Verseelt
Geschrieben am 23 November 2006
Neulich bin ich über den Bielefelder Kanal 21 gezappt und musste kurz bei dem Sender innehalten. Dort wurde offenbar über eine Kirchengemeinde während eines abendlichen Gottesdienstes berichtet, deren Mitglieder zu den unvermeidlichen Gitarren- und Keyboardklängen tanzten und sangen, hoben dabei die Arme gen Himmel. Jeder einzelne wiegte sich mehr oder weniger gut im Rhythmus und hielt dabei die Augen geschlossen.
Fast dachte ich…, ach, was heißt “fast”? Ich dachte, der Kanal 21 berichtet plötzlich über Sektenrituale, doch ich hatte die Szene wohl - wie so oft - überinterpretiert. Es handelte sich um einen Beitrag über die Aktion “On The Move“, die seit einigen Jahren anscheinend auch in Bielefeld läuft. Im Internet wird diese Aktion offen als “Mission” bezeichnet.
Dieserorts gestaltete sich das so, dass sich 26 evangelische Kirchen und Gemeinden zusammenschlossen und mit mehreren Aktionen auf sich aufmerksam machten: Mal wurde die Fußgängerzone mit christlichen Klängen beschallt, ein Gottesdienst im Freien bei Nacht abgehalten oder am Jahnplatz über die kostenlose Currywurst hinweg über Gott geredet. Letztere hatte dann auch zur Folge, dass sich natürlich reichlich mittellose Menschen dort ansammelten, die einfach nur Hunger hatten statt sich taufen zu lassen. Ob das so beabsichtigt war, soll mal dahingestellt bleiben, immerhin wurde so zumindest dem christlichen Gedanken der Nächstenliebe gehuldigt. Dennoch wirkte das etwas befremdend. Der Bericht an sich bemühte sich nicht zu kommentieren und beschränkte sich auf’s Zeigen, aber die Auswahl der Bilder kann schließlich auch schon ein Kommentar sein.
Wie ich schon hier und dort habe durchscheinen lassen, gehöre ich zu den Leuten, die nur ungerne auf den Glauben hin angesprochen werden wollen, schon gar nicht zu denjenigen, die mit Freude missioniert werden wollen. Auf der Straße darf man mir daher aus diesem Grunde aus dem Weg gehen. Jedem sein’s, aber bitte nicht aufdrängen. Man sollte anderen ihr Glück nicht aufzwingen, vielleicht sehen diese es woanders verborgen.
Es gab auch ein, zwei Interviews einiger an der Aktion Beteiligter. Sie berichteten davon, wieviel “Hoffnung” sie aus ihrem “Glauben” schöpften, wieviel Liebe sie empfangen und geben. Schön und gut.
Gruselig und unheimlich kam mir persönlich dieses bestimmte Lächeln vor, das die Interviewten ausstrahlten, wenn sie davon sprachen, wie “beseelt” sie sie sich doch fühlten.
“Be-seelt”! Welch’ ein sonderbares Adjektiv, wenn man einmal genauer darüber nachdenkt. Nicht einfach nur eine Eigenschaft zu besitzen, sondern als wäre man mit einer Seele von außen ausgestattet worden. Als hätte der liebe Gott einen mit einer Seele be-huft, und nun müsse man sich damit nun abplagen. Doch kaum trägt man das Ding mit sich herum, bekommt man dieses an Wahnsinn grenzende, entrückt aussehende Lächeln mit dazu. Bedenkt man, wie befremdend dieser (Gesichts-) Ausdruck auf den Hauptteil der Gesellschaft wirkt, sollte man eventuell besser von “ver-seelt” reden.
Aber das war wahrscheinlich nur ein Grenzfall, den ich da gesehen habe. Hier gucken ja auch eine Menge Christen rein, die ansonsten ganz lieb sind.
Kommt mir jetzt bitte nicht mit besorgten Anfragen wie “Wenn du keinen Glauben hast, wo ist dann der Sinn deines Lebens?”, oder so ähnlich. Ich glaube nicht, vielleicht an die ein oder andere Belanglosigkeit (Ich glaube, morgen werde ich verschlafen). Aber das Leben selbst hat überhaupt gar keinen Sinn. Kann es ja auch gar nicht haben. Und das meine ich nicht pessimistisch oder wie Herr Bastian B. aus Emsdetten.


evangelisch oder evangelikal? oder doch pfingstler?
was es alles so gibt…
ich empfehle religion-plural.org , eine religionswissenschaftliche totalerhebung aller spinnerten und nicht-spinnerten religionsgruppen in nrw - auch für nicht-religionswissenschaftler durchschaubar und durchaus lustig
Tatsächlich interessant, was es alles so hier gibt. Aber in der Sendung hieß es wirklich nur “evangelisch”.