Grüße
    Marcel

  2. Mischa Verollet Oktober 25, 2006 7:36

    Schönet Ding :)


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