Jameson kann warten
Geschrieben am 1 Dezember 2006
Rubrik “Geschichten, die kurz nach ihrem Beginn aufgrund plötzlicher Motivationsunlust ein jähes (und schlechtes) Ende erleiden”
Jameson stand an der Hausecke und verbarg sich hinter der dort in den Boden verlaufenden Regenrinne. Hier wurde er vom Dunkel des Schattens geschützt und vorsichtshalber hielt er seine Zigarette in der Handinnenfläche verborgen, damit deren Glut ihn nicht verriet. Seine Hutkrempe ließ es gerade noch zu, dass sein Blick sich auf den gegenüberliegenden Hauseingang heften konnte, so dass ihm nicht entging, wer das Gebäude verließ oder betrat.
Pflichtbewusst wie er war, hielt er es selbst in dieser klirrendkalten Nacht aus, um nächstentags auftragsgemäß berichten zu können und die Photos zu entwickeln, für die er die Kamera griffbereit hielt. Der Besuch, den er unter dieser Adresse erwartete, wäre mit Sicherheit imstande, einen landesweiten Skandal auszulösen.
Doch als selbst nach fünf Stunden beharrlichen Wartens - der Morgen graute bereits und der Zeitungsjunge hatte schon die Times vor der Tür zurückgelassen – sich niemand erbarmt hatte, den Eingangsbereich des Hauses zu betreten, entschloss sich Jameson, den Heimweg anzutreten, durch die inzwischen beständig größer werdende, ausgeschlafene Menschenmenge auf dem Weg zu ihren tageslichtdurchfluteten Arbeitsplätzen. Jameson dachte an sein Bett und nur noch daran, gleich sanft zu träumen. Vielleicht von der schönen Miss Palmer, seiner Auftraggeberin, der rassigen Blondine mit dem osteuropäischen Akzent. Mann, war die lecker…

