Der für mich zuständige Sachbearbeiter

Geschrieben am 16 November 2006

Der erste Krach, den ich am neuen Tag hörte, war beinahe imstande, mir die Sinne gleich wieder zu rauben. Lautmalereien wären nicht in der Lage, dieses Geräusch auch nur annähernd zu beschreiben. Es handelte sich vielmehr um ein äußerst lautes Splittergeräusch und war deshalb so laut, weil mein eigener Kopf als Resonanzkörper diente. Der darauffolgende Schmerz schien mir irgendwo zwischen Lobotomie und Enthauptung einzuordnen zu sein.
Es rächte sich, und zwar nicht zum ersten Mal, dass ich seinerzeit so hohe Pfosten für mein Hochbett verwendet hatte. In meinem Zimmer, dass lediglich zwei Meter hohe Wände aufwies. Nur um etwas mehr Platz darunter zu haben. Doch nach und nach stellte ich mir immer häufiger die Frage: Wozu und wofür überhaupt? Der gewonnene Raum wurde nämlich nur durch meine ungewaschenen Klamotten eingenommen.
Ich betrachtete die Stelle unter der Zimmerdecke, die bereits Spuren von meinen vielfachen Kopfstößen gewohnt war und betastete daraufhin meine Stirn. Unter dem Haaransatz spürte ich eine warme Flüssigkeit zäh hervortreten.
Inzwischen konnte ich mich auch wieder erinnern, weshalb ich so plötzlich gegen die Zimmerdecke gestoßen war: Mein altes Telefon hatte geklingelt, obwohl man es seit ca. einem Jahr nicht mehr als Klingeln bezeichnen konnte. Seitdem ich es einstmals fallen gelassen hatte, konnte eigentlich nur noch von einem krächzenden Scheppern die Rede sein. Mittlerweile war es allerdings wieder verstummt.
Ich wagte den Abstieg auf der Holzleiter, um mir im Bad meine Verwundung anzusehen und hoffte, keinem meiner Mitbewohner zu begegnen.
Doch kaum an der Zimmertür angelangt, schepperte es erneut.

Mit der linken die Stirn haltend, hob ich mit der rechten den Hörer ab und meldete mich.
„Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich, Herr Baumann. Huber am Apparat. Ich hoffe, sie hatten angenehme Träume.“
Es war also Herr Huber, mein Sachbearbeiter beim – ich kann’s mir nicht abgwöhnen, es so zu nennen – Arbeitsamt.
„Herr Huber, ich blute!“
„Wie? Ach so, ja? Ähm, Entschuldigung. Dann werden sie mal in Ruhe damit fertig. Ich melde mich später nochmal, ja?“
Entnervt hämmerte ich den Hörer wieder zurück.

Der Herr Huber. Was für eine Marke. Man musste ihn einfach lieb haben. Die Ankündigung, mir eine Arbeit geben zu wollen, konnte ich inzwischen auch nicht mehr recht ernst nehmen. Zunächst kam es mir etwas befremdlich vor, das er sich so sehr um mich kümmerte, mir oft Termine gab, mich sogar anrief. Aber im Laufe der Zeit hatte ich mich daran gewöhnt.

Wie hab’ ich doch damals noch vor Angst gezittert, als ich das erste Mal zum Arbeitsamt musste. Zwei Jahre mochten seit dem in’s Land gegangen sein. Ich weiß noch, wie ich unruhig ich auf dem Stuhl vor seiner Tür herumrutschte, fast war ich überzeugt davon, es läge an meinen Schweißausbrüchen, dass ich mich nicht darauf halten konnte. Doch als ich hereingerufen wurde, bemerkte ich, dass auch mein künftiger Sachbearbeiter zu schwitzen hatte, und zwar nicht vor Nervosität. Am heißen Wetter konnte es jedenfalls nicht liegen, draußen schneite es stürmisch. Es war Januar.
Kurz zuvor arbeitslos geworden – wieso bin ich auch Erzieher geworden, wenn’s nix zum Erziehen gibt? - erwartete ich nun harte Sanktionsmaßnahmen und viele Pflichten. Herr Huber aber lächelte und bot mir einen Kaffee an, den er gerade frisch aufgebrüht hatte:
„Der ist wirklich gut, den schickt mir meine Mama immer mit der Post,“ hatte er dazu gesagt und gelächelt. Ich hatte es mit einem untersetzten Mann Mitte vierzig zu tun, der Kehrpakete von seiner „Mama“ bekam.

Er hörte sich mein Anliegen, meine Vita geduldig an, und tipperte mit seinen dicken Fingern auf der Tastatur herum, auf der Suche nach Arbeit für einen Willigen wie mich.
„Also, wenn es sie nicht stört, hier wäre noch eine Stelle im Winterdienst ..“
Was? Bei dem Wetter?“brachte ich unachtsam hervor.
Herr Huber schaute zunächst mich an, blickte sodann nach draußen.
„Ja, stimmt. Sie haben wohl recht. Das kann man ja keinem zumuten.“

Was Herr Huber zu Beginn noch nicht ahnen konnte, war: Ich wollte gar nicht arbeiten. Doch er schien irgendeinen Narren an mir gefressen zu haben, und so spielten wir dieses Spiel weiter, auch, als er Stellen fand, die zu mir passen wollten. Bei einem anderen Gespräch - dieses Mal hatte Mutti Mozartkugeln geschickt - schlug er mir sogar etwas in der Art vor:

„Ein paar Straßen weiter eröffnet demnächst so ein neuer Elite-Kindergarten. Wäre das nicht was für sie?“
„Elite-Kindergarten?” rief ich empört. “Geht’s noch? Was soll das denn jetzt wieder krankes sein? Aus „Rappelkiste“ und „Wuselvilla“ wird die „Albert-Einstein-Gedächtniskrippe“? Ich seh’s förmlich schon vor mir: Kleine Kinder mit riesigen EEG-Helmen auf dem Kopf, die wie wild an Rubik-Würfel herumdrehen.”
Herr Huber schaute mich fast gekränkt an, als ob ich seinen Vorschlag angreifend aufgefasst hätte. Er blickte wieder zurück auf seinen Bildschirm und sagte geknickt:
“Na gut, ich sehe schon. Wenn sie da solche Bedenken haben, würde das wahrscheinlich auch keinen Sinn machen.”

Sofort hatte ich ein schlechtes Gewissen, es zerbrach mir beinahe das Herz. Ich versuchte ihn, mit einigen netten Worten wieder aufzumuntern und bald konnte er auch wieder lächeln.
So ging das weiter, bei jedem Termin, den ich bei ihm wahrnahm. Herr Huber schlug etwas vor, und mir wurde immer deutlicher klar, dass er mir niemals Widerworte entgegnet hätte. Nicht einmal der Gedanke an Leistungskürzungen kam auf. Stillschweigend betrachteten wir uns gegenseitig als gute Ergänzung. Schließlich brauchte er auch mich als Bedürftigen.

Hatte ich mich zu Beginn noch gesträubt gegen die vielen Termine und die dann beginnenden Anrufe seinerseits, verspürte ich irgendwann nichts Komisches mehr daran.

Einen Tag nach meinem Hochbett-Unfall wurde für mich ein kleiner Blumenstrauß abgeben. Die Mitbewohner höhnten etwas von einer Verehrerin, doch das kleine Kärtchen dazu verriet etwas anderes:

Werden Sie bald wieder gesund. Es gibt wieder etwas zu tun. Liebe Grüße, Huber.

„Es gibt wieder etwas zu tun“. Darüber konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen.

Nachdem meine Stirn sich wieder nach einigen Tagen etwas erholt hatte, brachte ich eines Nachmittags mein Leergut zum Container. Es hatte sich eine beträchtliche Menge angesammelt, und so klirrte ich die Straße mit mehreren gefüllten Plastiktüten entlang.
An der Ampel angekommen, stierte ich sinnbefreit in die Luft, als mich von gegenüber ein Ruf ereilte:
„Hallo, Herr Baumann.“ Es war natürlich Herr Huber. Bis ich die Straße überquert hatte, wartete er geduldig. Ich grüßte und er wies auf meine Lasten.
„Jaja, ich bin mal wieder für die WG dran, zum Glascontainer zu gehen,“ log ich etwas.
Er bot an, mir etwas abzunehmen und ich gab ihm bereitwillig zwei der Tüten ab. So standen wir wenig später gemeinsam vor dem Container und warfen meine leeren Flaschen ein.
„Ach ja, stimmt, sie sagten ja mal, dass sie in einer WG wohnen, nicht wahr? Das stelle ich mir spannend vor. Da ist man bestimmt nie so alleine, oder?“
Und während er noch auf eine leere Flasche wies (”Oh, das hier war aber bestimmt lecker.”), lud ich ihn zu mir auf einen Kaffee ein, damit er sich gerne vom Gegenteil überzeugen könne.

Es ist jetzt ungefähr eine Woche her, dass Herr Huber diese Einladung auch wahrnahm. Er war ungeheuer begeistert von der gemeinsamen Wohnküche und – merkwürdigerweise – dem Abwaschberg. Das wirke so lebendig, hatte er gesagt, und nicht so pedantisch sauber wie in seiner Single-Wohnung. Er würde auch einmal gerne WG-Erfahrung sammeln. Meine Mitbewohner beäugten den Mann vom Arbeitsamt – wie er sich vorstellte – zwar sehr misstrauisch, aber seitdem habe ich wieder Verwendung für den Platz unter meinem Hochbett gefunden.

Herr Huber hat übrigens einen sehr ruhigen Schlaf.

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Kommentare

5 Kommentare bis jetzt
  1. MaSch November 16, 2006 14:44

    Cooler Text. Den Typus “Huber” findet man ja öfter. ;-)

  2. Mischa Verollet November 16, 2006 22:53

    Rouven! Hab ich dir eigentlich schon zu deinem besten Bunkerauftritt bislang gratuliert? Nein? Hiermit geschehen! Und diesen Text wollen wir Samstag beim Wortpalast hören!!!

  3. Rouven November 16, 2006 22:56

    Vom eigenen Empfinden her hatte ich schon bessere. Trotzdem danke ;-)

  4. El Glasiatore November 20, 2006 11:44

    Spitzentext! Hat es wirklich in sich!

  5. Lars Dezember 30, 2006 15:39

    Tach!

    Schöner Text, hat mir in Hameln gut gefallen.

    Grüße,
    Lars


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